»Tritt nicht über die Schwelle!«, warnte eine Ehrfurcht gebietende Stimme. König Alfadas trat zwischen den Gästen der Halle hervor. An seiner Seite ging Kalf. »Wenn du die Schwelle überschreitest, verwirkst du dein Recht auf deinen warmen, atmenden Leib. Was tust du hier, Kadlin? Du solltest nicht an diesem Ort sein.«
Sein Tonfall ärgerte sie. Von Kalf würde sie sich so etwas sagen lassen, aber ein toter König hatte ihr nicht mehr zu gebieten! Einen Augenblick lang war sie versucht, Alfadas zurechtzuweisen. Doch dann beherrschte sie sich und erzählte von der Not Albenmarks und davon, dass Emerelle glaubte, nur einer der Helden aus den Goldenen Hallen könne die Yingiz vertreiben.
Der König wirkte traurig. »Weißt du um den Preis, den dein Held zahlen wird? Wer die Goldenen Hallen verlässt, der kann nicht mehr zurück. Er wird im nächsten Morgengrauen vergehen. Seine Seele verlischt.« Er deutete in das Licht. »Dies ist unendlich mehr als eine Halle. Was du siehst, ist nur der Eingang. Asla ist hier.« Kadlin stutzte. Was hatte der König mit ihrer Mutter zu schaffen?
»Ich werde gehen!« Zwischen den Recken längst vergangener Zeiten erschien Ulric. Ihn zu sehen erschreckte Kadlin. Warum war auch er schon hier? Was war geschehen? Wie im Leben, so war auch hier Halgard an seiner Seite.
»Du schuldest ihr nichts, Junge.«
»Ich weiß.« Er wandte sich an Kadlin. »Ist Albenmark so schön, wie die Skalden sagen?«
»Nicht der Ort, zu dem du gehen würdest.«
Ein Mann ohne Nase, aber mit einem Freund
Skanga sah die beiden Lichtgestalten verblassen. Sie hatten die Yingiz das Fürchten gelehrt. Es war eine Freude gewesen zuzuschauen, wie die Schatten auseinander stoben und zurück ins Nichts flohen. Was die Menschen wohl an sich hatten, dass sie die Yingiz besiegen konnten? Lag es an ihren Göttern? »Wie lange dauert es noch, bis die Sanduhr abgelaufen ist?«
»Weniger als eine Stunde«, antwortete Birga.
Skanga würde es den anderen gegenüber nicht eingestehen, aber sie spürte, wie ihre Kräfte nachließen. Noch immer hielt die Schamanin den schützenden Kokon aufrecht.
Jetzt versperrte sie damit das Tor. Doch das konnte so nicht ewig weiter gehen. Wenn Emerelle sie hereinlegte, dann war das Opfer der beiden Lichtgestalten vergebens gewesen.
Skanga blickte zu dem Mädchen. Ihre Lebensaura war fast verloschen. »Wann wird sie erwachen, Alathaia?«
»Ich glaube nicht, dass sie zu uns zurückkehrt. Sie wird den Rückweg nicht finden.« Skanga schnaubte ärgerlich. Elfenpack! Man konnte ihnen einfach nicht trauen. »Warum hast du sie belogen?«
»Das habe ich nicht«, entgegnete Alathaia in aller Ruhe. »Im Gegenteil, ich sagte ihr ausdrücklich, dass sie sterben wird. Nur nicht in dieser Nacht. Doch nun ist die Nacht vorüber.«
»Ist Emerelle so wie du?«, fragte Birga.
»Nein. Ich glaube, sie ist mir in fast jeder Hinsicht überlegen.«
Wunderbar, dachte Skanga. »Kann man der Kleinen irgendwie helfen?«
»Nein. Meliander schrieb in seinem Buch, dass man zwar einen Boten zu den Goldenen Hallen schicken könne, aber sie fänden den Rückweg nicht mehr. Das Tor, durch das sie gekommen sind, bleibt ihnen verborgen.« Skanga dachte über Elfen nach. Man konnte sie nur hassen! Niemand sprach mehr. Die alte Schamanin beobachtete, wie die Lebensaura des Mädchens weiter verblasste. »Wie lange noch?«, fragte sie endlich.
»Etwas länger als eine halbe Stunde.« Schritte.
»Da kommt ein Mensch. Ein ziemlich hässlicher Kerl. Er hat keine Nase.« Skanga blickte in Richtung der Schritte. Der Mann hatte eine starke Aura, obwohl sie auch Anzeichen von Alter zeigte.
»Versteht ihr mich?«, fragte er höflich.
Niemand antwortete ihm.
Er kniete neben dem Mädchen nieder. Rot pulste unter den Farben seiner Aura. »Warum lasst ihr sie sterben?«
»Weil man mit dem Tod nicht feilschen kann«, antwortete Alathaia. »Sie hat ihre Aufgabe erfüllt. Sie wusste, was sie erwartet«, log die Elfe.
