Fenryl sah, wie die hinterste Galeasse der Trolle versuchte beizudrehen, aber dem plumpen Schiff würden sie nun leicht entkommen können.
Das Grab eines Königs
»Jetzt geh schon! Ich kann dein weinerliches Gesicht nicht länger ertragen. Lass mich allein, damit ich über die Scherze der Götter lachen kann«, fauchte Ottar. Selbst jetzt brannte noch Wut in seinen Augen. Wie seine Schwester Asdis gehörte er zu denen, die in Eiriks Bann standen. Aus dem scheuen kleinen Jungen, der sich stets in den Schutz seiner großen Schwester rettete, wenn Gefahr im Verzug war, war ein harter Krieger geworden, der zur Leibwache des Königs gehört hatte.
»Wir könnten dich tragen«, sagte Ulric und wusste es doch besser.
»Und dann kippen wir spätestens morgen gemeinsam um? Mit dir möchte ich nicht einmal begraben sein, Wiedergänger. Ich bleibe hier.« Er schnaubte ein freudloses Lachen. »Was für ein wunderbarer Witz! Ich werde lebend zu den Toten gelegt, und ein Toter, der nicht von den Lebenden weichen will, flennt sich gleich meinetwegen die Augen aus dem Kopf. Hätte ich diese Geschichte in einer Schänke in Firnstayn gehört, hätte ich sicher herzhaft gelacht.«
Ulric blickte zu seinem toten Vater. Er hielt noch immer sein Schwert in der Hand. Seltsam verdreht lag er da, so wie er auf dem Schlachtfeld gefallen war. Der Frost verhinderte, dass man ihn mit über der Brust verschränkten Händen bestattete, wie es Sitte war.
Auch all die anderen Leichen verharrten in der Körperhaltung, in der der Tod sie gefunden hatte. Die Elfen hatten nur zwanzig Gefallene vom Schlachtfeld mitgebracht. Die Übrigen waren den Trollen zum Fraß geblieben, dachte der Prinz bitter.
Elodrin hatte die Trolle glauben lassen, dass er mit seiner ganzen Streitmacht zurückgekehrt sei. So hatten sie zwei Tage gewonnen. In Wirklichkeit war der Fürst von Alvemer aber mit weniger als hundert Kriegern gekommen. Dafür hatte er allerdings ein Geschenk mitgebracht, dessen Wert nicht in Gold zu bemessen war. Schutzamulette vom Elfenvolk der Normirga. Die Götter allein wussten, wie er daran gekommen sein mochte. Alfadas hatte ihm oft erzählt, wie eifersüchtig die Normirga diesen Schatz hüteten. Die verzauberten Amulette hielten die Kälte fern. Trug man eins davon auf der Haut, hätte man nackt durch einen Schneesturm wandern können, ohne zu frieren.
Ulric war die undankbare Aufgabe zugekommen, die fünfzig Amulette unter den Überlebenden zu verteilen. Er hatte die Entkräfteten ausgewählt. Und alle hatten geschworen, die Amulette herauszugeben, wenn es anderen noch schlechter ging.
Insgeheim hatte der Prinz mit sich gerungen, ob er auch für Blut ein Amulett aufheben durfte. Der große schwarze Hund hielt sich erstaunlich gut. Obwohl er hinkte, verfügte er immer noch über Bärenkräfte. Und er wich nicht von der Seite des toten Königs. Wann immer sie rasteten, leckte er Alfadas die Wangen und stupste ihn mit seiner breiten Schnauze, als versuche er ihn zu wecken. Irgendwann gab er dann auf und rollte sich zu Füßen des Königs zusammen. Er schlief nie sonderlich tief. Auch bei dem kleinsten Geräusch richtete er die Ohren auf. Wenn die Rast vorüber war, trottete er neben jenen, die den Leichnam trugen, und achtete darauf, dass man den König mit Respekt behandelte. So ging es nun schon seit drei Tagen.
Heute Morgen dann hatte Fingayn die Höhle auf der kleinen Insel inmitten eines namenlosen Bergsees gefunden und ihnen von seinem Plan erzählt. Er und Silwyna waren die einzigen Elfen, die sie noch begleiteten. Die Übrigen waren in der Hoffnung zurückgeblieben, Orgrim eine Falle stellen zu können. Ulric war klar, dass sie ihre Leben gaben, um ihm und den anderen Fjordländern ein paar Tage mehr zu erkaufen.
Fingayn hatte beobachtet, wie fünf schwarze Galeassen und die Meerwanderer in die Bucht bei der Nachtzinne eingelaufen waren. Mehr als tausend Trolle folgten ihnen nun, angeführt vom besten Feldherrn ihres Volkes. Ihre Lage war hoffnungslos. Aber wenn es wenigstens einer von ihnen bis Firnstayn schaffte, dann konnte dieser ihre Verwandten und Freunde vor der bevorstehenden Invasion warnen. Ulric war verzweifelt! Das Drama des Elfenwinters vor fast sechzehn Jahren würde sich wiederholen. Und diesmal gab es keinen Alfadas mehr, der mit den Veteranen der Schlacht um Phylangan und einem Heer von Elfen zur Rettung kommen würde.
