Выбрать главу

Er drehte sich langsam um und schaute ihr durch die Stahltür in die Augen, sie ließ die Klappe herunterfallen.

Am nächsten Morgen begannen sie sehr zeitig mit dem Verhör. Erlendur war ebenfalls anwesend, aber Elinborg hatte die Gesprächsführung. Sie saßen ihm zu zweit im Verhörraum gegenüber. Auf dem Tisch zwischen ihnen war ein Aschenbecher fest in die Tischplatte geschraubt.

Der Mann war unrasiert, und sein Anzug hatte Falten bekommen. Zu dem weißen zerknautschten Hemd trug er eine tadellos geknotete Krawatte, in der sich das zu konzentrieren schien, was von seiner Selbstachtung übrig geblieben war.

Elinborg schaltete das Tonbandgerät ein und nahm das Gespräch auf. Sie sprach die Namen der Anwesenden auf Band und die Nummer, die der Fall erhalten hatte. Sie war gut vorbereitet. Sie hatte einen Termin mit der Klassenlehrerin des Jungen gehabt, die Dyslexie, Konzentrationsschwäche und geringe Lernerfolge erwähnte, und sie hatte eine Psychologin befragt, mit der sie befreundet war, die ihr einiges über Enttäuschung, Belastung und Selbstverleugnung erzählte; sie hatte mit den Freunden des Jungen gesprochen, mit Nachbarn, Verwandten und allen möglichen Leuten, von denen sie Auskünfte über den Jungen und seinen Vater erhalten hatte.

Der Mann blieb unbeirrbar. Er behauptete, dass sie ein Kesseltreiben gegen ihn inszenierten, und gab zu Protokoll, dass er sie gerichtlich belangen werde. Er weigerte sich, ihre Fragen zu beantworten. Elinborg blickte Erlendur an. Ein Wärter erschien und führte den Mann in seine Zelle zurück.

Zwei Tage später wurde er wieder zu einem Verhör geholt.

Sein Rechtsanwalt hatte ihm bequemere Sachen gebracht, er trug jetzt Jeans und ein T-Shirt mit einem modischen Label auf der Brust, das er so präsentierte, als hätte er für diesen absurd teuren Kauf eine Medaille bekommen. Sein Auftreten hatte sich deutlich verändert. Drei Tage Untersuchungshaft hatten sein Imponiergehabe um einiges verringert — ein bekanntes Phänomen bei Gefängnisinsassen.

Er sah, dass es von ihm selber abhing, ob und wie lange er hinter schwedischen Gardinen sitzen würde.

Elinborg hatte veranlasst, dass er barfuß zur Vernehmung erschien. Schuhe und Socken wurden ihm ohne Kommentar weggenommen. Als er vor ihnen Platz nahm, versuchte er, die Füße unter dem Stuhl zu verstecken.

Wie zuvor saßen Elinborg und Erlendur ihm unbeirrt gegenüber. Das Band summte leise.

»Ich habe mit der Lehrerin gesprochen, die deinen Sohn unterrichtet«, sagte Elinborg. »Selbst wenn das, was zwischen euch vorgefallen und gesagt worden ist, strengstens vertraulich ist und sie das auch besonders betont hat, wollte sie dem Jungen helfen, es handelt sich ja schließlich um eine Strafsache. Sie hat mir gesagt, dass du einmal in ihrer Anwesenheit über den Jungen hergefallen bist.«

»Über ihn hergefallen! Ich habe ihm eins hinter die Löffel gegeben. Das nennt man wohl kaum ›über einen herfallen‹. Er war ganz einfach bockig. Er ist so zapplig. Er ist ein schwieriger Junge. Ihr kennt das nicht. Es ist nicht einfach mit ihm.«

»Und dann ist es richtig, ihn zu schlagen?«

»Mein Junge und ich sind gute Freunde«, sagte der Vater.

»Ich liebe meinen Sohn. Ich trage ganz allein die Verantwortung für ihn. Seine Mutter …«

»Ich weiß«, sagte Elinborg. »Keine Frage, es kann sehr schwierig sein, ein Kind allein zu erziehen. Aber das, was du ihm angetan hast — und antust … das kann man gar nicht in Worte fassen.«

Der Vater schwieg sich aus.

»Ich habe nichts getan«, erklärte er schließlich.

Elinborg trug kantige Schuhe mit harten Sohlen. Sie streckte die Beine unter dem Tisch aus und stieß an die Füße des Mannes, der vor Schmerz aufschrie.

»Entschuldigung«, sagte Elinborg.

Er schaute sie mit schmerzverzerrtem Gesicht an, er war sich offenbar nicht sicher, ob sie ihn möglicherweise absichtlich getreten hatte.

