Guðlaugur wusste nicht, wie er sich dagegen wehren sollte.
Er begriff nicht, was um ihn herum vor sich ging. Sein Vater beschwerte sich beim Rektor, der versprach, einzugreifen, aber das stand nicht in seiner Macht, und Guðlaugur kam weiterhin mit zerrissenen Sachen und leerem Tornister nach Hause. Sein Vater überlegte, ihn von der Schule zu nehmen oder sogar aus der Stadt zu ziehen, aber weil er so starrköpfig war, wollte er nicht klein beigeben, denn er hatte den Kinderchor mit aufgebaut und er war zufrieden mit dem jungen Mann, der den Chor leitete. Der Chor war wichtig für Guðlaugur, er war hervorragend dazu geeignet, um sich zu üben und mit der Zeit das gebührende Aufsehen zu erregen. »Der Junge war dem Mobbing, ein Wort, das es damals gar nicht gab«, erklärte Elinborg, »schutzlos ausgesetzt.«
Seine Reaktion war die totale Kapitulation, er wurde verschlossen und eigenbrötlerisch, konzentrierte sich auf den Gesang und auf das Klavier und schien auf diese Weise eine gewisse Seelenruhe zu finden. Da wenigstens verlief alles nach Wunsch, dort sah er, wessen er fähig war. Aber die meiste Zeit ging es ihm nicht gut. Als schließlich seine Mutter starb, begann er seelisch zu verkümmern.
Man sah ihn immer nur alleine durch die Straßen gehen, und er versuchte zu lächeln, wenn er Kindern aus der Schule begegnete. Er sang auf einer Schallplatte, die in den Zeitungen besprochen wurde. Sein Vater schien also Recht behalten zu haben. Aus Guðlaugur würde etwas ganz Besonderes werden.
Eine Schulkameradin, die mit ihren Eltern im Stadtkino gewesen war, hatte angefangen zu weinen, während viele andere lachten, als der Chorleiter und Guðlaugurs Schwester ihn von der Bühne führten.
Und kurze Zeit danach, kaum jemand wusste, warum, hatte er einen neuen Spitznamen im Viertel bekommen.
»Wie wurde er genannt?«, fragte Erlendur.
»Der Rektor wusste es nicht«, entgegnete Elinborg, »und seine ehemaligen Schulkameraden konnten sich entweder nicht daran erinnern oder wollten nicht mit der Sprache heraus. Aber es hatte fatalen Einfluss auf den Jungen. Darüber waren sich alle einig.«
»Wie spät ist es eigentlich?«, fragte Erlendur, der auf einmal zu sich zu kommen schien.
»Es ist wahrscheinlich schon nach sieben«, sagte Elinborg.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Verdammt, ich habe den ganzen Tag verschlafen«, sagte Erlendur und sprang auf. »Ich muss Henry finden. Ihm sollte mittags die Speichelprobe entnommen werden, da war er aber nirgendwo im Hotel aufzutreiben.«
Elinborg blickte auf den Schallplattenspieler, die Lautsprecher und die Platten.
»Ist er tatsächlich gut?«
»Er ist großartig«, sagte Erlendur. »Du solltest ihn dir anhören.«
»Ich muss sehen, dass ich nach Hause komme«, sagte Elinborg, die ebenfalls aufgestanden war. »Willst du etwa zu Weihnachten hier im Hotel bleiben? Willst du wirklich nicht nach Hause gehen?«
»Ich weiß noch nicht«, sagte Erlendur. »Ich schau mal.«
»Du bist bei mir zu Hause willkommen, das weißt du. Bei mir gibt’s Weihnachtsschinken. Und außerdem Rinderzunge.«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Erlendur und öffnete die Tür.
»Geh jetzt nach Hause, ich kümmere mich um Henry.«
»Was hat Sigurður Óli den ganzen Tag gemacht?«, fragte Elinborg.
»Er wollte bei der britischen Polizei etwas über Wapshott in Erfahrung bringen. Wahrscheinlich ist er aber inzwischen schon zu Hause.«
»Warum ist es hier drinnen bei dir so kalt?«
»Der Heizkörper ist kaputt«, sagte Erlendur und machte die Tür hinter sich zu.
