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Erlendur schloss die Tür. Er setzte sich auf die Bettkante und dachte über den Chorknaben nach, wie er ihn als Weihnachts­mann mit runtergelassenen Hosen vorgefunden hatte. Er grübelte, wie das Schicksal diesen Jungen in dieses Kabuff im Keller geführt und ihm so viele Jahre nach der bittersten Enttäuschung seines Lebens den Tod gebracht hatte. Er dachte an Guðlaugurs Vater mit der dicken Hornbrille, der an den Rollstuhl gefesselt war, und an seine Schwester mit dem stechenden Blick und der Aversion gegen den Bruder. Er dachte an den feisten Hotelmanager, der ihn entlassen hatte, und an den Empfangschef, der vorgab, ihn nicht gekannt zu haben. Er dachte an das Hotelpersonal, das keine Ahnung hatte, wer Guðlaugur Egilsson war. An Henry Wapshott, der von weither gekommen war, weil der junge Guðlaugur mit seiner zarten und schönen Stimme immer noch existierte und es auch weiterhin tun würde.

Unwillkürlich gingen seine Gedanken wieder zurück zu seinem Bruder.

Erlendur legte wieder dieselbe Platte auf, streckte sich auf dem Bett aus und ließ sich erneut in die Vergangenheit zurückversetzen, nach Hause. Dachte an seinen Bruder.

Vielleicht war es auch sein Gesang.

Fünfzehn

Elínborg kam gegen Abend wieder aus Hafnarfjörður zurück und fuhr direkt ins Hotel, um sich mit Erlendur zu treffen.

Sie nahm den Aufzug hoch zu seiner Etage und klopfte an die Tür, zweimal, und als keine Reaktion erfolgte, klopfte sie ein drittes Mal. Sie wollte gerade wieder kehrtmachen, als sich die Tür endlich öffnete und Erlendur sie hereinließ.

Er war über seinen Gedanken eingenickt und war immer noch völlig abwesend, als Elinborg anfing zu berichten, was sie in Hafnarfjörður herausgefunden hatte. Sie hatte mit dem ehemaligen Rektor der Volksschule in Hafnarfjörður gesprochen, der steinalt war, sich aber noch gut an Guðlaugur erinnern konnte. Hinzu kam, dass seine Frau, die vor rund zehn Jahren gestorben war, mit der Mutter des Jungen befreundet gewesen war. Mithilfe des Rektors hatte sie drei ehemalige Schulkameraden von Guðlaugur ausfindig gemacht, die immer noch in Hafnarfjörður wohnten. Eine von ihnen war bei dem Konzert im Stadtkino dabei gewesen. Elinborg hatte auch mit alten Nachbarn der Familie gesprochen und mit Leuten, die früher mit der Familie zu tun gehabt hatten.

»Hier in diesem Zwergstaat darf sich niemand hervortun«, sagte Elinborg und setzte sich auf das Bett. »Niemand darf anders sein.«

Alle wussten, dass aus Guðlaugur etwas Besonderes werden sollte. Er sprach zwar selber nie darüber, er sprach eigentlich niemals über sich selbst, aber alle wussten es. Er musste Klavierunterricht nehmen, erst bei seinem Vater und dann beim Leiter des Kinderchors, dessen Stelle um diese Zeit eingerichtet wurde, und dann bei einem bekannten Sänger, der in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, aber jetzt nach Island zurückgekehrt war. Die Leute überschütteten den Jungen mit Lob. Er bekam Applaus, und er verneigte sich in seinem weißen Hemd und den schwarzen Hosen, wohlerzogen und kultiviert wie ein kleiner Erwachsener. Was für ein hübscher Junge, dieser Guðlaugur, sagten die Leute. Schallplatten wurden mit ihm herausgegeben. Demnächst würde er auch in anderen Ländern berühmt sein.

Er war nicht in Hafnarfjörður geboren. Die Familie war aus dem Norden gekommen und hatte zunächst in Reykjavik gelebt. Es hieß, dass Guðlaugurs Vater der Sohn eines Organisten war und selber in jüngeren Jahren im Ausland Gesang studiert hatte. Das Haus in Hafnarfjörður hatte er den Gerüchten zufolge von dem Geld gekauft, das er von seinem Vater erbte, der sich durch Geschäfte mit der amerikanischen Besatzungsmacht eine goldene Nase verdient hatte.

Angeblich hatte er so viel geerbt, dass er sich keine Gedanken mehr über seinen Lebensunterhalt zu machen brauchte.

Dieser Reichtum wurde aber nie zur Schau gestellt. Es lag ihm nichts daran, im öffentlichen Leben irgendeine Rolle zu übernehmen, sondern sie lebten zurückgezogen. Wenn er mit seiner Frau spazieren ging, zog er den Hut und grüßte die anderen höflich. Es hieß, seine Frau sei die Tochter eines Reeders, aber niemand wusste, woher sie stammte.

Sie knüpften kaum neue Bekanntschaften in Hafnarfjörður.

