Svenja blinzelte in das Morgenlicht. »Was ist?«
Asla setzte an, etwas zu sagen, doch ihr kamen keine Worte über die Lippen. Sie sah Kadlin. Das Mädchen schlief friedlich im Arm ihrer Tante. Aber Ulric war nicht dort!
»Wo ist mein Sohn?«
»Ist er nicht draußen bei Erek?«
Asla knickten die Beine weg. Sie hielt sich am Wagengestell fest. Ihr war übel. Sie dachte an den Tumult in Honnigsvald. Ulric hatte dort noch auf dem Kutschbock gesessen. Und dann... Sie hatte die ganze Nacht nicht nach ihm gesehen. Er war ... Asla blickte zurück nach Norden. Rauchwolken stiegen dort in den Himmel auf. »Wo ist Halgard?«, fragte sie verzweifelt.
»Kalf! Halgard ist doch hinten in deinem Wagen?« Der Fischer eilte zurück. In allen Kutschen wurde gesucht. Doch weder Halgard noch Ulric waren zu finden.
Blut stupste sie mit der Schnauze an, als wolle er sie trösten. Asla griff in das dichte Nackenfell des Hundes. Sie brachte ihr Gesicht ganz nah an dessen Ohren. Ihr war klar, dass sie nicht zurück konnte, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte. Die Trolle würden sie einfangen. Das würde Ulric nicht helfen. Und sie musste auch an Kadlin denken ...
»Geh zurück«, flüsterte sie dem Hund ins Ohr. »Geh zurück und hol Ulric. Du kannst ihn finden.«
»Ich werde mit ihm gehen«, sagte eine seltsam singend klingende Stimme. »In zwei Tagen bin ich zurück ... Wenn alles gut geht.« Asla blickte zu Yilvina auf. Zum ersten Mal erschien ihr das Gesicht der Elfe nicht wie aus Stein gemeißelt.
Neue Aufgaben
Boltan wanderte am Ufer zwischen den dicht gedrängten Menschlingen entlang. Sie wichen ihm respektvoll aus und duckten sich, wenn er nur in ihre Nähe kam. Was für erbärmliche Wichte! Er wusste nicht, wen er auswählen sollte. Sie alle erschienen ihm nicht gut genug für die Tafel des Herzogs.
Stolz erfüllte den Troll. Orgrim hatte ihn zu seinem Koch gemacht! Damit war er der zweite Mann hinter dem Herzog. Er trug die Verantwortung dafür, dass alle hungrigen Mäuler gestopft wurden. Es war ein schweres Amt voller neuer Herausforderungen. Er musste Listen über die Esser und die Vorräte führen. Und er musste den Gaumen seines Herzogs erfreuen.
Orgrim war schlecht gelaunt. Dumgar war auf dem Marsch hierher und würde sich bald mit den Truppen des Herzogs vereinen. Dann würde der Herrscher vom Mordstein befehlen ...
Für heute wollte Boltan seinem Herrn eine Freude bereiten. Nichts vertrieb Sorgen besser als ein köstliches Mahl! Brud hatte ihm vor ein paar Tagen von einer besonderen Art erzählt, wie man große Hasen zubereiten konnte. Man brach ihren Leib auf und holte das Gedärm, den Magen und die Galle heraus. Dann schmierte man sie mit Lehm ein, bis sie wie ein großer, grauer Klumpen aussahen. Den legte man dann in die Glut einer Feuergrube. Eingeschlossen vom Lehm, konnte das Fleisch in seinem eigenen Saft ziehen. Und es schmeckte wunderbar zart, wenn man es aus dem Feuer holte und die graue Kruste aufbrach. Alle Haare blieben im Lehmmantel, und man konnte sofort mit dem Essen beginnen.
Boltan hatte am Morgen unter einer Feuerstelle am Ufer feinen Lehm gefunden. Seitdem reifte in ihm der Plan, es heute einmal mit Bruds Art der Fleischzubereitung zu versuchen. Er würde einen kleinen Menschling dafür nehmen. Einen Welpen.
Ziellos wanderte der Troll umher. Er wollte etwas Besonderes. Schließlich fiel ihm ein junges Weibchen mit weißem Haar auf. Sie war ein wenig hager, aber keine sonst hatte solche Haare. Sie wirkte etwas unbeholfen. Erst als er vor ihr stand, merkte Boltan, dass sie blind war. Das würde ihrem Geschmack doch sicher keinen Abbruch tun!
Er wollte schon nach ihr greifen, da sprang ein Welpe auf und stellte sich schützend vor sie. Der kleine Menschling hielt einen funkelnden Dolch in der Hand und gebärdete sich, als wolle er ihn zu einem Zweikampf unter Kriegern fordern.
