Fünf der schwarzen Trollgaleassen lagen an der langen Mole. Bisher hatte sich Elodrin an die schwache Hoffnung geklammert, dass Fenryl sich in seiner Falkengestalt vielleicht geirrt hatte. Ein Vogel konnte schließlich nicht zählen! Aber jetzt wurde ihm klar, wie töricht das gewesen war. Auf fünf Galeassen konnten sogar mehr als tausend Krieger transportiert werden.
Der Fürst tauchte erneut. Die anderen Schwimmer waren nur noch als ferne bleiche Schemen zu erkennen. Er verdrängte alle Sorgen und konzentrierte seine Kraft darauf zu schwimmen. Mit langen, kräftigen Stößen holte er auf. Dann stemmte er sich durch die dunkle Öffnung in der Hafenmole. Sie lag dicht über dem Felsgrund der Bucht.
Panik sprang ihn in dem engen Tunnel an. Seine Lungen brannten, bald würde ihm die Luft ausgehen. Völlige Finsternis hielt ihn nun gefangen. Seine Schulter schrammte über rauen Fels. Er drehte sich und stieß nun auch mit dem Kopf gegen eine Felskante. Erschrocken atmete er aus. Mit Händen und Füßen versuchte er sich abzustemmen. Er hatte die Orientierung verloren. Wo war oben, wo unten? In welcher Richtung gelangte er tiefer in den Fels? Welcher Weg führte zurück ins Hafenbecken?
Ein Licht glomm in der Finsternis. Matt, fern. Mit unsicheren Schwimmbewegungen bewegte Elodrin sich darauf zu. Das Licht wurde größer. Ein mattgelber Schimmer. Über ihm schimmerte eine glatte Wasseroberfläche.
Ein letzter Schwimmstoß, dann endlich konnte er wieder atmen. Keuchend rang er nach Luft. Er war in eine weite Grotte gelangt. Wie ein schwarzer Spiegel schimmerte das Wasser darin. Die Wände rings herum waren weiß von Kalk. Barinsteine waren in die Felsen eingelassen und spendeten ein warmes, gelbes Licht.
Der Fürst tastete nach seiner Stirn. Er blutete. Für einige Herzschläge schloss er die Augen. Er versuchte nicht daran zu denken, dass sich über dieser Grotte die Felsnadel und der riesige Turm erhoben. Er war eingeschlossen in Stein wie die kleinen Tierchen, die man manchmal in klarem Bernstein sah.
Unsinn, schalt er sich in Gedanken. Es gab den Tunnel zum Hafen und es gab dutzende weitere Tunnel, die aus dieser Grotte hinauf in die Trollfestung führten. Wie in den meisten Burgen, die sie erbaut hatten, so hatten die Kobolde auch hier ein Labyrinth von Gängen und versteckten Kammern erschaffen. Eine zweite Felsenburg, in der sie sich verborgen vor den Blicken ihrer Herren bewegen konnten. Die Kobolde, die diesen Ort erschaffen hatten, waren längst verschwunden. Aber ihr Vermächtnis würde den Trollen der Nachtzinne den Untergang bringen.
Elodrin schaffte es, seine Panik einzudämmen. Er zwang sich, regelmäßig zu atmen. Überall entlang des Ufers bewegten sich Elfenkrieger.
Mit gleichmäßigen Zügen schwamm der Fürst zu einem flachen Felsen und zog sich hinauf. Shalawyn eilte ihm entgegen. Sie betrachtete kurz die Wunde an seinem Kopf, enthielt sich aber jeglicher Bemerkung. »Es gibt eine unerwartete Schwierigkeit, Fürst.«
Elodrin runzelte ungehalten die Stirn. Pochender Schmerz erinnerte ihn an die Wunde. »Welche?«
»Die Koboldtunnel. Jemand hat sie mit Geröll gefüllt. Wir konnten bislang keinen Weg nach oben finden.«
An seidenen Seilen
Kadlin zog die Sehne bis zu ihrer Wange und ließ den schwarz gefiederten Pfeil fliegen. Sie hatte auf den Troll mit der riesigen Keule gezielt, der, die Waffe mit beiden Händen schwingend, die Formation der Langspeerträger durchbrochen hatte.
Der böige Wind zerrte an Kadlins Umhang und brachte den Pfeil ins Trudeln. Das Geschoss verfehlte den Troll um mehr als einen Schritt. Hilflos fluchend tastete sie nach dem Köcher an ihrer Seite. Die Hälfte der Pfeile war schon verschossen, und sie hatten fast keinen Schaden angerichtet.
Die Jägerin fühlte sich elend. Sie stand am Rand einer steilen Felsklippe mehr als hundert Schritt über dem Schlachtfeld. Hier war sie in verhältnismäßiger Sicherheit. Doch sie musste hilflos dem Gemetzel zusehen.
