Ein Stein schlug dicht neben Kadlin gegen die Felswand. Feine Splitter spritzen gegen ihre Wange. Kaltblütig streckte sie sich. Sich ducken half nicht, so konnte sie nicht schießen. Sie spannte den Bogen erneut, suchte sich einen der Jünglinge aus und ließ den Pfeil von der Sehne schnellen. Der Treffer riss den Troll nach hinten. Ohne Triumph zu empfinden, zog sie den nächsten Pfeil auf die Sehne.
Etwas Großes, Weißes stürzte an ihr vorbei. Sie konzentrierte sich ganz auf den nächsten Schuss.
Wieder schlug ein Stein ganz in ihrer Nähe gegen die Felswand. Vom Schlachtfeld schrieen ihr Waffengeklirr und Todeslaute entgegen. Doch an diesem Todeslied hatte sich etwas verändert. Neue Stimmen waren hinzugekommen. Stimmen, die weit über ihr erklangen.
Wieder stürzte etwas an ihr vorbei ... Jemand! Er war so nah gewesen, dass sie sein Gesicht gesehen hatte. Guthorm, ein etwas korpulenter junger Bogenschütze, der sie mit seinen Späßen über seinen ungezügelten Appetit immer wieder zum Lachen gebracht hatte.
Kadlin legte den Kopf in den Nacken, aber ein Felsüberhang versperrte ihr den Blick hinauf zum Rand der Klippe. Dafür sah sie noch drei weitere Gestalten mit weit ausgebreiteten Armen in den Abgrund stürzen. Einer von ihnen hatte einen Trollkrieger mit in den Tod gerissen.
Kalf hing immer noch an seinem Seil über dem Abgrund. Verzweifelt schaukelnd suchte er einen Halt an der Steilwand zu finden.
»Hierher!«, schrie Kadlin und streckte ihm die Hand entgegen. »Lass etwas Seil nach! Komm tiefer.«
Ein Stück links von ihr ging ein Hagel von Eisklumpen und Felsbrocken nieder. Zwei Bogenschützen wurden von den Felssimsen gerissen, auf denen sie Halt gefunden hatten.
»Mach schon, Vater!«
Der stämmige Jäger schlug gegen die Felswand. Verzweifelt glitten seine Hände über den Stein.
Jetzt ging dicht vor ihnen ein Geröllschauer nieder. Doch der Überhang, der die Sicht auf den Klippenrand blockierte, bewahrte sie davor, getroffen zu werden.
Etwas streifte Kadlins Gesicht. Es gab einen leichten Ruck in dem Gurtzeug. Das Seil! Ihr Seil war durchgeschnitten worden.
Mit schreckensweiten Augen sah ihr Vater sie an. Wieder schlug er gegen die Felswand. Seine Hände und Füße glitten Halt suchend über den Stein. Ein plötzlicher Ruck ließ ihn erzittern. Er glitt tiefer ... Stürzte! Fassungslos blickte Kadlin ihm nach. Sie sah seine massige Gestalt gegen einen Felsvorsprung schlagen. Die kräftigen Hände, die so oft ihren Kopf getätschelt hatten, versuchten noch ein letztes, verzweifeltes Mal, Halt zu finden.
Kadlin vergaß völlig, dass sie nicht mehr angeseilt war. Sie beugte sich vor. Jetzt endlich fand sie die Kraft, Kalfs Namen zu rufen. Voller Schmerz, beschwörend ...
Ein Arm schob sich über den Felsvorsprung. Dann erschien Kalfs Gesicht, bleich und zu einer Grimasse der Qual verzerrt. Langsam, Zoll um Zoll, schob er sich auf den vereisten Felsvorsprung. Seine linke Gesichtshälfte war übel zugerichtet. Er saß jetzt rittlings auf einem Felsvorsprung. Seine Beine baumelten über dem Abgrund, aber er hatte sicheren Halt.
»Luth sei Dank.« Kadlin standen Tränen in den Augen.
»Wenn ich hier lebend herauskomme, dann stelle ich dir zu Ehren einen Eisenbart auf einem Pilgerweg auf und werde ihn jedes Jahr besuchen, um dort zu opfern.«
Kalf legte den Kopf in den Nacken und blickte zu ihr auf. Erschöpft hob er einen Arm, um ihr zu winken. Im nächsten Augenblick wurde er nach hinten gerissen und verschwand im Abgrund.
Fassungslos starrte Kadlin hinab. Er war doch in Sicherheit gewesen! Er ... Ein gellender Schrei ertönte. Rechts neben ihr wurde ein Maurawan aus der Felswand gerissen. Auch er hatte sicheren Halt gehabt.
Das Seil ... Sie reckte sich. Unten am Fuß der Steilklippe suchten zwei Trolle nach herabhängenden Seilen. Kadlin hob ihren Bogen.
Sie fühlte nichts mehr, als sie sich unvernünftig weit vorbeugte, um einen Pfeil in die Tiefe zu schicken. Ihr Geschoss drang dem linken Troll durch die Schulter ins Herz.
