»Sieht alles aus wie bei einem ganz normalen Reisenden in einem normalen Hotelzimmer in Reykjavik«, sagte er.
»Die Mordwaffe liegt nicht auf seinem Nachttisch, falls du das erwartet hast, und in dem Koffer sind keine blutigen Sachen, eigentlich gar nichts, was ihn mit dem Mann im Keller verbindet. Aber es gibt massenweise Fingerabdrücke in dem Zimmer. Fest steht auf jeden Fall, dass der Mann seine Flucht geplant hat. Er hat das Zimmer zwar so zurückgelassen, dass es aussieht, als wolle er nur zur Bar. Der Akku seines Rasierapparats war zum Aufladen in die Steckdose gesteckt, ein paar Schuhe standen herum, auch die Pantoffeln, die er dabeihatte, waren noch nicht eingepackt. Das ist im Grunde genommen das Einzige, was wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt sagen können. Der Mann war in Panik. Er wollte möglichst schnell weg.«
Der Leiter der Spurensicherung verschwand wieder im Zimmer, und Erlendur ging zum Hotelmanager zurück.
»Wer ist für die Reinigung hier auf dem Gang zuständig?«, fragte er. »Wer geht in die Zimmer? Die Reinigungskräfte, sind die auf bestimmte Flure verteilt?«
»Ich weiß genau, welches von den Mädels hier für diesen Flur zuständig ist«, sagte der Hotelmanager. Seinem abfälligen Ton nach zu urteilen, schienen Putzarbeiten selbstverständlich Frauensache zu sein.
»Und wer ist das?«, fragte Erlendur.
»Tja, beispielsweise das Mädchen, mit dem du gesprochen hast.«
»Das Mädchen, mit dem ich gesprochen habe?«
»Die aus dem Keller«, sagte der Hotelmanager. »Diejenige, die die Leiche gefunden hat. Das Mädchen, das den toten Weihnachtsmann gefunden hat. Das ist ihr Flur.«
Als Erlendur zwei Stockwerke höher auf sein Zimmer kam, saß Eva Lind auf dem Gang und wartete auf ihn. Sie hatte sich an die Wand gelehnt, die Knie unter dem Kinn, und Erlendur hatte den Eindruck, als schliefe sie. Sie schaute hoch, als er sich näherte, streckte die Beine aus und setzte sich.
»Mann, wie voll cool ich das finde, hier in das Hotel zu kommen«, sagte sie. »Willst du nicht bald den Abflug von hier machen?«
»Ich habe es vor«, sagte Erlendur. »So langsam habe ich diesen Kasten hier satt.«
Er steckte die Karte in das elektronische Türschloss, die Tür ging sofort auf. Eva Lind erhob sich und folgte ihm ins Zimmer, wo sie sich gleich der Länge nach aufs Bett warf.
Er selbst nahm an dem kleinen Schreibtisch Platz.
»Kommst du endlich voran mit deinem Case?«, fragte Eva bäuchlings auf dem Bett, die Augen geschlossen, so als würde sie versuchen, einzuschlafen.
»Langsam, aber sicher«, sagte Erlendur. »Warum musst du unbedingt solche Worte wie ›Case‹ verwenden? Was spricht dagegen zu sagen: Kommst du vorwärts mit deinem Fall?«
»Mannomann«, sagte Eva Lind immer noch mit geschlossenen Augen. Erlendur lächelte. Er betrachtete seine Tochter auf dem Bett und überlegte, wie er sich wohl als Erzieher verhalten hätte. Hätte er große Anforderungen an sie gestellt? Hätte er sie für Ballettstunden angemeldet? Sie dazu ermuntert, Klavierstunden zu nehmen? Gehofft, dass sie ein Genie werden würde? Hätte er sie zusammengeschlagen, wenn ihr eine Likörflasche aus der Hand gefallen wäre?
»Bist du noch da?«, fragte sie mit geschlossenen Augen.
»Ja, ich bin hier«, sagte Erlendur müde.
»Warum sagst du nichts?«
»Was soll ich sagen? Wozu muss man immer was sagen?«
»Na ja, beispielsweise, was du eigentlich hier in diesem Hotel machst. Im Ernst.«
»Ich weiß es nicht. Ich hatte keine Lust, in meine Wohnung zu gehen. Es ist irgendwie eine kleine Abwechslung.«
»Abwechslung? Was ist der Unterschied, allein in diesem Zimmer hier rumzuhängen oder allein bei sich zu Hause zu hocken?«
»Willst du ein bisschen Musik hören?«, fragte Erlendur und versuchte, vom Thema abzulenken. Er fing an, seiner Tochter den Fall Stück für Stück darzulegen und sich dabei gleichzeitig selber einen Überblick zu verschaffen. Er erzählte ihr von dem Mädchen, das den erstochenen Weihnachtsmann gefunden hatte, der seinerzeit ein Chorknabe mit einer ungewöhnlich schönen und viel versprechenden Stimme gewesen war. Zwei Platten von ihm waren unter Sammlern gesuchte Objekte. Seine Stimme war einmalig.
