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Er vertraute seinem Vater vollkommen, und so war es immer gewesen. Auch als er öffentlich auftreten musste, obwohl er es nicht mochte. Sein Vater hatte ihm zugesetzt und ihn angespornt und zum Schluss seinen Willen durchgesetzt.

Ihm war es anfangs eine Qual gewesen, vor Unbekannten zu singen; das Lampenfieber, die Schüchternheit. Sein Vater war aber nicht von seinem Kurs abzubringen gewesen, auch nicht, als der Junge wegen seines Gesangs gehänselt wurde, je öfter er öffentlich auftrat, in der Kirche und auch in der Schule, desto mehr reizte das die anderen Jungen und auch einige Mädchen, sie gaben ihm Spitznamen und äfften seinen Gesang nach, und er begriff nicht, was dahinter steckte. Er wollte seinen Vater nicht wütend machen. Er hatte sich nach dem Tod der Mutter so verändert. Sie war an akuter Leukämie erkrankt und starb innerhalb von wenigen Monaten. Sein Vater hatte Tag und Nacht am Krankenbett verbracht, hatte sie ins Krankenhaus begleitet und sogar dort geschlafen, als es mit ihr zu Ende ging. Bevor sie an diesem Abend das Haus verließen, hatte sein Vater ihm noch zugeraunt: Denk an deine Mutter, wie stolz sie heute Abend auf dich gewesen wäre.

Der Chor hatte sich bereits auf der Bühne eingefunden. Die Mädchen hatten alle die gleichen Kleider an, die der Stadtrat von Hafnarfjörður bezahlt hatte. Die Jungen trugen weiße Hemden und schwarze Hosen, genau wie er selbst. Sie tuschelten zusammen und waren aufgeregt wegen der Aufmerksamkeit, die dem Chor zuteil wurde, und sie waren bereit, ihr Bestes zu geben. Der Chorleiter sprach mit dem Ansager, der durch das Programm führen sollte. Er trat eine Zigarette auf dem Boden aus. Alles war bereit. Bald würde der Vorgang hochgehen. Gabríel rief ihn zu sich.

»Ist alles in Ordnung?«,fragte er.

»Nein. Der ganze Saal ist voll.«

»Ja. Alle sind gekommen, um dich zu hören. Denk daran. Die Leute sind gekommen, um dich zu, sehen und zu hören, und keinen anderen. Du kannst stolz und glücklich sein, und es besteht kein Grund zur Schüchternheit. Du bist vielleicht jetzt etwas nervös, aber das geht vorbei in dem Moment, wo du anfängst zu singen. Das weißt du.«

»Ja.«

»Sollen wir dann anfangen?«

Er nickte zustimmend.

Gabríel legte ihm einen Arm um die Schultern.

»Es ist bestimmt schwierig für dich, allen diesen Leuten in die Augen zu schauen, aber du brauchst bloß zu singen, und dann ist alles in Ordnung.«

»Ja.«

»Erst nach dem ersten Lied gibt es eine Ansage. Wir haben das alles sorgfältig geübt. Du beginnst zu singen, und dann ist alles in Ordnung.«

Gabríel gab dem Ansager ein Zeichen. Er winkte dem Chor, der auf der Stelle verstummte und sich aufstellte. Es war so weit. Alle waren bereit.

Die Lichter im Saal gingen aus. Das Stimmengewirr verstummte. Der Vorhang ging auf.

Denk an deine Mutter.

Das Letzte, woran er dachte, bevor sich der Saal vor ihm öffnete, war seine Mutter auf dem Sterbebett, als er sie das letzte Mal sah, und für einen Augenblick verlor er die Konzentration. Er war mit seinem Vater hingegangen, und sie saßen an einer Seite des Betts. Sie war so geschwächt, dass sie kaum die Augen offen halten konnte. Sie lag mit geschlossenen Augen da und schien eingeschlafen zu sein, aber dann öffnete sie sie wieder, schaute ihn an und versuchte zu lächeln.

Sie war nicht mehr imstande, sich zu unterhalten. Als es Zeit war, sich zu verabschieden, standen sie auf, und er hatte es immer bereut, sie nicht zum Abschied geküsst zu haben, denn das war das letzte Mal, dass sie zusammen waren. Er stand bloß auf, verließ mit seinem Vater das Krankenzimmer, und die Tür schloss sich hinter ihnen.

Der Vorhang ging auf und er schaute seinem Vater in die Augen. Der Saal verschwamm vor ihm, und das Einzige, was er sah, waren die stechenden Augen seines Vaters.

