Sie blickte zu dem roten wollenen Umhang und erinnerte sich, wie sie Björn gefoppt hatte, als er versucht hatte, mit Nadel und Faden einen Riss zuzunähen. Unter dem Umhang ragten seine schweren, dunkelbraunen Winterstiefel hervor. Sie hatte immer gescherzt, dass er dort außer seinen Füßen wohl noch zwei Tote Iltisse versteckte, weil die Stiefel so erbärmlich stanken.
Lambi trat ein Stück zur Seite. »Versteh mich nicht falsch, Mädchen. Ich verbiete es dir nicht. Ich könnte das nicht ... Du hast dasselbe Recht wie ich. Doch es wäre besser, wenn du ihn in Erinnerung behältst, wie du ihn kanntest. Das ... Das ist er nicht mehr. Nur noch eine leblose Hülle. Er ...«
»Wie starb er?«
Lambi atmete schwer aus. »Schnell.« Ihr Blick ließ ihn nicht los.
»Sein Pferd wurde niedergerissen ... Wir waren in voller Attacke. Ein Troll stürzte. Sie verschwanden unter den Hufen ... Es ging alles so schnell.«
»Unsere eigenen Reiter haben ihn zu Tode ...?« Sie konnte nicht weiter. Sie wollte das nicht einmal denken.
»Es war Pech.« Der Alte versuchte ein Lächeln, vielleicht um ihr Mut zu machen. »Ich sage mir die ganze Zeit, dass Norgrimm ihn in seinem Gefolge haben wollte. Er war zu gut für uns, nicht war? Er hatte keine Angst. Kurz bevor er gestürzt ist, habe ich noch zu ihm hinübergeblickt. Sein Gesicht strahlte. Er freute sich auf die Schlacht. Seine erste Schlacht. Sein ...«
Lambi sah sie hilflos an. Er schien irgendetwas von ihr zu erwarten, aber sie begriff nicht, was es war.
»Ich habe gehört, dass auch dein Vater ...« Sie nickte. Darüber wollte sie jetzt nicht sprechen. Sie wollte überhaupt nicht mehr reden. Sie wollte ... Es gab auch nichts mehr, was sie noch wollte. Gestern noch war ihr Leben erfüllt gewesen. Und jetzt wünschte sie sich, dieser verdammte Elf hätte sie nicht vom Sims in der Steilklippe heruntergeholt. Sie wünschte, sie wäre mit den anderen in Norgrimms Hallen eingezogen. Sie war früher wochenlang allein durch die Wälder gestreift und hatte sich nie einsam gefühlt. Es hatte immer Kalf gegeben. Stark, freundlich. Nie hatte sie daran gedacht, einmal zu ihrem Haus am See in dem verborgenen Tal zurückzukehren und ihn dort nicht mehr zu finden. Sie würde nicht mehr dorthin gehen können ...
Und Björn. Er hatte so sehr um sein Leben gekämpft, nachdem der Silberlöwe ihn verwundet hatte. Und als er noch zu schwach gewesen war, um sich zu erheben, hatte er ihr von seinen Plänen erzählt. Sie hatten beschlossen, nach Albenmark zu fliehen, wenn Lambi ihnen zu sehr zusetzte. Und Silwyna hatte schon fest zugesagt, ihnen zu helfen. Sie dachte auch an jenen wundervollen Nachmittag, als sie sich zum ersten Mal geliebt hatten. Björn hatte es gewollt, obwohl seine Wunden noch nicht verheilt gewesen waren. Er hatte zuerst vor Schmerzen und dann vor Lust gestöhnt. Er war so voller Lebensfreude gewesen! Als er in der Höhle mit dem Troll erwacht war, waren seine ersten Worte ein Scherz gewesen. Wieder blickte sie zu dem Körper unter dem roten Wollumhang.
»Geh nicht hin, Mädchen«, flüsterte Lambi. »Behalte ihn so in Erinnerung, wie du ihn geliebt hast«, sagte er noch einmal.
»Vertrau einem alten Mann, der ... der schon oft Abschied nehmen musste.«
Sie atmete schwer aus. »Wie wird man ...« Sie brachte es nicht über die Lippen. Kadlin setzte noch einmal an, doch diesmal versagte ihr gänzlich die Stimme.
Lambi hatte sie auch so verstanden. »Es wird ein Totenfeuer geben, sobald der Sturm sich gelegt hat.«
Sie nickte. Der Herzog sah sie an. Was erwartete er? Vergebung? Es gab nichts zu vergeben. Sie schuldeten einander nichts. Sie wusste nicht, was sie ihm noch sagen sollte. Aber sie spürte, dass er etwas brauchte. Einen Halt in seinem Kummer. Das konnte sie nicht sein!
Kadlin legte dem Alten kurz die Hand auf die Schulter. Dann ging sie. Sie hatte Angst, dass es ihr leid tun würde, von Björn nicht mehr Abschied genommen zu haben. Zugleich hätte sie es nicht ertragen, sein Antlitz so zerstört zu sehen wie das ihres Vaters.