Wie eine Handpuppe, die von einem fremden Willen beherrscht war, legte sie einen weiteren Pfeil auf die Sehne. Den zweiten Troll traf sie in den offenen Mund, als er zu ihr aufblickte und ihr einen Fluch entgegenschrie.
Die Waffe entglitt ihren Händen. Ihr Köcher war leer. Sie ließ sich gegen den kalten Fels sinken. Erschöpft holte sie ihr Seil ein, rollte es zusammen und legte es neben sich. Hier oben gab es keine Möglichkeit, es zu befestigen. Sie war tot, so wie Kalf und all die anderen.
Unten im Tal waren die Reiter von Trollen umzingelt. Das Heer hatte sich aufgelöst. Nur einzelne, kleine Grüppchen leisteten noch Widerstand.
Dunkle Sturmwolken vertrieben das Licht vom Himmel. Nur weit im Westen leuchtete es noch blau zwischen zwei Berggipfeln.
Es gab keinen Weg hinauf und keinen Weg hinab. Sie würde hier sitzen und erfrieren. Ihr Vater würde nicht lange warten müssen, bis sie ihm in Norgrimms Hallen folgte, um mit ihm gemeinsam an der Festtafel des Kriegsgottes zu sitzen.
Die Trollstecher
Endlich! Das Hornsignal zum Angriff war eine Erlösung. Das Warten, das Lauschen auf den Kampflärm und die Todesschreie hatten Ulric aufgewühlt wie nichts zuvor in seinem Leben. Untätig bleiben zu müssen, war eine Qual. Und dass er nicht einmal sehen konnte, was geschah, machte es noch schlimmer.
Erleichtert gab er seinem Braunen die Sporen. Wie ein Mann setzten sich die Reiter in Bewegung. Eingebettet in einen riesigen Leib aus Pferden und Kriegern, fühlte er sich wie ein Teil Norgrimms, des Kriegsgottes.
Vielleicht war er nur der kleine Finger oder sogar nur der Nagel des kleinen Fingers, doch das war gleich, denn er gehörte zu der Faust, die nun nach ihren Feinden schlagen würde. Unnachgiebig und unbesiegbar wie eine Gottesfaust.
Das Trommeln der Hufe ließ den Boden erbeben. Verharschter Schnee wurde aufgewühlt und spritzte ihm bis ins Gesicht.
Immer lauter wurde das Donnern der Hufe. Die Reiter strömten über den Rand der Bodensenke hinweg. Ein Stück links strauchelte ein Pferd und wurde samt Reiter hinabgezogen in die Woge aus Fleisch und Stahl.
Ulric senkte seine Lanze. Noch etwas mehr als hundert Schritt. Die Schlachtreihen der Trolle waren auseinander gerissen, als sie durch die Lücken in der Speerträgerformation gebrochen waren. Jetzt waren sie leichte Beute.
Noch fünfzig Schritt. Ihre Feinde waren so groß, dass sie den Reitern fast auf Augenhöhe begegneten. Und er sah Angst in ihren Augen. Was für eine Genugtuung! Es gab etwas, wovor sie sich fürchteten!
Zu seiner Linken ritt sein Vater! Ein ganzes Leben hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt. Er war ein alter Mann geworden, bis er noch einmal Gelegenheit bekommen hatte, in einer großen Schlacht gegen die alten Feinde anzutreten. Ulric war skeptisch gewesen, ob es klug war, den Elfen in ihren Krieg zu folgen, doch in diesem einen, göttlichen Augenblick waren alle Zweifel vergessen. Dies allein schon war es wert gewesen zu leben!
»Für Kadlin!«, schrie Björn, der dicht neben ihm ritt.
Die Trolle, die am weitesten durch die Linien gebrochen waren, drehten sich um und suchten ihr Heil in der Flucht. Doch es war unmöglich, der Front von Reitern zu entkommen. Hinter ihnen versperrten ihnen die Kämpfenden den Weg. Das enge Tal wurde zur Todesfalle.
Ulrics Lanze traf einen der Trollkrieger dicht unter dem Nacken. Es war, als sei er gegen einen Felsen angeritten. Der Schaft der Waffe zersplitterte. Er ließ das nutzlose Stück Holz fallen und sah, wie der Troll trotz seiner mörderischen Wunde versuchte, im Schnee davonzukriechen. Dann verschwand er unter der Masse der Hufe.
Die Reiter hielten sich so dicht beieinander, dass sich fast ihre Knie berührten. Sie waren wie eine Lawine, die einen Abhang hinabdonnerte.
Ulric zog seinen Trollstecher aus dem Holster am Sattel, eine dreikantige Eisenstange, die in einer mörderischen Spitze auslief. Das andere Ende war wie ein Schwertgriff geformt. Sie maß mehr als einen Schritt, war schwer und unhandlich. Ihr einziger Zweck bestand darin, die Wucht der Attacke nutzend, in einen Trollleib getrieben zu werden.