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»Als Artaxas uns verriet, dass Orimedes ihm Gold für unsere Rettung versprochen hatte, da ahnte ich, dass mein Vater ein doppeltes Spiel trieb. Doch was hätte ich tun sollen? Der Weg zurück war mir da schon verstellt. Übrigens wollte dein Gefährte das Gold nicht mehr annehmen. Er erzählte, es sei ihm eine Freude, einer der Hauptdarsteller in der großartigsten Schmierenkomödie gewesen zu sein, von der er je gehört habe. Ein seltsamer Kerl, dieser Lamassu.«

»Und wenn seine Häscher ihm die Köpfe von dir und Kirta gebracht hätten?«

Nestheus lächelte. »Unsere Märchen gehen immer gut aus. Wolltest du nicht aufhören, Fragen zu stellen?«

Melvyn trat näher an den Kentauren und versetzte ihm einen kameradschaftlichen Knuff. »Es tut gut, dich in einem Stück wieder zu sehen, verdammter Mistkerl. Und eines verspreche ich dir, ich werde mit dir und Artaxas nie wieder auf ein Fest gehen!«

»Da müsste ich dich hier unten einsperren lassen, denn oben erwartet uns der Leichenschmaus. Die Lutin haben ganze Berge von Fleisch für die Feierlichkeiten herangeschafft.«

Melvyn blickte zu dem frischen Blutfleck an der Wand. »Habt ihr hier unten einen Büffel zu Ehren der Toten geopfert?«

Der Fürst sah ihn verwundert an. »Nein, wie kommst du darauf?«

Der Schleicher

Es war nicht gut, ein Diener zu sein! Alle waren bei dem Fest, nur er durfte dort nicht hingehen, dachte Klaves traurig. Kommandant Elija hatte ihm streng verboten, auch nur in die Nähe der Pferdemänner zu gehen. Und dann hatte er ihm noch eingeschärft, dass Diener keine Fragen stellten. Er war wohl ein schlechter Diener, überlegte Klaves. Wenn er den Lutin schon keine Fragen stellen durfte, dann fragte er sich zumindest selbst, warum sich alles so verändert hatte, seit sie hierher gekommen waren. Er konnte spüren, dass die Lutin Angst hatten. Warum waren sie überhaupt hier, wenn sie diesen Ort fürchteten?

Den ganzen Winter über war die Herde mit den Trolltrotteln gezogen, und man hatte ihm streng verboten, noch einen von den Kerlen umzubringen. Sogar sein Schwert hatte er Elija geben müssen. Der war sehr böse mit Nikodemus gewesen, weil er Klaves mit auf das Totenfeld genommen hatte.

Immer wieder hatten sie den Trolltrotteln Hügel geöffnet und Fleisch daraus hervorgeholt. Die Trolltrottel hatten sogar die Pferdemänner aus den Hügeln gefressen! Sie fraßen wohl alles. Und sie hatten immer Hunger. Aber zu den Lutin waren sie freundlich. Nur ihn mochten sie nicht, dachte Klaves bedrückt. Elija hatte ihm befohlen, stets eine eng anliegende Haube zu tragen. So eng war sie, dass sie ihm die Ohren quetschte! Er hatte immer Schmerzen, wenn er sie aufhatte. Dafür waren oben auf die Kappe große Pferdeohren genäht. Sie sahen sehr eindrucksvoll aus! Aber besser hören konnte er nicht, weil sie auf der Kappe waren.

Er musste wohl sehr dumm sein, überlegte Klaves. Richtig verstanden hatte er nicht, warum sie hier waren. Etwas sollte geheim bleiben. Das hatte der König von all den unendlich vielen Trolltrotteln befohlen. Klaves konnte verstehen, dass es besser war, nicht anderer Meinung zu sein als so viele Trolltrottel. Deshalb waren Elija und die Herde hierher gekommen. Sie hatten den Hügel geöffnet, ohne dass die Trolltrottel zum Essen gekommen waren.

Eine verdammte Knochenarbeit war das gewesen, die steinhart gefrorene Erde des Hügels aufzuhacken. Sonst gab es immer Trolltrottel, die diese Arbeit erledigten. Und dann musste das ganze Fleisch herausgeschleppt werden. So viel Fleisch!

Sie hatten es ein gutes Stück vom Hügel weggebracht und inmitten ihres Lagers zu einem Haufen aufgeschichtet, den sie dann noch mit Schnee bedeckt hatten. Und als die ersten Pferdemänner kamen, hatte Elija befohlen, ihnen Fleisch zu schenken. Aber immer nur ein paar Büffelhälften. Der Berg inmitten ihres Lagers war davon kaum kleiner geworden. Es war einfach viel zu viel Fleisch! Sie konnten es auch nicht mit der Herde mitnehmen. Selbst wenn ihre Hornschildechsen noch all ihre Brüder, Vettern und Schwestern an der Seite gehabt hätten, wären sie nicht genug gewesen, um das Fleisch fortzutragen.