König Alfadas hatte mehr als dreitausend Krieger in das schmale, von Steilklippen eingefasste Tal geführt, das nahe der Trollburg lag. Nach Firnstayn zurückgekehrt, waren alle waffenfähigen Männer der näheren Umgebung zusammengerufen worden. Viele waren nur einfache Bauern oder Handwerker. Langspeerträger stellten die Mehrheit der Krieger. Ihre Waffen waren mehr als zweieinhalbmal so lang wie ein ausgewachsener Mann. Sie schlossen sich zu dichten Menschenblöcken zusammen. Die Speere nach vorn gerichtet, waren sie ein fast unüberwindliches Hindernis, so lange sie ihre Formation behielten.
Hinter dem Wall aus Speeren warteten drei Blöcke von Stangenbeilträgern. Diese Waffen waren für den Kampf gegen Trolle ersonnen worden. Man hatte Äxte auf besonders lange Schäfte gesetzt, um im Kampf gegen die Trolle mehr Abstand zu den Ungeheuern halten zu können. Diese Krieger sollten eingreifen, falls die Trolle es schafften, durch die Kampflinie der Speerträger zu brechen. Und sie hatten alle Hände voll zu tun, denn immer mehr Trollen gelang es, sich durch die Reihen der Speerkämpfer zu schlagen; die um sich greifende Panik vergrößerte die Lücken in der Schlachtlinie weiter.
Kadlins Finger waren steif vor Kälte, als sie zitternd einen neuen Pfeil auf die Sehne legte. Ihr standen Tränen in den Augen, so hilflos und wütend war sie. Das Wetter machte all ihre Pläne zunichte! Es war viel zu kalt für diese Jahreszeit. Heute Morgen waren siebzehn Männer nicht von ihren Schlafplätzen aufgestanden. Dutzende hatten Erfrierungen an Händen, Füßen und im Gesicht.
Verzweifelt blickte sie zu den hundert Reitern, die sich in einer Bodensenke ein gutes Stück hinter der Schlachtlinie verbargen. Es waren die besten Kämpfer des Königreichs. Alfadas selbst führte sie an. Sie würden angreifen, wenn die Trolle glaubten, der Sieg sei schon nahe. Björn war dort unten. Kadlins Kehle schnürte sich zu vor Angst. Ihr Björn! Die Männer dort unten konnten nicht sehen, was sie sah. Hunderte von Trollen waren in dem langen Tal. Es waren viel zu viele! Wenn die Elfen nicht bald kamen, dann würde die Schlacht in einem grausigen Gemetzel enden! Und sie war dazu verdammt, von hier oben hilflos zuzusehen.
»Wir müssen näher heran!«, rief der Befehlshaber der Elfenbogenschützen. Er sprach das Fjordländische auf eine seltsam singende Art aus. Und er wirkte unangemessen ruhig. Dass zu ihren Füßen hunderte von Männern starben, schien ihn nicht im Geringsten zu berühren. Und überhaupt: Was sollte das heißen, sie müssten näher heran. Sie standen schon am Rand der Steilklippe. Ein Schritt weiter, und sie würden in den Abgrund stürzen!
»Findest du, wir sollen die Trolle mit unseren Leibern erschlagen, wenn wir sie schon nicht mit unseren Pfeilen töten können?«, schrie sie ihn an. Sie war sich bewusst, dass sie ihre hilflose Wut an ihm ausließ, und war dankbar zugleich, ein Opfer gefunden zu haben. Der Elf trug ein dünnes weißes Hemd mit einer aufgenähten Kapuze. Auch seine übrigen Kleider waren weiß, ja, sogar sein Schwertgurt, der Köcher mit Pfeilen und sein Bogen. Schon auf ein paar Schritt Entfernung war er bei leichtem Schneetreiben so gut wie unsichtbar. Die Krieger aus seinem Gefolge waren ganz ähnlich ausgerüstet. Und noch etwas anderes hatten sie gemeinsam. Sie alle waren viel zu dünn angezogen. Wahrscheinlich konnten sie sich als Elfen durch irgendeinen Zauber gegen die Kälte schützen. Doch genau das gab ihnen in Kadlins Augen nicht das Recht, sich so überheblich aufzuführen, wie sie es taten. Sie ließen keine Gelegenheit aus, den Menschen zu zeigen, dass sie ihnen in allem überlegen waren. Sie konnten länger durch den Schnee wandern, besser schießen und schienen sich sogar in den Bergen rings um Firnstayn besser auszukennen als die Menschen, die dort schon seit Generationen lebten.
Aber was waren das für Leistungen, wenn ihnen die Magie die Mühsal des Überlebens nahm? Kadlin verachtete die Maurawan! Wenn man auf dem tiefen Schnee gehen konnte, statt sich mühsam einen Weg durch ihn bahnen zu müssen, wenn man den Stachel der Kälte nicht fühlte und nicht mit der Angst einschlief, am nächsten Morgen mit erfrorenen Füßen zu erwachen, und wenn man verzauberte Bögen hatte, mit denen man niemals sein Ziel verfehlte, was hatte man dann selbst geleistet, worauf man sich etwas einbilden durfte? Nichts!