Boltan konnte nicht an sich halten. Er brach in schallendes Gelächter aus. Im selben Augenblick sprang der kleine Menschling vor und stach ihm ins Bein. Die Elfenklinge brannte wie Feuer. Wütend entwaffnete er den Kleinen; den Menschenjungen unter den Arm geklemmt, ging er zu der Feuerstelle, die er vorbereitet hatte. Den Dolch warf er auf einen Knochenhaufen.
Obwohl er so klein war, hatte der Menschling schon das Herz eines Kriegers. Er würde Orgrim köstlich munden!
... Wir zogen uns zurück zum Adlerstein, der Felsenburg, die Phylangan zunächst lag. Vier Tage dauerte die Reise. Die ganze Zeit über konnten wir eine Aschewolke über dem verlorenen Berg sehen. Und nachts war der Himmel rot vom Widerschein des Blutes der Erde. Manchmal dachte ich, dass das Land selbst dem Krieg ein Ende gesetzt habe. Der einzige Pass zwischen Carandamon und der Snaiwamark war nun versperrt. Und die Burg, um die so viele Völker so erbittert gefochten hatten, war vergangen. So bitter den Normirga der Verlust Phylangans war, so erleichtert schienen die Menschensöhne. Ich hatte Alfadas versprochen, sie in ihre Heimat zu entlassen. Emerelle sollte aus dem Dorf des Herzogs geholt werden. War auch kein Frieden mit den Trollen absehbar, so würde der Krieg doch wohl eine Atempause finden. Beide Seiten waren erschöpft. Und wollten die Trolle Carandamon angreifen, so müssten sie einen weiten Umweg über das Windland machen. Oder aber, sie müssten erneut durch das Netz der Albenpfade gehen.
Wir feierten im Adlerstein ein Fest, um unsere Waffenbrüder zu verabschieden. Sie sollten Schlitten mitnehmen und Pferde. Auch erhielt jeder ein Geschenk, als wir die goldenen Amulette zurückforderten. Ich wusste, was sie von Phylangan mitgenommen hatten, auch wenn der Krieger ohne Nase und von übler Zunge glaubte, ich hätte nichts bemerkt. Sollten sie es behalten! Phylangan war vergangen. Niemand würde mehr nach seinem Gold fragen. Unser Fest neigte sich schon seinem Ende zu, als eine bleiche Gestalt unter dem Torbogen zur Silbernen Halle erschien. Ollowain, den wir alle für tot gehalten hatten, war zurückgekehrt. Doch er hatte auch nicht mehr viel von einem Lebenden an sich. Das Haar weiß von Frost. Die Augen tief in dunkle Höhlen eingesunken, trug er statt seines Umhangs eine schmutzige Wolldecke über den Schultern.
Wie er dem Berg entkommen war, hat er mir nie erzählt. Er schwieg die meiste Zeit. Selbst sein Ziehsohn Alfadas erfuhr wohl nicht, was sich ereignet hatte.
Ollowain wollte die Menschen zurück ins Fjordland begleiten. Als die Stunde des Aufbruchs kam, erschien er wieder als der makellose weiße Ritter. Doch das war nur Schein. Auch jetzt blieb er stumm, und seine Augen waren Abgründe...
Heimkehr
Seine Welt begrüßte Alfadas mit einem Schlag ins Gesicht. Eisiger Wind zog über das Hartungskliff und trieb feine Eiskristalle vor sich her. Der Sturm zerrte an seinem Umhang, und fast wäre er auf dem eisverkrusteten Felsboden ausgerutscht. Es war Nacht, nur wenige Wolken zogen über den Himmel. Der zu drei Vierteln volle Mond tauchte das verschneite Land in geisterhaftes Licht.
Hinter ihm drängten mehr und mehr Männer durch das Tor. Sie waren zu erschöpft, um zu jubeln, doch in ihren Gesichtern spiegelte sich Erleichterung. Die Wenigsten von ihnen hatten geglaubt, dass sie das Fjordland noch einmal lebend wieder sehen würden. Nach dem Untergang Phylangans hatte die Natur die feindlichen Heere getrennt. Die Trolle zögerten, durch das Netz der Albenpfade einen Angriff zu führen, und die Elfen waren zu geschwächt. Und zwischen ihnen lag ein ganzes Gebirge.
Nun war die Zeit gekommen, Emerelle zurückzuholen. Sie würde die Entscheidung in diesem Krieg bringen, wenn sie denn erwacht war.
Der Wind flaute ab. Alfadas trat vorsichtig an den Rand der Klippe. Eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben. Der Fjord und Fimstayn lagen im Dunkel. Er konnte das Dorf nicht ausmachen. Kein Licht brannte mehr. Aber es war ja auch mitten in der Nacht, und wer bei dieser Kälte nicht alle Läden verschlossen hielt, der war ein Narr. Alfadas dachte daran, wie er in die rauchige Wärme seines Langhauses treten würde. Wie Ulric ihm in die Arme spränge, wie sich Kadlin um seine Knie klammern und Asla eine schnippische Bemerkung machen würde, dass er spät komme, und doch die Liebe in ihren Augen strahlen würde.