»Du irrst dich, meine Dame. Kadlin hat ihre Aufgabe keineswegs erfüllt. Sie ist meine Königin. Ich soll sie zurückholen.«
»Manchmal macht ein Lakai einen Botengang vergebens.«
Alathaia genoss es offensichtlich, sich die Zeit damit zu vertreiben, den Kerl zu quälen. Vielleicht wäre sie ein wenig zurückhaltender, wenn sie die Aura des Menschen sehen könnte, dachte Skanga.
»Mein Freund sagte mir schon, dass ihr nicht sehr freundlich seid. Aber als ein Fremder in dieser Welt wollte ich höflich sein. Versuchen wir es also anders. In dem Augenblick, in dem Kadlins Herz aufhört zu schlagen, wirst du mit einem faustgroßen Loch in der Stirn auf dem Boden liegen, und weil ich ein rachsüchtiger Mann bin, werde ich dir die Leber aus deinem bleichen Leib schneiden und an meine Hunde verfüttern.«
»Du nimmst den Mund sehr voll.«
»Und du hättest vielleicht besser keinen Saal ohne Decke betreten, über dem sich ein hoher Turm mit vielen Fenstern erhebt. Es sind mehr als zwanzig Schritt bis zur Tür. Glaubst du, du könntest einem Pfeil davonlaufen?« Skanga blickte zu dem Turm. Sie nahm ihn nur als einen undeutlichen Schemen war.
»Und wenn wir dem Mädchen nicht mehr helfen können? Hast du erwogen, dass das, was du verlangst, jenseits unserer Möglichkeiten liegen könnte?«, fragte Alathaia. Den überheblichen Tonfall hatte sie nun abgelegt.
»Wenn dem so ist, steht euch ein wirklich hässlicher Tag bevor.«
»Was haben wir damit zu tun?«, fragte Birga aufgebracht.
»Trolle konnte ich noch nie sonderlich leiden. Wenn Kadlin stirbt, dann werdet ihr sie alle drei auf ihre letzte Reise begleiten.«
»Und wenn wir sterben, kehren die Yingiz zurück, Menschensohn. Sie werden dich töten und danach die ganze Welt verschlingen«, sagte Skanga.
»Sehe ich aus wie ein Mann, dem an seinem Leben oder eurer Welt gelegen ist?« Die alte Schamanin betrachtete seine Aura. Er machte keine leeren Worte! »Glaubst du, dein Freund wird uns alle drei treffen, bevor wir das Tor erreichen?«
»Man sagte mir, Fingayn sei ein sehr guter Schütze.«
Skanga fluchte.
Von Magie und Schneehasen
Emerelle betrachtete den Morgenhimmel durch den weiten Krater, der die Deckenkuppel des Himmelssaals in Phylangan ersetzt hatte. Von all der Pracht der Felsenburg war nichts mehr geblieben. Die weißen Pfeiler der Brücke, die man der Shalyn Falah nachempfunden hatte, ragten gleich Zahnstümpfen aus der erkalteten Lava.
Die Albenpfade verliefen über ihr im leeren Kraterrund. Emerelle sprach ein Wort der Macht. Langsam erhob sie sich zu den Kraftlinien, die von den Alben als schützendes Gitterwerk um ihre Welt gelegt worden waren.
Der Pfad, den Emerelle zerstört hatte, begann hier und führte in gerader Linie zu ihrer Burg im Herzland. Skanga hatte ihren Marsch auf die Königsburg bei einem anderen Albenpfad begonnen, doch zuletzt war es diese Linie des goldenen Netzes, die sie beschritten hatte.
»Der Sand ist durchgelaufen«, rief die Stimme Falrachs.
Emerelle schloss die Augen. Sie stellte sich den Weg vor, den der Albenpfad einst genommen hatte. Sie spürte Skanga. Die Trollschamanin hatte Angst. Wahrscheinlich traute Skanga ihr nicht. Die Königin umfasste ihren Albenstein mit beiden Händen und dachte einen Pfad aus goldenem Licht. Sorgsam wob sie einen Zauber darum, der die Yingiz von den Reisenden auf diesem Weg fern halten würde. Sie atmete schwer. Es war vollbracht! Das Werk der Alben war wieder vollständig. Langsam sank sie auf den verwüsteten Boden.
»Ist es geglückt?«
Sie nickte. Es war seltsam, in Ollowains Antlitz zu blicken und Falrach sprechen zu hören. Sie würde sich daran gewöhnen.
»Wirst du um deinen Thron kämpfen?« Emerelle sah ihn überrascht an. »Nein. Ich werde nie wieder gegen die Trolle kämpfen. Mit ihnen vielleicht eines Tages, aber nicht gegen sie. Kein Thron ist es mir mehr wert, auf diese Weise erworben zu werden.«