Rastlos irrte sie durch die dunklen Gänge der riesigen Trollfestung. An manchen Stellen waren seltsame Steine in die Wände eingelassen, von denen ein blasses Licht ausging. Alles hier war zu groß. Die hohen Flure, die weiten Säle. Egal wohin man sich wandte, man wurde stets daran erinnert, dass dieser Ort nicht für Menschen geschaffen war. Sie hätten niemals hierher kommen dürfen, dachte sie traurig. Was hatte ihnen dieser Krieg gebracht?
Kadlin war froh, während der Kämpfe nicht dem Troll mit den Schmucknarben auf der Brust begegnet zu sein. Sie schämte sich immer noch dafür, dass man Brud seine Hilfe mit einem Pfeil vergolten hatte.
Alles um sie herum war so fremd, dass sie es nicht als Wirklichkeit akzeptieren konnte. Wieder schlich sich die trügerische Hoffnung in ihre Gedanken, dass sie bald aus einem grässlichen Alptraum erwachen müsse. Björn konnte nicht tot sein! Vielleicht würde sie ihn schon hinter der nächsten Biegung des Ganges treffen?
Unsinn!
Überall lagen Verwundete. Es war kalt in der Trollfestung. Die dicken Mauern hielten den Wind fern, doch der Frost lauerte auch im Herzen der Festung. Sie hatten Feuerschalen aufgestellt und an manchen Stellen sogar Feuer mitten in den Gängen entfacht. Dort wurde alles verbrannt, was ihnen in die Hände fiel. Stinkende Felle, die plumpen Möbel, die Dauben zerschlagener Fässer, Lumpen.
Ziellos wanderte Kadlin umher. Einmal suchte sie Wasser für einen Verwundeten. Ein anderes Mal setzte sie sich an das Lager eines Bewusstlosen und hielt ihm die Hand. Stundenlang. Bis dessen Finger kalt und steif wurden. Sie wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, als das Jaulen des Windes nachließ, der sich in den Pfeilern und Stützstreben des Turmes verfing.
Sie verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Ihr Gefühl für Zeit war ihr abhanden gekommen.
Einmal, als sie in einen besonders großen Saal gelangte, sah sie von Ferne den König. Er war umringt von seinen Hauptleuten und einigen Elfen. Er stand bei einem riesigen Lehnstuhl. Daneben sah Alfadas wie ein Kind aus. Alle sahen sie im Schatten dieses Stuhls wie Kinder aus! Böse Kinder, die einen üblen Streich gespielt hatten und nun überlegten, wie sie ihrer Bestrafung entgehen konnten.
Wären sie nur niemals hierher gekommen! Kadlin war so müde, dass sie nicht einmal mehr zornig sein konnte. Wieder begann sie ihre rastlose Wanderschaft zwischen den Toten, den Sterbenden und den für ihr Leben Gezeichneten. Sie verlor sich in hohen Tunneln, in denen es nach altem Bratenfett und Fäkalien stank.
In einer Nische, unter einem der leuchtenden Steine kauernd, fand sie Gundaher. Der Baumeister des Königs hockte mit angezogenen Beinen und umklammerte ein riesiges Buch.
»Träumst du auch schlecht?«, fragte er sie unvermittelt.
Sie unterbrach ihre Wanderschaft, die ohnehin kein Ziel hatte.
»Ich träume nicht. Seit der Schlacht habe ich noch nicht geschlafen.«
»Spürst du das Böse? Es ist tief in die Steine eingedrungen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Und wenn wir das Böse sind?« Kadlin hatte eine Kammer voller Trollweiber und -kinder gesehen. Sie waren groß und unförmig. Unheimliche Gestalten. Offensichtlich hatte man sie gezwungen, sich auf den Boden zu kauern. Überall waren bewaffnete Elfen. Mit gezogenen Schwertern schritten sie zwischen den Gefangenen auf und ab.
Der Baumeister strich sich nachdenklich über den Kinnbart.
»Vor langer Zeit war ich ein Priester, und man hat mich gelehrt, die Elfen seien die Sendboten der Finsternis. Dann begegnete ich einem Priester, der schlimmer war als alle Geschichten, die ich jemals über die Elfen hörte.« Er sah sie forschend an.
Kadlin wusste, wovon er sprach. Sie kannte die schrecklichen Bilder aus dem Buch, das er ihr anvertraut hatte. Die unsägliche Qual in den Gesichtern der Sterbenden. Dieselben Qualen hatte sie hier bei jungen Kriegern gesehen, die sich verzweifelt an ihr Leben klammerten und doch wussten, dass sie ihren Wunden erliegen würden.
»Ich habe mit einem Elfenfürsten gesprochen. Ich bin schon zu lange im Fjordland. Meine Vergangenheit könnte mich einholen.« Bei diesen Worten blickte er besorgt den Flur hinab, dessen Ende sich im Dunkel verlor. »Der Elf war freundlich. Er scheint ein Fürst unter ihnen zu sein. Er trägt stets einen weißen Falken auf der Hand. Fenril oder so ähnlich heißt er.« Gundaher lächelte. »Ihre Namen verbiegen einem die Zunge. Es heißt, ihre Welt sei wunderschön. Ein Ort, an dem immer Frühling ist.«