Ihre Freunde, falls sie welche hatten, lebten wohl in Reykjavik. Gäste wurden kaum in dem Haus empfangen.

Wenn die anderen Jungen in seinem Viertel oder seine Schulkameraden nach Guðlaugur fragten, wurde ihnen meistens gesagt, dass er zu Hause bleiben und lernen müsse, entweder für die Schule oder für die Gesangs- und Klavierstunden. Manchmal durfte er aber hinaus zu ihnen, und sie merkten schnell, dass er nicht so ungehobelt war wie sie selber, sondern auf merkwürdige Weise empfindlich. Er machte sich nie dreckig, er sprang nie in Pfützen herum, beim Fußball war er zimperlich, und er sprach so unglaublich gewählt. Und dann redete er manchmal über Leute mit ausländischen Namen. Irgendeinen Schubert. Und wenn sie ihm von den neuesten Abenteuerbüchern erzählten, die sie lasen, oder den Filmen, die sie im Kino gesehen hatten, sagte er ihnen, dass er Gedichte lesen würde. Vielleicht nicht unbedingt, weil er das wollte, sondern weil sein Vater ihm sagte, es wäre gut für ihn, Gedichte zu lesen. Sie merkten, dass es der Vater war, der ihm seine Aufgaben zuwies. Zu Hause bei ihm ging es sehr streng und geregelt zu. Ein Gedicht pro Abend.

Die Schwester war anders als er. Sie war härter im Nehmen und ähnelte ihrem Vater. Der Vater schien nicht die gleichen Anforderungen an sie zu stellen wie an den Jungen. Sie nahm Klavierunterricht und begann genau wie ihr Bruder im Kinderchor zu singen, nachdem der gegründet worden war. Ihr Freundinnen sagten, dass sie manchmal auf ihren Bruder neidisch war, wenn der Vater ihn immer bevorzugte, und auch die Mutter schien ihren Sohn mehr zu lieben als ihre Tochter. Die Leute fanden, dass Guðlaugur und seine Mutter viel mehr gemeinsam hatten. Es war, als würde sie eine schützende Hand über ihn halten.

Einmal war ein Schulkamerad bis ins Vorzimmer vorgelassen worden, weil die Eltern sich nicht einigen konnten, ob Guðlaugur spielen gehen dürfe. Der Vater mit der dicken Brille stand oben, Guðlaugur unten, am Fuß der Treppe, und seine Mutter in der Tür zur Diele. Sie meinte, dass es doch vollkommen in Ordnung wäre, wenn Guðlaugur einmal draußen spielen würde. Er hätte nicht so viele Freunde, und sie kämen auch nicht so oft, um nach ihm zu fragen. Er könnte doch später weiterüben.

»Jetzt wird weitergeübt!«, donnerte der Vater. »Glaubst du vielleicht, dass das etwas ist, was man ganz nach Lust und Laune tun und bleiben lassen kann, wie es einem gerade passt? Du begreifst nicht, worauf wir hinarbeiten. Du willst es einfach nicht begreifen!«

»Er ist doch nur ein Kind«, sagte die Mutter, »und hat nicht viele Freunde. Du kannst ihn doch nicht den ganzen Tag im Haus halten. Er muss doch auch Kind sein dürfen.«

»Es ist schon in Ordnung«, sagte Guðlaugur und ging zu dem Jungen. »Ich komme vielleicht später. Geh jetzt, ich komme vielleicht später nach draußen.«

Auf dem Weg nach draußen hörte der Junge noch, kurz bevor die Haustür zuging, wie Guðlaugurs Vater die Treppe herunterschrie: »Untersteh dich, mir noch einmal im Beisein eines Fremden zu widersprechen.«

Guðlaugur isolierte sich in der Schule mit der Zeit immer mehr, und die Jungen in den Klassen über ihm begannen ihn zu hänseln. Anfangs war alles noch harmlos. Jeder zog jeden auf, auf dem Schulhof prügelte man sich, und es wurden Streiche gespielt wie in allen Schulen, aber nach zwei Schuljahren, als Guðlaugur elf Jahre alt war, richteten sich die Hänseleien und Streiche fast ausschließlich gegen ihn. Es war nach heutigen Maßstäben keine große Schule.

Alle wussten, dass Guðlaugur anders war. Er hatte Musikunterricht und sang mit dem neuen Kinderchor und durfte nie mit den anderen draußen spielen. Er war immer bleich und kränklich. Ein Stubenhocker. Die Jungen in der Klasse und im Viertel hörten allmählich auf, nach ihm zu fragen, fingen stattdessen an, ihm Streiche zu spielen, wenn er in die Schule kam. Sein Tornister verschwand oder war leer, wenn er ihn aufmachte. Er wurde auf der Straße geschubst, bis er hinfiel, seine Sachen wurden zerrissen, er wurde verprügelt. Er bekam Spitznamen verpasst. Er wurde nie zu Kindergeburtstagen eingeladen.