Irgendjemand im Saal begann zu lachen.

Er kam wieder zu sich. Der Chor hatte angefangen zu singen, und der Chorleiter hatte ihm das Zeichen zum Einsatz gegeben, aber er hatte es verpasst. Der Chorleiter versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, dirigierte den Chor durch eine geschickte Schleife, und jetzt fiel er an der richtigen Stelle ein und hatte gerade angefangen zu singen, als etwas geschah.

Als etwas mit der Stimme passierte.

»Sie ist gekippt«, sagte Gabríel, der bei Erlendur im kalten Hotelzimmer saß. »Die Stimme ist gekippt. Gleich bei der ersten Nummer. Und damit war es aus.«

Vierzehn

Gabríel saß regungslos auf dem Bett und starrte vor sich hin, er war augenscheinlich wieder auf der Bühne im Stadtkino, wo der Chor nach und nach verstummte. Guðlaugur, der nicht verstand, was mit seiner Stimme los war, räusperte sich ein ums andere Mal und versuchte weiterzusingen.

Sein Vater war aufgestanden, und seine Schwester lief zur Bühne, um ihren Bruder dazu zu bringen, damit aufzuhören. Zuerst tuschelten die Leute untereinander wegen der Schwierigkeiten, die der Junge zu haben schien, aber bald hörte man hie und da unterdrücktes Lachen im Saal, das immer lauter wurde, und ein paar Leute pfiffen. Gabríel ging zu Guðlaugur und wollte ihn wegführen, aber der stand wie angewurzelt da. Der Bühnenmeister versuchte, den Vorhang heruntergehen zu lassen. Der Ansager war mit einer Zigarette in der Hand auf die Bühne gekommen und wusste nicht, was er machen sollte. Endlich gelang es Gabríel, Guðlaugur von der Stelle zu bewegen und ihn vor sich herzuschieben. Dann war auch seine Schwester auf der Bühne erschienen, nahm ihn bei der Hand und schrie in den Saal, dass die Leute nicht lachen sollten. Sein Vater stand immer noch wie versteinert an demselben Platz in der ersten Reihe.

Gabríel kam wieder zu sich und schaute Erlendur an.

»Mich schaudert es immer noch, wenn ich an diese Szene denke«, sagte er.

»Die Stimme ist gekippt?«, fragte Erlendur. »In Musik kenne ich mich nicht so …«

»Man sagt auch, dass die Stimme bricht. Mit der Pubertät werden die Stimmbänder länger. Du verwendest die Stimme wie zuvor, aber sie senkt sich um eine ganze Oktave. Das Ergebnis ist alles andere als schön, es klingt wie Jodeln nach unten. Das ist das, womit alle Knabenchöre zu kämpfen haben. Er hätte möglicherweise auch noch zwei oder drei Jahre weitermachen können, aber Guðlaugur war frühreif. Die Hormonproduktion kam in Gang, und das Ergebnis war der furchtbarste Abend seines Lebens.«

»Du musst dich sehr gut mit ihm verstanden haben, wenn er später zu dir gekommen ist und mit dir darüber gesprochen hat.«

»Das kann man schon sagen. Er betrachtete mich als seinen Vertrauten. Ich versuchte, so gut ich es vermochte, ihm zu helfen, und er nahm weiterhin Gesangsstunden bei mir.

Sein Vater wollte nicht aufgeben. Aus seinem Sohn sollte ein Sänger werden. Er sprach davon, ihn nach Deutschland oder Italien zu schicken, oder sogar nach England. Dort hat man den Knabensopran am meisten kultiviert, und dort gibt es Myriaden von Chorknaben, deren Karriere ein solches Ende gefunden hat. Nichts ist so kurzlebig wie ein Knabensopran.«

»Aber es wurde nie ein Sänger aus ihm?«

»Nein. Das war vorbei. Er hatte eine passable Erwachsenenstimme, aber nicht mehr. Vor allem aber war sein Interesse vorbei. Die ganze Arbeit, die in der Gesangsausbildung steckte, und im Grunde genommen seine ganze Kindheit, wurden an diesem einen Abend zunichte gemacht. Sein Vater ging mit ihm zu anderen Gesangslehrern, aber auch dabei kam nichts heraus, der Funke war erloschen. Er ließ sich wegen seines Vaters zunächst noch eine Zeit lang darauf ein, aber dann warf er alles hin. Er sagte mir, dass es in Wirklichkeit auch nie sein Wunsch gewesen war, Chorknabe und Sänger zu werden, zu singen und aufzutreten. Das alles kam von seinem Vater.«