»Du hast vorhin gesagt, dass einige Jahre später etwas passiert ist«, sagte Erlendur. »Einige Jahre nach dem Konzert im Stadtkino. Ich hatte den Eindruck, dass das mit dem Vater und dem Rollstuhl zusammenhing. Ist das richtig?«
»Mit der Zeit entstand eine tiefe Kluft zwischen ihnen. Zwischen Guðlaugur und seinem Vater. Du hast ihr Verhalten gesehen, als er und seine Tochter kamen, um mit dir zu sprechen. Ich kenne andererseits nicht die ganze Geschichte, nur einen Teil davon.«
»Aber wenn ich dich richtig verstehe, haben Guðlaugur und seine Schwester sich gut verstanden.«
»Ganz ohne Zweifel. Sie begleitete ihn oft zu den Chorproben und war immer dabei, wenn er auf Feiern in der Schule oder in der Kirche gesungen hat. Sie war gut zu ihm, aber sie hing auch an ihrem Vater. Er war eine unerhört starke Persönlichkeit, unbeugsam und unerbittlich, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er konnte aber zwischendurch auch mildere Saiten aufziehen. Sie stellte sich zum Schluss ganz hinter ihn. Der Junge rebellierte gegen seinen Vater. Ich weiß nicht ganz genau, was es war, aber zum Schluss hasste er seinen Vater und gab ihm die Schuld daran, wie es gelaufen war. Nicht nur damals, auf der Bühne, sondern im Hinblick auf alles.«
Gabríel schwieg eine Weile.
»Bei einem der letzten Male, als ich mit ihm sprach, sagte er, dass sein Vater ihm seine Jugend geraubt hätte. Dass er ihn zum Gespött der Leute gemacht hätte.«
»Zum Gespött der Leute?«
»So hat er sich ausgedrückt, aber ich wusste genauso wenig wie du, was er damit meinte. Das war kurz nach dem Unfall.«
»Unfall?«
»Ja.«
»Was ist passiert?«
»Guðlaugur wird wohl so um die zwanzig gewesen sein. Er hatte mit der Schule aufgehört. Nach dem Unfall zog er aus Hafnarfjörður weg, und danach hatten wir so gut wie gar keine Verbindung mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass der Unfall durch diese seine Rebellion verursacht wurde.
Aus dieser Wut heraus, die sich in ihm angestaut hatte.«
»Und nach dem Unfall ist er von zu Hause ausgezogen?«
»Ja, soviel ich weiß.«
»Was ist damals geschehen?«
»In ihrem Haus gab es eine hohe, steile Treppe. Ich bin einmal bei ihnen gewesen. Sie führte von der Diele aus in die obere Etage. Es hatte wohl wieder einmal ein Streit zwischen Guðlaugur und seinem Vater gegeben, der in der oberen Etage ein Büro hatte. Sie standen direkt vor der Treppe, und soviel ich weiß, hat Guðlaugur ihn dann diese Treppe hinuntergestoßen. Er ist nie wieder auf die Beine gekommen, denn die Wirbelsäule war gebrochen, und er war querschnittsgelähmt.«
»War es ein Unfall? Weißt du das?«
»Das wussten nur Guðlaugur und sein Vater. Vater und Tochter haben ihn danach verstoßen und jegliche Verbindung zu ihm abgebrochen. Sie wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Das deutet vielleicht darauf hin, dass er seinen Vater angegriffen hat. Dass es kein Unfall gewesen ist.«
»Wieso weißt du davon, wenn du gar keine Verbindung mehr zu den Leuten hattest?«
»Die ganze Stadt redete darüber, dass er seinen Vater die Treppe hinuntergestoßen hätte. Es gab sogar eine polizeiliche Untersuchung.«
»Wann hast du Guðlaugur zuletzt gesehen?«
»Das war hier im Hotel, ein purer Zufall. Ich hatte keine Ahnung, was aus ihm geworden war. Ich war hier mit Bekannten zum Abendessen verabredet, als ich ihn auf einmal in seiner Livree auftauchen sah. Ich erkannte ihn nicht gleich, es war ja so viel Zeit verstrichen. Das war vor fünf oder sechs Jahren. Ich ging zu ihm hin und fragte, ob er sich nicht an mich erinnerte, und dann haben wir uns unterhalten.«
»Über was?«
»Über alles und nichts. Ich fragte ihn, wie es ihm ginge und dergleichen. Er schwieg sich über seine persönlichen Verhältnisse aus. Ihm schien es unangenehm zu sein, mit mir zu sprechen. Es war, als würde ich ihn an die Vergangenheit erinnern, die er verdrängen wollte. Ich hatte das Gefühl, er schämte sich für die Portiersuniform. Vielleicht war es auch etwas anderes, ich weiß es nicht. Ich fragte ihn nach seiner Familie, er sagte, er habe überhaupt keine Verbindung mehr zu ihnen. Und damit hatte es sich, und wir verabschiedeten uns.«
»Hast du irgendeine Idee, wer ein Interesse daran gehabt haben könnte, Guðlaugur umzubringen?«
»Nicht die geringste«, sagte Gabríel. »Wie wurde er angegriffen? Wie wurde er umgebracht?«
Er fragte vorsichtig, und aus seinen Augen sprach Trauer.
