»Ein Kinderstar zu werden?«
»Das hat sie vollkommen kaputtgemacht. Davon hat sie sich nie erholt. Sie durfte nie sie selbst sein. Ihre Mutter war diejenige, die immer alles bestimmt hat. Sie wurde nie gefragt, ob sie das auch wollte. Sie hat gern gesungen, und sie fand es schön, im Mittelpunkt zu stehen und all das, aber sie hat überhaupt nicht begriffen, was da abging.
Sie durfte nur das kleine Püppchen in den Kindersendungen sein. Sie durfte nur eine Dimension haben, sie war die kleine süße Vala Dögg. Und deswegen wurde sie aufgezogen, und erst als sie älter war, hat sie kapiert, warum, und dann hat sie gerafft, dass sie nie etwas anderes sein würde als das singende, süße, kleine Püppchen im süßen, kleinen Kleidchen. Und dass sie nie und nimmer eine weltberühmte Popsängerin werden würde, was ihre Mutter ihr immer eingeredet hatte.«
Eva Lind schwieg eine Weile und schaute ihren Vater an.
»Die ist völlig vor die Hunde gegangen. Sie sagte, das Mobben wäre das Schlimmste gewesen, das würde einen völlig kaputtmachen. Man übernimmt auf die Dauer genau das Bild von sich selbst, was diejenigen von einem haben, die einen mobben.«
»Guðlaugur hat wohl etwas Ähnliches erlebt«, sagte Erlendur. »Er ist ziemlich früh von zu Hause ausgezogen. Es muss eine wahnsinnige Belastung für die Kinder sein, wenn sie mit so etwas konfrontiert werden.«
Sie schwiegen beide.
»Klar gibt’s hier Nutten in dem Hotel«, sagte Eva Lind plötzlich und warf sich wieder aufs Bett. »Was hast du denn gedacht?«
»Was weißt du darüber? Kannst du mir da vielleicht weiterhelfen?«
»Nutten sind doch überall. Du rufst einfach eine Nummer an, und dann warten sie auf dich im Hotel. Die Edelnutten. Die wollen auch auf gar keinen Fall als Nutten bezeichnet werden, sondern sie nennen das ›Hostessenservice‹.«
»Kennst du irgendwelche, die mit diesem Hotel in Verbindung stehen, Mädchen oder Frauen, die hier auf den Strich gehen?«
»Das müssen nicht unbedingt Isländerinnen sein. Die können auch importiert sein. Die reisen einfach als Touristen ein und bleiben ein paar Wochen, da braucht man keine Arbeitserlaubnis, und dann kommen sie nach einem halben Jahr wieder.«
Eva Lind schaute ihren Vater an.
»Du solltest mal mit Stina sprechen, mit der bin ich befreundet. Die kennt sich da aus. Glaubst du, dass er von einer Nutte umgebracht worden ist?«
»Keine Ahnung.«
Sie schwiegen beide. Draußen in der Finsternis glitzerten die Schneeflocken, die zur Erde fielen. Erlendur erinnerte sich, dass in der Bibel irgendwo von Schnee die Rede war, von Sünden und Schnee, und versuchte, das zu rekapitulieren: Wären auch deine Sünden rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee.
»Ich glaube, ich bin dabei, mich auszuklinken«, sagte Eva Lind. Da war keine Spannung in der Stimme, keine Energie.
»Vielleicht kannst du das alles einfach nicht ganz alleine schaffen«, sagte Erlendur. Er hatte seiner Tochter schon oft zugeredet, Hilfe in Anspruch zu nehmen. »Vielleicht sollte jemand anderes als ich versuchen, dir zu helfen.«
»Komm mir bloß nicht mit dieser Psycho-Kacke«, sagte Eva Lind.
»Du hast dich noch immer nicht richtig erholt, und dir geht es augenscheinlich nicht gut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis du die Schmerzen auf die altbekannte Weise zu betäuben versuchst, und dann steckst du wieder in derselben Scheiße wie vorher.«
»Ewig musst du predigen«, sagte Eva Lind aufbrausend. Sie sprang auf.
Er beschloss, nicht um die Dinge herumzureden.
»Du würdest das Kind im Stich lassen, das gestorben ist.«
Eva Lind starrte ihren Vater an, die Augen schwarz vor Wut.
»Die andere Möglichkeit, die du hast, ist, dieses Scheißleben, wie du dich ausdrückst, in Angriff zu nehmen und die Schmerzen zu ertragen, die damit verbunden sind.
