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Eine solche Macht ging von dieser Knabenstimme aus.

Dreizehn

Das Zimmertelefon auf dem Nachttisch klingelte. Er stand auf, nahm die Nadel von der Platte und schaltete den Plattenspieler aus. Valgerður war am Telefon und sagte, dass Henry Wapshott nicht auf seinem Zimmer sei. Als sie ihn im Hotel ausrufen und überall nach ihm suchen ließ, war er nirgends aufzutreiben.

»Er hat gesagt, er würde warten«, sagte Erlendur. »Hat er etwa schon aus dem Hotel ausgecheckt? Er sagte mir, er hätte einen Flug für heute Abend gebucht.«

»Danach habe ich nicht gefragt«, sagte Valgerður. »Viel länger kann ich aber nicht warten, und …«

»Nein, natürlich, entschuldige«, sagte Erlendur. »Ich schicke ihn zu dir, wenn ich ihn finde. Entschuldige bitte.«

»In Ordnung. Dann gehe ich jetzt.«

Erlendur zögerte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, aber er wollte das Gespräch nicht gleich beenden. Das Schweigen zog sich hin, plötzlich wurde an die Tür geklopft. Er ging davon aus, dass es Eva Lind wäre.

»Ich würde dich sehr gerne wieder treffen«, sagte er, »aber ich kann verstehen, falls du keine Lust dazu hast.«

Wieder wurde an die Tür geklopft, diesmal fester.

»Ich würde dir gerne erzählen, was es mit der Bergnot und den tragischen Unfällen auf sich hat«, sagte Erlendur.

»Falls du Lust hast, mir zuzuhören.«

»Was meinst du eigentlich?«

»Hast du Lust dazu?«

Er wusste selber nicht ganz genau, was er meinte. Weswegen wollte er dieser Frau sagen, was er außer seiner Tochter nie zuvor jemandem gesagt hatte? Warum konnte er es nicht dabei belassen und weiter sein Leben leben und nichts von außen an sich herankommen lassen, weder jetzt noch später?

Valgerður antwortete nicht gleich, und jetzt wurde zum dritten Mal an die Tür geklopft. Erlendur legte den Hörer auf den Tisch und öffnete die Tür, ohne hinzusehen, wer da zu ihm wollte. Als er den Hörer wieder hochnahm, hatte Valgerður aufgelegt.

»Hallo«, sagte er. »Hallo.« Er erhielt keine Antwort.

Er legte den Hörer auf die Gabel und drehte sich um. Im Zimmer stand ein Mann, den er nie zuvor gesehen hatte. Er war klein, trug einen dunkelblauen Wintermantel mit Schal und eine blaue Schirmmütze auf dem Kopf. Wasserperlen glitzerten auf Mütze und Mantel, geschmolzener Schnee. Er hatte ein ziemlich fleischiges Gesicht, dicke Lippen und enorme rötliche Säcke unter seinen kleinen und müden Augen. Er erinnerte Erlendur an Fotos von W. H. Auden. Unter der Nase hing ein kleiner Tropfen.

»Bist du Erlendur?«, fragte er.

»Ja.«

»Mir wurde gesagt, ich solle hier ins Hotel kommen und mit dir sprechen«, sagte der Mann, nahm die Schirmmütze ab, schlug sie gegen den Mantel und wischte sich den Tropfen unter der Nase ab.

»Wer hat dir das gesagt?«, fragte Erlendur.

»Nannte sich Marian Briem. Ich weiß nicht, wer das ist. Angeblich mit dem Fall befasst, setzt sich mit Leuten in Verbindung, die Guðlaugur früher gekannt haben. Ich gehöre zu denen, die ihn in der Vergangenheit gekannt haben, und Marian Briem sagte mir, ich solle mit dir darüber sprechen.«

»Wer bist du?« Erlendur kamen die Gesichtszüge irgendwie bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen.

»Ich heiße Gabríel Hermannsson und habe früher den Kinderchor von Hafnarfjörður geleitet«, sagte der Mann.

»Darf ich mich hier auf das Bett setzen? Diese langen Korridore …«

»Gabríel? Selbstverständlich, bitte sehr, nimm Platz.«

Der Mann knöpfte den Mantel auf und lockerte den Schal. Erlendur nahm die eine Plattenhülle zur Hand und betrachtete das Bild des Kinderchors in Hafnarfjörður. Der Chordirigent schaute strahlend in die Kamera. »Das bist also du?«, fragte Erlendur und reichte dem Mann die Hülle.

