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Als er in den Nebel geriet, verlangsamte Orgrim seinen Abstieg. Trotz der Lederbänder brannten ihm die Hände. Warmes Wasser perlte von seiner nackten Haut. Es stank nach faulen Eiern.

Der Rudelführer hielt inne und spähte nach unten. Etwas stimmte hier nicht! Dieser Gestank passte so gar nicht zu den Elfen! Irgendwo im Dunst erklang ein gluckerndes Geräusch.

Zumindest würden ihn in dem Dunst keine Bogenschützen sehen können, dachte Orgrim und setzte seinen Abstieg fort. Nur Augenblicke später hatte er festen Boden unter den Füßen. Neben ihm erhob sich ein Busch, dessen Blätter schlaff herabhingen. Was war hier los?

Der Nebel konnte ihnen gefährlich werden. Er musste den Zugang zu dem breiten Tunnel finden, der sich fünf Meilen lang quer durch den Berg erstreckte. Er verband die beiden Häfen miteinander. Wer diesen Tunnel beherrschte, der beherrschte auch den Königsstein. Von dort aus gab es Verbindungsgänge in alle Höhlen. Und wer die Felsenburg verlassen wollte, der musste es durch diesen Tunnel tun. Orgrim lächelte siegessicher. Sie würden denken, dass er hinab zum Schneehafen wollte, um den Angreifern das Tor zu öffnen. Aber er wusste es besser, und er hatte noch ganz andere Pläne. Pläne, die er nicht einmal dem König oder Skanga verraten hatte. Mit etwas Glück würden sie die Elfen in ihrer großartigen Festung an einem einzigen Tag besiegen.

Neben ihm kam ein weiterer Krieger am Seil hinab. Bald würden fünfhundert Trolle im Herzen der Elfenfestung sein. Wer sollte sie dann noch aufhalten?

Das Feuer fällt zurück

Ollowain blickte den weiten Passweg hinab. Er stand in einer Kasematte, die hundert Schritt oberhalb des Schneehafens lag. Der große, tief in den Fels getriebene Raum war als Kommandoposten für die Verteidigung des Passes vorgesehen. An seiner Ostwand standen in hohen Nischen Katapulte, die hinab auf den Passweg wiesen. Auch einige schwere Armbrüste waren auf hölzerne Sockel gesetzt, bereit, auf jeden Feind im Pass zu schießen. In der Mitte des Raums stand ein großer Kartentisch, auf dem Pläne der Festung ausgebreitet lagen. Kristallkaraffen mit Apfelwein, Schwerter und Dolche beschwerten die Kartenenden, sodass sie sich nicht aufrollten. Einige Gläser, halb gefüllt mit Wasser oder verdünntem Apfelwein, standen auf dem Tisch verteilt. Auf einem kleineren, zweiten Tisch war eine Platte mit kaltem Braten serviert. Frisches aufgeschnittenes Brot verbreitete einen angenehmen Duft.

Der Schwertmeister stand in der mittleren der Geschütznischen. An ihren Seitenwänden türmten sich Pyramiden aus schweren Steinkugeln. Einige Bündel mit Armbrustbolzen lehnten an der Wand. Ein Stück hinter Ollowain ragten vier goldene Rohre aus dem Fels, deren trichterförmige Mündungen mit Holzpfropfen verschlossen waren.

Von dem Platz, an dem Ollowain stand, konnte er durch eine Schießscharte das ganze Tal überblicken. Vier ähnliche Kasematten lagen wie die Ebenen eines Festungsturms unter ihnen in der Steilwand.

Die Katapulte schossen Stein auf Stein in die heranstürmenden Trolle. Der Pass war schwarz von wimmelnden Feinden. Und sie zahlten einen fürchterlichen Blutzoll. Unablässig wurden sie aus den Kasematten über dem Hafen und den Stellungen beschossen, die sich in den langen Bergflanken verbargen. Sie mussten schon hunderte Krieger verloren haben! Und sie hatten keine Möglichkeit, sich an den Elfen, Menschen und Kobolden zu rächen, die gut gedeckt hinter den schmalen Schießscharten standen.

Fast alle Trollkrieger trugen mächtige Holzschilde. Sie formten Kolonnen und versuchten sich so nach allen Seiten hin mit den Schilden zu decken. Doch dies war eine trügerische Sicherheit, denn die Marschkolonnen waren leichte Ziele für die Katapulte. Immer wieder rissen ihre steinernen Geschosse blutige Schneisen in die Marschsäulen.

Manche Trolle hatten sich mit dicken Reisigbündeln behängt und vertrauten darauf, dass kein Pfeil ihre seltsamen Rüstungen zu durchdringen vermochte. Sie wurden zu den bevorzugten Opfern der Schützen, die Brandpfeile verschossen.

Die bedrohlichsten Waffen, die von den Trollen ins Feld geführt wurden, waren drei riesige Rammböcke. Man hatte sie mit Schutzdächern versehen, auf denen dicke, grasgefüllte Lederpolster angebracht waren. Die meisten Katapultsteine prallten wirkungslos von den Polstern ab. Auch Brandpfeile vermochten dem eisverkrusteten Leder nichts anzuhaben.