Es ging nicht darum, etwas in Erfahrung zu bringen, um es brühwarm zu Hause oder im Freundeskreis weiterzuerzählen, er wollte nur wissen, wie das Leben des viel versprechenden Talents, das er einmal unterrichtet hatte, geendet hatte.
»Es ist mir leider nicht möglich, in die Details zu gehen, wegen der Ermittlung«, sagte Erlendur. »Das sind Informationen, die wir geheim zu halten versuchen.«
»Ja, natürlich«, sagte Gabríel. »Das verstehe ich gut. Polizeiliche Ermittlung … Habt ihr schon etwas herausgefunden?
Aber darüber darfst du bestimmt auch nicht sprechen, was rede ich hier eigentlich. Ich kann mir nicht vorstellen, wer ihn hätte umbringen wollen, aber ich habe natürlich auch seit langem keine Verbindung mehr zu ihm gehabt. Wusste nur, dass er hier im Hotel war.«
»Er hat hier viele Jahre als Portier und Hausfaktotum gearbeitet. Beispielsweise auch den Weihnachtsmann gespielt.«
Gabríel stöhnte.
»Was für ein Schicksal.«
»Das Einzige, was wir außer den Schallplatten in seiner Kammer vorgefunden haben, war ein Filmplakat, das an der Wand hing. Stammt von einem Film mit Shirley Temple aus dem Jahre 1939, der Die kleine Prinzessin oder The Little Princess heißt. Hast du irgendeine Vorstellung, warum er so was bei sich aufgehängt hat, oder vielleicht sogar, warum er sie besonders geschätzt hat? Ansonsten ist überhaupt nichts in dem Zimmer.«
»Shirley Temple?«
»Der Kinderstar.«
»Die Verbindung wird sicher ganz direkt sein«, erklärte Gabríel. »Guðlaugur hat sich selbst als Kinderstar angesehen, und das taten alle um ihn herum. Ansonsten sehe ich da keinen Zusammenhang.«
Gabríel stand auf, setzte sich die Schirmmütze auf, knöpfte den Mantel zu und band sich den Schal um den Hals. Währenddessen schwiegen sie beide. Erlendur öffnete ihm die Tür und begleitete ihn auf den Gang hinaus.
»Danke, dass du gekommen bist und mit mir gesprochen hast«, sagte er und streckte seine Hand aus.
»Keine Ursache«, erwiderte Gabríel. »Das war das Mindeste, was ich tun konnte.«
Er zögerte, als wollte er noch etwas sagen, aber wusste nicht, wie.
»Er war voller Unschuld«, sagte er schließlich. »Ein Junge, der nie Streiche machte oder Widerworte gab. Man hatte ihm eingeredet, er sei eine besonderer und einmaliger Junge und dass er berühmt werden und die Welt erobern würde. Die Wiener Sängerknaben. Hierzulande werden die Dinge so aufgebauscht, heute vielleicht noch schlimmer als früher, das ist typisch für diese Nation, die sonst nichts vorzuweisen hat. In der Schule machten sie sich über ihn lustig, weil er anders war, und er musste deswegen einiges einstecken. Und dann stellte sich am Ende heraus, dass er ein ganz normaler Junge war, dessen gesamte Welt an einem einzigen Abend zusammenstürzte. Es hätte unglaublicher Charakterstärke bedurft, um das heil durchzustehen.«
Sie verabschiedeten sich, Gabríel drehte sich um und ging den Gang entlang in Richtung Aufzug. Erlendur blickte ihm nach, und es kam ihm fast so vor, als hätte das Schicksal von Guðlaugur Egilsson den ehemaligen Chorleiter seiner gesamten Kraft beraubt.