Die Widerstände, mit denen wir alle zu kämpfen haben, immer, die ganze Zeit, um das alles durchzustehen. Aber doch auch, um das Glück und die Freuden zu genießen, die es trotz allem auch gibt, dadurch, dass wir existieren.«
»Und das sagst ausgerechnet du! Du traust dich ja nicht mal zu Weihnachten zu dir nach Hause, weil da nichts ist! Überhaupt gar nichts, total empty, und du weißt, dass es nur eine olle Bude ist, und du hast keinen Bock, dich da zu verkriechen.«
»Ich bin Weihnachten immer bei mir zu Hause«, sagte Erlendur.
Eva Lind zögerte. Sie verstand nicht, was er meinte.
»Wie meinst du das eigentlich?«
»Das ist das Schlimmste an Weihnachten«, sagte Erlendur.
»Ich gehe dann immer nach Hause.«
»Ich versteh dich nicht«, sagte Eva Lind und öffnete die Tür.
»Ich werde dich nie verstehen.«
Sie knallte die Tür hinter sich zu. Erlendur stand auf und wollte erst hinter ihr herlaufen, aber er ließ es bleiben. Er wusste, dass sie wiederkommen würde. Er ging zum Fenster und schaute auf sein Spiegelbild in der Scheibe, bis er hindurchsehen konnte, in die Finsternis hinaus auf die Schneeflocken, die glitzerten.
Er hatte vergessen, dass er wieder zurück in seine Wohnung wollte, die ›empty‹ war, wie Eva Lind sich ausdrückte. Er wandte sich vom Fenster ab, legte die Platte mit den Kirchenliedern wieder auf und lauschte dem Jungen, der viele, viele Jahre später von allen vergessen ermordet in einem Hotel aufgefunden wurde, von allen vergessen, und er dachte an Sünden, weiß wie Schnee.
Vierter Tag
Siebzehn
Als er am frühen Morgen aufwachte, lag er angezogen auf dem Bett. Er brauchte lange, um richtig wach zu werden. Er hatte von seinem Vater geträumt, und dieser Traum folgte ihm in diesen dunklen Morgen. Er versuchte angestrengt, sich zu erinnern, was genau er geträumt hatte, konnte aber nur Bruchstücke zusammenfügen; sein Vater, irgendwie jünger und gesünder, lächelte ihm aus einem abgestorbenen Wald entgegen.
Das Hotelzimmer war dunkel und kalt. Bis zum Sonnenaufgang waren es noch einige Stunden. Er lag da und dachte über den Traum nach, über seinen Vater und den Verlust des Bruders. Wie der grausame Verlust eine Lücke in sein Leben gerissen hatte. Diese Lücke schien immer größer zu werden, er stand am Rand und schaute hinunter in den Abgrund, der nur darauf wartete, ihn zu verschlingen.
Er schüttelte diese morgendliche Unruhe von sich ab und überlegte, was heute alles anlag. Was hatte Henry Wapshott zu verbergen? Weswegen hatte er ihm diese Lügen aufgetischt und die Flucht ergriffen, betrunken und ohne Gepäck? Sein Verhalten war Erlendur ein Rätsel. Und dann kehrten seine Gedanken zu dem Jungen im Krankenbett und seinem Vater zurück; Elinborgs Fall, über den sie ihm ausführlich berichtet hatte.
Elinborg hatte den Verdacht, dass der Junge schon früher einmal misshandelt worden war, und es gab starke Indizien dafür, dass es bei ihm zu Hause geschehen war. Der Vater stand unter Verdacht. Sie hatte sofortige Untersuchungshaft für ihn beantragt. Trotz heftigen Protestes seitens des Vaters und seines Rechtsanwalts waren acht Tage Untersuchungshaft verhängt worden. Als der Haftbefehl vorlag, holte Elinborg ihn im Gefolge von vier uniformierten Polizisten ab und brachte ihn ins Untersuchungsgefängnis an der Hverfisgata. Sie selber begleitete ihn zur Zelle und verschloss höchstpersönlich die Zellentür. Sie öffnete die Klappe an der Tür und schaute zu dem Mann herein, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte und ihr den Rücken zukehrte, unglücklich und irgendwie hilflos, wie alle, die aus der menschlichen Gesellschaft herausgeholt und wie Tiere in einen Käfig gesperrt werden.