»Die Lehrerin sagte mir, dass du unrealistische Anforderungen an den Jungen stellst«, sagte sie, so als sei nichts vorgefallen. »Stimmt das?«

»Was heißt hier unrealistisch? Ich will, dass er eine gute Ausbildung bekommt, damit etwas aus ihm wird.«

»Verständlich«, sagte Elinborg. »Aber er ist acht Jahre alt, leidet an Dyslexie und ist nur eine Stufe davon entfernt, als hyperaktiv diagnostiziert zu werden. Du selbst hast auch nicht das Abitur geschafft.«

»Ich besitze und leite ein Unternehmen.«

»Das vor dem Bankrott steht. Du bist im Begriff, deine Villa zu verlieren, den Jeep und all die Güter, die dir eine so genannte Position im Leben gegeben haben. Man schaut zu dir auf. Bei Klassentreffen stehst du ganz bestimmt im Mittelpunkt. Golfreisen ins Ausland mit Freunden. Das alles bist du im Begriff zu verlieren. Sehr unerfreulich, vor allem, wenn man bedenkt, dass sich deine Frau in der Psychiatrie befindet und dein Sohn Lernschwierigkeiten hat.

All das hat sich in dir angestaut, und du platzt dann plötzlich, als dein Junge, der bestimmt sein ganzes Leben lang Milch verschüttet und Teller kaputtgeschmissen hat, eine Drambuie-Flasche auf den Marmorboden im Wohnzimmer fallen lässt.«

Der Vater schaute sie an und zeigte keinerlei Reaktion.

»Meine Frau hat damit überhaupt nichts zu tun«, sagte er.

Elinborg hatte sie in der Anstalt besucht. Sie war schizophren und musste manchmal stationär behandelt werden, wenn sie Halluzinationen hatte und die Stimmen nicht mehr ertragen konnte. Als Elinborg mit ihr sprach, war sie so voll gepumpt mit Medikamenten, dass man kaum mit ihr sprechen konnte. Sie saß nur da, wiegte teilnahmslos den Oberkörper vor und zurück und bat Elinborg um eine Zigarette. Sie hatte keine Vorstellung, weshalb Elinborg gekommen war.

»Ich versuche, ihn so gut wie möglich zu erziehen«, sagte der Vater.

»Indem du ihm Nadeln in den Handrücken bohrst?«

»Halt die Klappe.«

Elinborg hatte mit der Schwester des Mannes gesprochen, die erklärt hatte, dass sie die Erziehungsmethoden etwas rigoros fand. Sie hatte ein Beispiel genannt, das während eines Besuchs passiert war. Damals war der Junge vier Jahre alt gewesen und hatte geklagt, dass er sich nicht wohl fühlte, hatte ein bisschen geweint, und sie war der Meinung gewesen, dass er möglicherweise eine Grippe bekam. Ihr Bruder hatte die Beherrschung verloren, als der Junge eine Weile herumgequengelt hatte, er nahm ihn hoch und hielt ihn in die Luft.

»Fehlt dir was?«, fragte er barsch.

»Nein«, sagte der Junge leise und zögernd. Er schien sich nicht mehr zu trauen, etwas zu sagen.

»Dann hast du auch nicht zu weinen.«

»Nein«, sagte der Junge.

»Wenn dir nichts fehlt, hörst du gefälligst auf zu weinen.«

»Ja.«

»Also fehlt dir etwas?«

»Nein.«

»Alles in Ordnung also?«

»Ja.«

»Gut. Man heult doch nicht einfach so rum.«

Elínborg schilderte diese Geschichte, aber er zeigte keinerlei Reaktion.

»Meine Schwester und ich haben kein sonderlich gutes Verhältnis zueinander«, sagte er. »Ich kann mich nicht daran erinnern.«

»Hast du deinen Sohn körperlich so gezüchtigt, dass er infolgedessen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste?«

Der Vater schaute sie an.

Elinborg wiederholte die Frage.

»Nein«, sagte er. »Das habe ich nicht gemacht. Glaubst du, dass irgendein Vater sich so verhalten könnte? Er wurde in der Schule attackiert.«

Nachdem der Junge aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte das Jugendamt ihn bei einer Familie in Pflege gegeben, und nach dem Verhör fuhr Elinborg zu ihm. Sie setzte sich zu ihm und fragte, wie es ihm ginge. Er hatte seit ihrer ersten Begegnung noch kein einziges Wort zu ihr gesagt, aber jetzt schaute er sie so an, als wollte er etwas sagen.

Er hustete verhalten.

»Ich vermisse Papa«, sagte er unter Schluchzen.

Erlendur saß am Frühstückstisch, als Sigurður Óli mit Wapshott im Schlepptau auftauchte. Hinter ihnen nahmen zwei Kriminalbeamte an einem Tisch Platz. Der englische Plattensammler sah etwas ungepflegter aus als beim letzten Mal, die Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und seine Leidensmiene zeugte von unverdienter Erniedrigung und dem verlorenen Kampf gegen Kater und Knast.