Als die Pferdemänner mit den Tagen immer mehr wurden, war der Fleischberg langsam kleiner geworden. Heute gab es ein Fest bei dem Hügel, in dem das Fleisch gewesen war. Klaves hatte sich dort zwar nicht blicken lassen dürfen, aber aus der Ferne hatte er sie beobachtet. Viele seltsame Geschöpfe hatten sich dort versammelt. Krieger, die noch größer waren als Trolltrottel und spitze Hörner auf dem Kopf trugen. Und es waren Pferdemänner gekommen, die auseinander brechen konnten.

Manche der Lutin beherrschten diesen Zauber auch. Sie wurden eins mit den Ponys im Lager, und wenn sie genug davon hatten, über die verschneite Steppe zu rennen, dann brachen sie wieder auseinander. Klaves hatte das einmal versucht, aber das verdammte Pony hatte ihn so heftig getreten, dass er drei Tage hinken musste. Er war eben kein Zauberer, sondern nur ein Diener!

Nur warum die Lutin solche Angst hatten, verstand er nicht. Und dann war da diese Sache heute Nachmittag. Ein Kerl, der genauso schrecklich verwachsen war wie er selbst, war um das Lager der Hornschildechsen geschlichen. Der hatte Elija große Angst gemacht. Danach war der Kommandant zu ihm gekommen. Er hatte ihm ein langes Messer gebracht. Das Messer musste verzaubert sein! Klaves streichelte über den Griff an seiner Seite. Er hatte es in die Hand genommen, und es war, als sei es schon immer ein Teil von ihm gewesen. Noch viel besser als das Messer, mit dem er den Trolltrottel getötet hatte. Elija hatte ihm versprochen, dass er es behalten durfte. Und dann hatte Elija ihm auch schöne weiße Kleider bringen lassen. Sie waren genau richtig für ihn gewesen. Darüber wunderte sich Klaves immer noch. Sonst musste er immer Kleider tragen, die ihm nicht richtig passten. Und sie waren wunderbar warm! Klaves lächelte träumerisch. Wenn er seine Sache gut gemacht hatte, dann würde er Elija fragen, ob er die Kleider nicht auch behalten dürfte. Niemand sonst in der Herde konnte damit etwas anfangen. Schließlich hatte niemand sonst so grässlich lange Arme und Beine.

Klaves streckte sich. Obwohl er auf einem dicken weißen Fell lag, wurde ihm doch langsam kalt. Er blickte zu den vielen Feuern, die rings um den Grabhügel brannten. Langsam wurde es dort stiller. Sie hatten gefressen wie die Trolltrottel, die Pferdemänner und all die anderen. Elija schien sich unnötige Sorgen gemacht zu haben. Er hatte befürchtet, dass der Schleicher vom Nachmittag wiederkommen würde, um in das Lager der Herde einzudringen, wenn alle schliefen.

Klaves kratzte sich an der engen Kappe. Wenn ihm nur seine Ohren nicht so wehtun würden! Und zu allem Überfluss hatte er sich noch eine weiße Maske vor das Gesicht binden müssen. Elija meinte es gut mit ihm! Er hatte sich Sorgen gemacht, dass ihn der Wind ins Gesicht kneifen würde, wenn er die ganze Nacht Wache hielt. Schließlich hatte er ja nicht so ein schönes Fell im Gesicht wie die Lutin.

Klaves hielt den Atem an. Ein Geräusch! Hinter ihm! Lautlos drehte er sich um. Das lange Messer glitt in seine Hand. Wie wunderbar es sich anfühlte!

Eine kleine Gestalt zeichnete sich vor dem Schnee ab. Sie trug etwas. Trotz der Finsternis erkannte er den breiten, bestickten Schal. Ganda! Sie mochte er ganz besonders. Obwohl sie eine sehr merkwürdige Lutin war. Nie durfte er für sie einen Dienst erledigen. Und manchmal, wenn es besonders kalt war, holte sie ihn in ihr Zelt, obwohl Elija das streng verboten hatte. Klaves erinnerte sich, dass er dort auch gewesen war, als all seine Glieder vor Schmerzen gebrannt hatten. Sie hatte ihn manchmal mit Öl und seltsam klebrigem Zeug eingerieben und nach und nach all seine Schmerzen fortgezaubert. Sie war eine große Zauberin! Wenn die Herde wandern musste, dann schnitt sie immer wieder Tore in die Luft. Dahinter lag Finsternis. Die anderen Lutin waren ein wenig unruhig, wenn man durch diese Tore ging. Auch die Hornschildechsen. Aber alle sagten, dass man viel schneller vorankam, wenn man durch die Dunkelheit ging.