Sein Blick wanderte über all die Toten. So viele vergeudete Leben! Unruhig sah er sich nach dem Hund um. »Blut?«
Ein Kläffen antwortete von draußen. Er atmete aus. Am Ende der Höhle hatte es einen engen Tunnel gegeben. Vielleicht einen Dachsbau. Ulric hatte befürchtet, dass Blut sich dort verkriechen könnte.
»Du willst wirklich hier bleiben?«, fragte Ulric den jungen Krieger noch einmal.
»Meine Füße sind erfroren. Ich würde euch nur aufhalten. Selbst wenn wir überleben, wäre ich ein Krüppel. Da bleibe ich lieber hier, an der Seite meines Königs, wie es sich für eine Schildwache gehört.«
Ulric hatte genug von den Phrasen. »Dann soll es so sein.« Er beugte sich über seinen Vater, flüsterte ein letztes Lebewohl und verließ die Höhle. Blut empfing ihn bellend und drückte ihm seine feuchte Schnauze in die Hand.
Es war mörderisch kalt. Die Bärte der Männer, die kein Elfenamulett trugen, waren steif vor Raureif. Ihr Atem stand ihnen in kleinen weißen Wolken vor den Mündern. Sie stapften mit den Füßen, um die Kälte zu vertreiben. Vielleicht auch nur, um zu erproben, ob sie ihre Zehen noch spürten.
Schweigend machten sie sich an ihr Werk. Sie rollten Steine vor den Eingang und schütteten Kies darüber. Immer wieder musste Ulric an Ottar denken. Der junge Prinz erinnerte sich gut, was es hieß, in einer Höhle eingeschlossen zu sein. Einst war es ihm auf seiner Flucht aus dem Gefangenenlager von Honnigsvald selbst so ergangen.
Als der Höhleneingang vollständig verschlossen war, gingen sie über das dicke Eis zurück. Im Lager am Ufer erwarteten sie jene, die zu schwach gewesen waren, bei den Arbeiten zu helfen. Ulric musste niemanden aufscheuchen. Sie alle wussten, dass sie nicht weiter verweilen konnten. Mehr als tausend Trolle folgten ihnen. Aber König Alfadas würden sie nicht bekommen.
Sie waren schon ein gutes Stück den Südhang hinaufgekommen, als am anderen Ende des Tals eine Lawine abging. Schnee und Felstrümmer stoben über einen steilen Hang in jene enge Klamm, in der der Abfluss des Sees lag. Ein schnell fließender, tiefer Bach, der selbst jetzt nicht zugefrorenen war. Ein halbes dutzend Quellen ergossen sich in den See; deren Wasser wurde nun weiter angestaut.
Ulric ging vorne, als sich die Kolonne der Überlebenden wieder in Bewegung setzte. Schnaufend bahnte er den Nachfolgenden einen Weg durch den tiefen Schnee. Immer einen Schritt vor den anderen ... Bloß an nichts anderes denken! Schritt um Schritt um Schritt ... Ihr Ziel war zunächst die halb vollendete Passfestung. Von dort konnten sie einen ausgeruhten Boten nach Firnstayn schicken. Bis zu der Festung waren es noch vier oder fünf Tagesmärsche, wenn das Wetter sich hielt. Sollte aber ein Sturm aufziehen, dann waren sie alle verloren. Sie hatten kaum Vorräte. So würden selbst jene, die von den Amuletten vor der Kälte geschützt wurden, zuletzt vor Hunger und Erschöpfung sterben.
Denk so etwas nicht, ermahnte sich Ulric. Wir können es schaffen, wenn Firn uns wohlgesonnen ist und wenn Elodrin und seine Krieger die Trolle hinhalten.
Ein majestätisches Knirschen und Knacken lenkte ihn ab. Ulric blieb stehen, um den Hang hinabzublicken.
Risse breiteten sich über das Eis des Sees aus. Das angestaute Wasser drückte die Eisdecke empor. Das Eis zerbarst. Ein klagender Laut, fast wie Wolfsgeheul, hallte durch das Tal.
Vom Ende der Schlange kämpfte sich Halgard zu ihm vor.
»Wo ist Blut?«, fragte sie aufgebracht.
Ulric sah sie erschrocken an. »Ich dachte, er wäre bei dir!«
»Ich ...« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie griff nach seiner Hand. »Als wir aufgebrochen sind, war er noch bei mir. Er tänzelte um mich herum wie ein Welpe. Und er hat mir seine Schnauze in die Hand gestoßen. Wie ... wie zum Abschied.«