Das haben ihnen ihre Koboldsklaven gebaut, dachte Ollowain verärgert. Von sich aus wären Trolle niemals auf so eine Idee gekommen!

Der erste der Rammböcke hatte es bis hinauf zum Tor des Schneehafens geschafft. Es klang wie ein Gongschlag, als die Ramme zum ersten Mal gegen das große goldene Tor schlug. Ollowain sah, wie die Kristallgläser auf dem Kartentisch erzitterten. Das Geräusch fuhr einem tief in den Bauch hinein. Für Lärm, der von Trollen verursacht wurde, klang es außergewöhnlich feierlich.

Der Schwertmeister beugte sich weit aus der Schießscharte, um besser sehen zu können, was unten am Tor vor sich ging. Wieder ertönte ein tiefer Gongschlag. Langsam brachten die Trolle ihren zweiten Rammbock in Stellung.

»Können sie durch das Tor brechen?«, fragte Alfadas besorgt, der durch eine Schießscharte neben ihm die Angreifer beobachtete.

»Das Tor ist aus massivem Gold und so dick, wie dein Unterarm lang ist. Ich glaube nicht, dass sie es zerstören können. Sie können auch nicht durch die Schwingungen der Schläge irgendwelche Türangeln lockern. Die Torflügel werden durch Kettenzüge seitlich in den Fels gezogen, wenn wir sie öffnen. Allerdings ist Gold leicht verformbar. Es wäre denkbar, dass sie die Tore an der Stelle, wo die beiden Flügel aneinander stoßen, so sehr verbiegen, dass sie einen Durchschlupf finden. Aber durch solch eine Lücke könnten vielleicht ein oder zwei Trolle nebeneinander gelangen. Und auf der anderen Seite des Tores stehen zweihundert Kobolde mit schweren Armbrüsten und fünf Katapulten. Wenn die Trolle sie nicht auf breiter Front angreifen können, dann werden sie an unseren kleinen Waffenbrüdern niemals vorbeikommen.«

Der zweite Rammbock begann gegen die Festungstore zu hämmern. Ollowain spürte den Boden unter seinen Füßen erzittern. Die Trolle mussten riesige Baumstämme unter den Schutzdächern verbergen. Ob sie wohl dumm genug gewesen waren, sich das nötige Holz aus den Wäldern der Maurawan zu holen? Der Schwertmeister trat von der Schießscharte zurück und ging zu den vier goldenen Rohren, die nebeneinander aus der Wand ragten. Jedes von ihnen war mit einem Stopfen aus Nussbaumholz verschlossen. Kleine goldene Ketten verhinderten, dass die Stopfen herabfallen konnten.

Ollowain zog den Holzpfropf aus dem nächstgelegenen Rohr.

»Ist das Öl bereit?«, rief er laut hinein. Dann beugte er sich vor und lauschte.

»Das Öl kocht, Kriegsherr!«, erklang es blechern im Rohr.

»Dann verschließt die Schießscharten! Gebt den Befehl an die übrigen Kasematten weiter!« Ollowain trat von dem Sprachrohr zurück und ging wieder zu seinem Ausguck. Unten auf dem Eis zogen die Trolle den dritten Rammbock in Position.

Der Schwertmeister wies Lysilla an, zum Sprachrohr zu gehen. Das Hämmern der Rammböcke war zu einem einzigen Dröhnen geworden. Ollowain winkte der Elfe.

»Jetzt!«

»Wie viele Kessel?«, rief sie.

»Alle zwanzig!«

Er gab den Kriegern an den Katapulten ein Zeichen. »Schließt die Schießscharten.« Ollowain wagte einen letzten Blick in die Tiefe. Aus den flachen Rohrmündungen unterhalb der ersten Kasematte sprühten weit gefächerte Ölfontänen. Hundertfache Schreie erklangen. In wahren Bächen floss das Öl über das Eis hinab. Ollowain schloss die hölzerne Klappe der Schießscharte.

Ein fauchendes Geräusch erklang. Helles Licht strahlte durch die feinen Ritzen der Holzläden. Dann drang ein schwerer, öliger Geruch in die Kasematte, gefolgt vom Gestank nach verbranntem Fleisch. Ollowain kämpfte gegen das Gefühl an, sich erbrechen zu müssen. In diesem Augenblick starben unter ihm auf dem Eis hunderte Trolle. Und er hatte ihren Tod befohlen. Niemand, der dem Festungstor bis auf zwanzig Schritt nahe gekommen war, würde überleben. Heißes Öl verwandelte sich binnen eines Lidschlags in eine Feuerwolke, wenn es mit einem Flämmchen in Berührung kam. Der Schwertmeister dachte an die Flammennacht in Vahan Calyd. Nun war das Feuer, das die Trolle nach Albenmark getragen hatten, auf sie zurückgefallen.