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Ganda war mit Elija und Nikodemus zum Kriegsrat gekommen. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen. Aber sie musste Elija nur ansehen, um zu ahnen, was in ihm vorging. Emerelle hatte vorgeschlagen, statt einer Schlacht ein Duell auszutragen, um dem unnützen Blutvergießen ein Ende zu bereiten. Ganda hielt diese Entscheidung für sehr weise, doch musste man bei den Elfen stets auf Heimtücke gefasst sein.

»Welchen Krieger könnten die Elfen denn schicken?«, fragte König Gilmarak.

Ein heftiger Streit entbrannte. Die meisten Namen, die fielen, hatte Ganda noch nie zuvor gehört. Letzten Sommer hätte es nur einen Namen gegeben, dachte sie traurig.

Aus dem Augenwinkel sah Ganda, wie Elija hintersinnig lächelte. Dann erhob sich der Kommandant, denn unter den lauthals streitenden Trollen wäre seine Stimme untergegangen. Ganda ahnte, was er vorschlagen würde, und sie betete, dass er sich nicht durchsetzte. In der letzten Nacht hatte sie von Klaves geträumt. Er war in einen Abgrund gestürzt. Wenn König Gilmarak sich überreden ließ, den Elfen im Streit für die Trolle antreten zu lassen, dann würde sie Klaves niemals wiedersehen.

Kurz überlegte Ganda, ob sie von ihrem Traum erzählen sollte. Doch die Kriegsherren würden über Weiberträume nur lachen. Lediglich Skanga würde sie vielleicht ernst nehmen.

Sie erinnerte sich an ein Bild, das sie in Melianders verbotenem Buch in der Bibliothek von Iskendria gesehen hatte. Ein kopfloser Schwertkämpfer war auf eine Brücke getreten. Hatte Emerelles Bruder damit auf Ollowain hindeuten wollen? Sie dachte an die düstere Prophezeiung, die sie auf der Seite neben dem Bild gelesen hatte. Meliander schrieb dort über einen lebenden Toten, der erst im Tod ein Leben fand. Ollowain war ein lebender Toter. Ohne Zweifel hatte Meliander den Schwertmeister gemeint. Sie schluckte. Verzweifelt überlegte sie, wie sie gegen ein Schicksal ankämpfen könnte, das offenbar seit Jahrhunderten vorherbestimmt war.

Nur einmal in Zehntausend Jahren

Wieder einmal war die Bestie zu ihrem Beobachtungspunkt nicht weit der weißen Burg zurückgekehrt. Sebastien spürte die Unruhe der Kreatur. Eben noch waren sie bei der tiefen Schlucht gewesen, wo sich die gegnerischen Heere versammelt hatten. Nie hatte Sebastien so viele Krieger gesehen! Dicht wie die Halme in einem Weizenfeld standen die Speere der Kämpfer, die sich versammelt hatten. Ohne Zahl waren die Bogenschützen. Weiter hinten warteten Reiter und Streitwagenfahrer. Auch gab es große Reittiere, deren Namen Sebastien nicht kannte, denen man hölzerne Türme auf die Rücken gebunden hatte, um sie zu wandelnden Burgen zu machen Auf der anderen Seite hatten sich zehntausende ungeschlachte Gestalten versammelt. Drei Schritt groß, mit groben Gesichtern und primitiven Waffen verstrahlten sie eine Kraft, die beängstigend war. Sebastien hatte in der Schlacht auf der Grasebene gesehen, wozu Trolle fähig waren. Es war unmöglich zu sagen, welche der beiden Seiten wohl bessere Aussichten auf den Sieg hatte. Die Schlacht versprach ein beispielloses Gemetzel zu werden. Und dennoch hatte sich die Bestie zurückgezogen, um wieder die weiße Burg zu belauern. Was gab es hier, das sie mehr ergötzte als tausendfacher Tod? Etwas in der Burg zog die Bestie an, wie ein Topf Honig Fliegen anlockte. Aber es gab dort auch etwas, das sie fürchtete. Konnte die Kreatur sterben? Den dritten Geisterhund hatten sie seit einer Weile nicht mehr gesehen. Hatte ihn jemand getötet? Wer mochte dazu fähig sein? Ein Held, der auf dieser Burg lebte? Die Bestie gab ihr abwartendes Lauern auf. Schnell wie der Wind eilte sie den hohen Mauern entgegen. Sebastien versuchte erst gar nicht, sich ihrem Willen zu widersetzen. Er hatte ihrer Macht längst nichts mehr entgegenzusetzen. Die ungezählten Lebenslichter, die sie verschlungen hatte, erlaubten ihr, ihn und ihren gemeinsamen Körper zu beherrschen. Wozu auch immer er in dieser Verbindung nötig gewesen war, die Kreatur war längst stark genug, ohne ihn zu existieren. Sie konnte inzwischen sogar fleischliche Gestalt annehmen, wenn sie es wollte. Von seinen Ordensbrüdern und -schwestern lebten nur noch drei. Ein paar Tage noch, dann wäre alles Menschliche in dem Geschöpf der Finsternis verloschen. Was würde die Bestie dann wohl unternehmen? »Du bist sehr neugierig, Sebastien. Manchmal denke ich, dass wir uns im Grunde recht ähnlich sind. Ich bin ein Sebastien, der alle Fesseln der Moral abgestreift hat.« Gar nichts haben wir gemeinsam, begehrte der Abt auf.