Der Mann warf einen Blick darauf und nickte.

»Wo hast du die her?«, fragte er. »Diese Platten sind seit Jahren nicht mehr im Umlauf. Ich habe meine verloren, hab sie blödsinnigerweise irgendjemandem ausgeliehen. Man soll nie was verleihen.«

»Er besaß sie selber«, sagte Erlendur.

»Ich war nicht viel älter als achtundzwanzig«, sagte Gabríel, »als diese Aufnahme gemacht wurde. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.«

»Was hat Marian Briem dir gesagt?«

»Nicht viel. Ich habe gesagt, was ich über Guðlaugur weiß, und dann wurde mir gesagt, dass ich mit dir sprechen solle.

Ich musste sowieso etwas in Reykjavik erledigen und dachte, es sei günstig, die Gelegenheit zu nutzen.«

Gabríel zögerte.

»Ich habe das nicht so richtig an der Stimme erkennen können«, sagte er, »und überlege hin und her, ob das ein Mann oder eine Frau war. Marian? Was für ein Name ist das eigentlich? Komisch nach so was fragen zu müssen, aber ich konnte es einfach nicht raushören. Meistens erkennt man das doch an der Stimme. Ist das ein Männer- oder ein Frauenname? Die Person schien in meinem Alter zu sein, oder vielleicht älter, obwohl ich nicht danach gefragt habe. Komischer Name, Marian Briem.«

Erlendur bemerkte, dass er sehr interessiert klang, so als wäre es ihm außerordentlich wichtig, das in Erfahrung zu bringen.

»Ich habe einfach noch nie darüber nachgedacht«, sagte Erlendur, »über diesen Namen, Marian Briem. Ich habe mir gerade diese Platte angehört«, sagte er und deutete auf die Plattenhülle. »Die Stimme ist beeindruckend, das kann man nicht anders sagen, gemessen am Alter des Jungen.«

»Guðlaugur war vielleicht der beste Chorknabe, den Island je besessen hat«, erwiderte Gabríel und betrachtete das Plattencover. »Im Nachhinein lässt sich das sagen. Ich glaube, wir haben uns gar nicht klar gemacht, was uns da anvertraut war, das ist einem erst sehr viel später aufgegangen, vielleicht sogar erst jetzt in den letzten Jahren.«

»Wann hast du ihn kennen gelernt?«

»Sein Vater kam mit ihm zu mir. Die Familie wohnte damals in Hafnarfjörður und tut es, soweit ich weiß, immer noch.

Die Mutter starb kurze Zeit später, und der Vater kümmerte sich ganz allein um die Erziehung von Guðlaugur und seiner Schwester, die etwas älter war. Der Mann wusste, dass ich ein Musikstudium im Ausland absolviert hatte. Ich habe Musikunterricht gegeben, sowohl Privatunterricht als auch in der Volksschule in Hafnarfjörður und andernorts. Ich wurde als Chorleiter engagiert, als man einen Kinderchor zusammen­getrommelt hatte. Es waren in der Mehrzahl Mädchen, das ist meistens so, und deswegen haben wir speziell nach Jungen gesucht. Guðlaugur kam eines Tages mit seinem Vater zu mir nach Hause, da war er zehn Jahre alt und hatte diese wunderbare Stimme. Diese wunderbare Stimme. Und er konnte singen. Ich habe sofort gesehen, dass der Vater extrem hohe Anforderungen an den Sohn stellte und streng zu ihm war. Er sagte, dass er ihm alles, was er über Gesang wusste, beigebracht hatte. Später habe ich herausgefunden, dass er ziemlich tyrannisch sein konnte, ihn beispielsweise bestrafte und drinnen im Haus einsperrte, wenn er draußen spielen wollte. Ich glaube, der Junge hat so gesehen keine gute Erziehung genossen, an ihn sind wahrscheinlich durchweg unrealistische Forderungen gestellt worden, und er durfte nur selten mit gleichaltrigen Kindern zusammen sein. Er war ein klassisches Beispiel dafür, wenn Eltern ihre Kinder entmündigen und nach ihren Vorstellungen zu modellieren versuchen. Ich glaube, dass Guðlaugurs Jugend alles andere als glücklich gewesen ist.«

Gabríel verstummte.

»Du hast wohl ziemlich viel darüber nachgedacht, nicht wahr?«, fragte Erlendur.

»Ich habe zusehen müssen, wie dies alles passierte.«