»Was ist eigentlich hier los?«, fragte Erlendur und stand auf. »Warum bringst du ihn hierher? Und warum läuft er frei herum?«
»Frei herum?«
»Warum trägt er keine Handschellen?«
»Findest du das notwendig?«
Erlendur blickte auf Wapshott.
»Ich hatte keine Lust, auf dich zu warten«, sagte Sigurður Óli. »Wir können ihn höchstens bis zum Abend festhalten, also musst du so schnell wie möglich eine Entscheidung treffen, ob wir Anklage gegen ihn erheben. Außerdem wollte er unbedingt mit dir reden. Hat sich geweigert, mit mir zu sprechen — will nur mit dir reden. Als wärt ihr dick befreundet. Er hat nicht verlangt, aus der Haft entlassen zu werden, er hat weder einen Rechtsbeistand verlangt noch Unterstützung seitens seiner Botschaft. Wir haben ihm gesagt, dass er Verbindung zu seiner Botschaft aufnehmen kann, aber er hat nur den Kopf geschüttelt.«
»Hast du irgendwas über ihn in England ausfindig machen können?«, fragte Erlendur und schaute zu Wapshott hinüber, der hinter Sigurður Óli stand und den Kopf hängen ließ.
»Damit befasse ich mich, wenn du ihn übernommen hast«, sagte Sigurður Óli, der bislang offenbar noch nichts in der Richtung unternommen hatte. »Ich gebe dir Bescheid, wenn etwas über ihn vorliegt.«
Sigurður Óli verabschiedete sich von Wapshott und blieb kurz bei den zwei Kriminalbeamten stehen, bevor er verschwand. Erlendur forderte den Engländer auf, sich zu setzen. Wapshott nahm Platz und ließ den Kopf hängen.
»Ich habe ihn nicht umgebracht«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich hätte ihn nie umbringen können. Ich habe noch nie irgendwas umbringen können, nicht mal eine Fliege. Geschweige denn diesen wunderbaren Chorknaben.«
Erlendur blickte ihn an.
»Sie sprechen von Guðlaugur?«
»Ja«, sagte Wapshott. »Selbstverständlich.«
»Er hatte ja nun wirklich kaum noch etwas mit einem Chorknaben zu tun«, sagte Erlendur. »Guðlaugur ging auf die fünfzig zu und spielte auf Weihnachtsfeiern den Weihnachtsmann.«
»Sie verstehen das nicht«, sagte Wapshott.
»Nein«, sagte Erlendur. »Vielleicht können Sie es mir ja erklären.«
»Ich war gar nicht im Hotel, als er überfallen wurde«, sagte Wapshott.
»Und wo waren Sie?«
»Ich war auf der Suche nach Platten.« Wapshott blickte hoch, und sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
»Ich habe mir das angeschaut, was ihr wegwerft. Auf dem Gebrauchtwarenmarkt. Ich habe mir angeschaut, was da aus diesen Containern bei der Recycling-Firma kommt. Mir war gesagt worden, dass dort wieder ein Nachlass eingetroffen war, darunter auch Schallplatten, die weggeworfen werden sollten.«
»Von wem?«
»Von wem?«
»Von wem haben Sie von diesem Nachlass erfahren?«
»Von den Angestellten. Ich bezahle ihnen eine Kleinigkeit dafür, wenn sie mir einen Tipp geben. Sie haben meine Visitenkarte. Das hatte ich Ihnen doch gesagt. Man geht in die einschlägigen Läden, trifft andere Sammler und durchforstet dann den Markt. Im Kolaport, heißt das nicht so? Ich mache das, was alle Sammler tun, ich versuche etwas zu finden, was sich zu besitzen lohnt.«
»Waren Sie mit irgendjemandem zusammen in der Zeit, als Guðlaugur überfallen wurde? Jemand, mit dem wir sprechen können?«
»Nein«, sagte Wapshott.
»Aber die werden sich an diesen Stellen wohl an Sie erinnern.«
»Bestimmt.«
»Und haben Sie etwas Lohnenswertes gefunden? Chorknaben?«
»Nichts. Auf dieser Reise habe ich nichts gefunden.«
»Warum sind Sie geflüchtet?«, fragte Erlendur.