»Wie kannst du so sprechen, wo wir doch sogar einen Leib teilen?«, entrüstete sich die Kreatur. Sie glitt durch die dicken Burgmauern und gelangte in einen Saal, der von einem großen Brunnen beherrscht wurde. Prächtige Banner hingen von den Wänden. Vor einer hohen, zweiflügeligen Tür am anderen Ende des Saals stand ein einzelner Wachtposten, der sie offenbar noch nicht bemerkt hatte.

Witternd sah die Bestie sich um.

Wieder glitt sie durch eine Wand. Inmitten des Mauerwerks war ein niedriger Tunnel. Die Kreatur verharrte und starrte ins Dunkel. Etwas bewegte sich in der Finsternis. Ein Schatten. Was hatten sie da aufgespürt?

»Einen Bruder.«

Sebastien konnte die andere Gestalt nicht deutlich erkennen. Er hatte das Gefühl, dass diese Geschöpfe der Finsternis sich auf eine Weise austauschten, die es erlaubte, ihn auszuschließen.

»Wie überaus scharfsinnig du doch bist, Abt«, verhöhnte ihn die Kreatur. »Ich sagte doch, wir sind uns ähnlich. Aber du bist meiner Gesellschaft überdrüssig, nicht wahr?«

Was sollte das nun? Es war nicht meine Absicht, dich zu kränken. Ich wollte lediglich anmerken — ohne damit eine Wertung auszudrücken —, dass wir voneinander verschieden sind.

»Ach, Sebastien, wenn du ermessen könntest, wie viel Freude es mir bereitet, mit dir zusammen zu sein.«

Die Bestie hatte einen Unterton in der Stimme, den er fürchten gelernt hatte. Von einem Augenblick zum anderen hatten sie den verborgenen Tunnel verlassen. Ein Schatten folgte ihnen. Eine amorphe Gestalt. Belebte Finsternis.

Die Bestie eilte dem Wachposten an dem Tor entgegen. Der Elf senkte den Speer, doch die Waffe vermochte ihrer Geistergestalt keinen Schaden zuzufügen. Ihre Schnauze fuhr dem Krieger in die Brust. Raureif breitete sich auf seinem Bronzepanzer aus. Seine Kleider wurden steif vor Kälte. Mit schreckensweiten Augen starrte er auf das Lebenslicht, das sie aus seiner Brust zerrten.

Die Bestie erlaubte dem Schatten, der ihnen gefolgt war, einen Teil des Lichts zu fressen.

Was hatten die beiden besprochen? Noch nie hatte Sebastien erlebt, dass das Tier in ihm Beute geteilt hatte.

»Du bist ungerecht, mein Freund! Teilen wir nicht jeden Happen, da wir uns einen Körper teilen? Du machst dir ein zu einfaches Bild von mir!« Die Kreatur trat durch die hohe Tür, die der Elf bewacht hatte. Sie gelangten in einen runden Saal, von dessen Wänden Wasser strömte. Es gab keine Decke. Man sah einfach hinauf in den Frühlingshimmel. Gegenüber dem Portal erhob sich ein Thron. Auf dem Boden gab es ein großes Mosaikbild aus ineinander verschlungenen Schlangen.

Dieses Bild schien es der Bestie angetan zu haben. Sie schlich um die Schlangen herum und belauerte sie so lange, bis es Sebastien erschien, als bewegten sich die steinernen Schlangen. Ihre Augen wirkten lebendig. Und dann erhoben sie sich.

Der Abt wollte schreien, sich abwenden, flüchten. Aber der Körper des Geisterwolfs gehorchte ihm nicht. Er war gezwungen zuzusehen, wie sich die Schlangen gegeneinander neigten und ein Tor aus gleißendem Licht sich öffnete.

Dahinter lag Finsternis. Sie schwebten. Der Thronsaal war verschwunden. War hinter ihnen das Tor aus Licht? Was geschah hier?

»Du wirst Teil haben an einem außergewöhnlichen Ereignis. Das Tor, durch das wir gegangen sind, sollte für meine Schattenbrüder unpassierbar sein. Doch hier ist das magische Siegel zerbrochen, und es gibt nicht einmal einen ernst zu nehmenden Wächter. Die Finsternis hier ist schier unendlich. Dieses Tor zu finden, wäre für meine Schattenbrüder ein großer Zufall. Jene, die in die Welt der Albenkinder gelangten, sind leider etwas selbstsüchtig. Sie wagen sich nicht zurück, um unsere übrigen Brüder zu rufen. Sie haben nicht unsere Kraft, Sebastien. Wir können selbst durch versiegelte Tore schreiten. Sie nicht. Ich bin hier, um sie zu rufen. Doch meine Stimme würde sie womöglich nicht locken.«