Er streckte die Hand nach der Platte aus, die er noch nicht gehört hatte. Es waren zwei Kirchenlieder darauf. Die Platte war ganz offensichtlich zu Weihnachten herausgegeben worden. Vorne auf der Hülle war Guðlaugur mit einer Weihnachtsmannmütze und lächelte breit mit etwas vorspringenden Zähnen. Erlendur dachte an die Ironie des Schicksals. Er legte die Platte auf, und die Stimme des Chorknaben erfüllte das Zimmer, ein wunderschönes, wehmütiges Lied. Eva Lind machte die Augen auf und richtete sich auf.
»Ist das dein Ernst?«, fragte sie.
»Findest du das nicht großartig?«
»Ich habe noch nie ein Kind so schön singen gehört«, sagte Eva. »Ich glaube, ich habe noch nie überhaupt jemanden so schön singen gehört.« Sie saßen schweigend da und hörten sich das Lied an. Erlendur streckte sich nach dem Plattenspieler aus, drehte die Platte um und spielte das Lied auf der anderen Seite. Sie hörten zu, und als es zu Ende war, bat Eva Lind darum, die erste Seite noch einmal aufzulegen.
Erlendur erzählte ihr von Guðlaugurs Familie, von dem Konzert im Stadtkino, und dass Vater und Schwester mehr als dreißig Jahre lang keinerlei Verbindung zu ihm gehabt hatten, und von dem englischen Sammler, der zu türmen versucht hatte und sich einzig und allein für Chorknaben interessierte. Er sagte ihr, dass die Platten von Guðlaugur heutzutage sehr wertvoll wären.
»Meinst du, dass er vielleicht deswegen abgemurkst worden ist?«, fragte Eva Lind. »Wegen der Platten? Weil sie heutzutage wertvoll sind?«
»Ich weiß es nicht.«
»Gibt es da überhaupt noch welche?«
»Ich glaube nicht«, sagte Erlendur, »und wahrscheinlich sind die paar, die es noch gibt, deswegen so wertvoll und gefragt. Elinborg sagt, dass Sammler nach Objekten suchen, die einmalig sind auf der Welt. Aber das muss nicht unbedingt eine Rolle spielen. Vielleicht war es jemand hier im Hotel, der ihn überfallen hat. Jemand, der überhaupt nichts von dem Chorknaben wusste.«
Erlendur beschloss, seiner Tochter zu sagen, wie Guðlaugur gefunden worden war. Er wusste, dass sie, wenn sie Drogen nahm, auch auf den Strich ging und deswegen gut Bescheid wusste, was in Reykjavik ablief. Trotzdem scheute er sich davor, ihr ins Gewissen zu reden. Sie lebte ihr Leben und tat genau das, was sie wollte, ohne dass er jemals Einfluss darauf nehmen konnte. Er hielt es aber für möglich, dass Guðlaugur hier im Hotel jemanden für gewisse Dienste bezahlt hatte, und er fragte, ob sie wüsste, was hier im Hotel in Sachen Prostitution ablief.
Eva Lind schaute ihren Vater an.
»Der arme Kerl«, sagte sie und antwortete nicht auf seine Frage. Sie war in Gedanken immer noch bei dem Chorknaben. »Da war so ein Mädchen bei mir in der Schule, in der Grundschule. Die hat ein paar Platten besungen, sie hieß Vala Dögg. Kannst du dich an sie erinnern? Damals wurde unheimlich viel Tamtam um sie gemacht. Sie hat Weihnachtslieder gesungen. Ein blondes, unheimlich süßes kleines Mädchen.«
Erlendur schüttelte den Kopf.
»Die war so ein Kinderstar. Ist auch in der Kinderstunde und in anderen Fernsehsendungen aufgetreten und hat richtig gut gesungen, das kleine Ding. Ihr Vater war irgendso ’ne kleine Nummer im Pop-Business, aber ihre Mutter, die war total durchgeknallt und wollte sie unbedingt zum Popstar machen. Das Mädchen wurde ständig damit aufgezogen. Sie war wirklich lieb und nett und überhaupt nicht eingebildet oder affektiert, aber sie wurde immer gemobbt.
Shit, dass die Leute hier immer gleich neidisch sind und keinem was gönnen. Ja, sie wurde richtiggehend gemobbt, und dann hat sie später einfach mit der Schule aufgehört und angefangen zu arbeiten. Ich habe sie oft in der Szene getroffen, sie war viel schlimmer dran als ich, total am Ende. Sie hat mir gesagt, das sei das Schlimmste gewesen, was ihr passieren konnte.«