»Ich wollte nach Hause.«
»Und haben Ihr ganzes Gepäck zurückgelassen?«
»Ja.«
»Außer einigen Platten mit Guðlaugur.«
»Ja.«
»Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie früher schon mal in Island waren?«
»Ich weiß es nicht. Ich wollte kein unnötiges Aufsehen erregen. Mit dem Mord habe ich nichts zu tun.«
»Es ist ziemlich einfach, das Gegenteil zu beweisen. Als Sie mir diese Lügen auftischten, müssen Sie doch gewusst haben, dass ich früher oder später herausfinden würde, dass Sie schon öfter hier im Hotel gewesen sind.«
»Mit dem Mord habe ich nichts zu tun.«
»Aber jetzt haben Sie mich überzeugt, dass Sie etwas damit zu tun haben. Mehr Aufmerksamkeit hätten Sie gar nicht auf sich lenken können.«
»Ich habe ihn nicht umgebracht.«
»Wie war Ihre Beziehung zu Guðlaugur?«
»Das habe ich Ihnen erzählt, und das war die Wahrheit. Ich bekam Interesse an seiner Stimme und an den Platten mit ihm, und als ich erfuhr, dass er noch am Leben war, habe ich mich mit ihm in Verbindung gesetzt.«
»Warum haben Sie gelogen? Sie sind bereits früher nach Island gekommen, Sie haben mehrmals in diesem Hotel übernachtet, und Sie haben ganz bestimmt Guðlaugur schon die ganze Zeit gekannt.«
Wapshott überlegte einen Augenblick.
»Das hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Der Mord, meine ich. Als ich davon erfuhr, befürchtete ich, dass ihr herausfinden würdet, dass ich ihn kannte. Meine Angst steigerte sich von Minute zu Minute, und ich musste mich enorm zusammenreißen, um nicht auf der Stelle zu fliehen und auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich musste ein paar Tage verstreichen lassen, aber dann hielt ich es nicht länger aus und machte, dass ich wegkam. Meine Nerven hielten das nicht aus. Aber ich habe ihn nicht umgebracht.«
»Wie gut haben Sie die Lebensgeschichte von Guðlaugur gekannt?«
»Nicht genau.«
»Geht es bei dieser Plattensammlerei nicht darum, sich Informationen über die zu verschaffen, die man sammelt? Haben Sie das nicht gemacht?«
»Ich weiß nicht viel«, erklärte Wapshott. »Ich weiß bloß, dass er seine Stimme bei einem Konzert verloren hat, es sind nur zwei Platten mit ihm herausgekommen, er hat sich mit seinem Vater überworfen …«
»Einen Augenblick. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?«
»Was meinen Sie?«
»Den Hotelgästen wurde nichts von einem Mord gesagt, sondern nur von einem Unfall oder einer Herzattacke. Wie haben Sie herausgefunden, dass er ermordet worden war?«
»Wie ich das herausgefunden habe? Sie haben es mir erzählt.«
»Ja, ich habe es Ihnen gesagt, und Sie waren unerhört verwundert, daran kann ich mich erinnern, aber jetzt behaupten Sie. dass Sie. als Sie von dem Mord erfuhren, Angst bekamen, dass wir da eine Verbindung zu Ihnen sehen würden. Das war also, bevor Sie und ich miteinander gesprochen haben. Bevor wir Sie damit in Verbindung brachten.«
Wapshott starrte ihn an. Erlendur wusste genau, dass er nun Zeit zu gewinnen versuchte, ließ ihn aber gewähren.
Von ihm aus sollte Wapshott so viel Zeit gewinnen, wie er mochte. Das änderte nichts an der Situation. Die beiden Polizisten warteten ruhig in angemessener Entfernung ab. Erlendur war spät zum Frühstück erschienen, und im Speisesaal befanden sich nur wenige Menschen. Er sah auf einmal die große Küchenchefmütze auftauchen, deren Besitzer wegen der Speichelprobe explodiert war. Erlendur dachte an die Laborantin. Valgerður. Was machte sie? Piekste sie im Krankenhaus Kinder mit Nadeln, die mit dem Weinen kämpften oder sie zu treten versuchten?
»Gibt es vielleicht noch etwas anderes als das Interesse an Schallplatten, was euch verbunden hat?«
»Ich wollte da nicht hineingezogen werden«, sagte Wapshott.
»Was haben Sie zu verbergen? Warum wollen Sie nicht Verbindung zur britischen Botschaft aufnehmen? Warum wollen Sie keinen Rechtsbeistand?«