Als sie nach unten in die Rezeption kamen, verabschiedete er sich von Elinborg und suchte den Empfangschef in seinem Büro auf. Er erfuhr, dass sich Henry Wapshott den ganzen Tag nicht im Hotel hatte blicken lassen. Sein Zimmerschlüssel war nicht im Fach, und ausgecheckt hatte er bisher nicht. Die Rechnung war noch nicht beglichen.
Erlendur wusste, dass Wapshott mit der Abendmaschine nach London wollte, und hatte nichts in der Hand, um ihn daran zu hindern. Von Sigurður Óli hatte er nichts gehört.
Er ging unschlüssig im Foyer auf und ab.
»Kannst du mich in sein Zimmer lassen?«, fragte er den Empfangschef.
Der Empfangschef schüttelte den Kopf.
»Es besteht Fluchtgefahr«, sagte Erlendur. »Weißt du, wann die Maschine nach London geht? Um wie viel Uhr genau?«
»Die Abendmaschine hat heute wesentliche Verspätung«, sagte der Empfangschef. Er musste wegen seines Jobs immer über die aktuellen Flugverbindungen informiert sein. »Sie startet vermutlich gegen neun, heißt es.«
Erlendur tätigte einige Anrufe. Er fand heraus, dass Henry Wapshott für die Abendmaschine nach London gebucht war, aber noch nicht eingecheckt hatte. Erlendur veranlasste, dass er bei der Passkontrolle am Flughafen aufgehalten und wieder nach Reykjavik gebracht würde. Er musste sich einen Grund für die Polizei in Keflavík ausdenken, um den Mann an der Ausreise zu hindern, und zögerte einen Augenblick, während er überlegte, ob er etwas erfinden sollte. Er wusste, dass es ein gefundenes Fressen für die Medien wäre, wenn sie der Wahrheit auf die Spur kämen, aber auf die Schnelle fiel ihm keine Lüge ein, und er sagte schließlich einfach, was Sache war, dass Wapshott unter Verdacht stand.
»Kannst du mich in sein Zimmer lassen?«, fragte Erlendur den Empfangschef wieder. »Ich rühre nichts an. Ich muss bloß wissen, ob er abgehauen ist. Es braucht eine Ewigkeit, bis ich einen Durchsuchungsbefehl kriege. Ich brauche bloß meine Nase ins Zimmer zu stecken.«
»Es kann durchaus sein, dass er noch auscheckt«, sagte der Empfangschef, der sich auf das Recht seiner Gäste auf Privatsphäre berief. »Es ist noch eine ganze Weile bis zum Abflug, und er hat so gesehen genügend Zeit, zum Hotel zurückzukommen, seine Sachen zu packen, die Rechnung zu bezahlen und den Bus nach Keflavík zu nehmen. Kannst du damit nicht noch etwas warten?«
Erlendur überlegte.
»Könntest du nicht jemanden zum Saubermachen hochschicken, und ich gehe dann ganz zufällig an der offenen Tür vorbei?«
»Du musst meine Position verstehen«, sagte der Empfangschef. »Wir sind in erster Linie darauf bedacht, die Interessen unserer Gäste wahren. Sie haben nun mal das Recht auf Privatsphäre wie bei sich zu Hause. Wenn ich gegen diese Regeln verstoße und sich das herumspricht oder bei einem Prozess zutage kommt, verlieren unsere Gäste das Vertrauen in uns. So einfach ist die Sache. Das musst du verstehen.«
»Wir untersuchen einen Mord, der hier im Hotel passiert ist«, sagte Erlendur. »Ist euer Ruf nicht sowieso schon zum Teufel?«
»Bring mir einen Durchsuchungsbefehl, dann ist es kein Problem.«
Erlendur stöhnte und drehte sich um. Er holte sein Handy aus der Tasche und rief Sigurður Óli an. Es klingelte eine ganze Weile, bis abgehoben wurde. Erlendur hörte Stimmen im Hintergrund.
»Wo treibst du dich denn herum?«, fragte Erlendur.
»Wir backen Laufabrauð«,sagte Sigurður Óli.
»Was macht ihr?«
»Wir verzieren gerade den Teig. Mit Bergþóras Familie. Tradition jedes Jahr zu Weihnachten. Bist du jetzt wieder zu Hause?«