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»Ich habe die Leute hier unten darüber reden gehört. Die Hotelgäste. Sie haben darüber gesprochen, dass er ermordet worden ist. Irgendwelche Amerikaner. So habe ich davon erfahren. Und ich war äußerst besorgt, dass ihr diese Verbindungslinien ziehen würdet und ich genau in diese Lage geraten würde, in der ich mich jetzt befinde.

Deswegen bin ich geflohen. Komplizierter ist es nicht.«

Erlendur erinnerte sich an das amerikanische Paar Henry Bartlett und seine Frau, die Sigurður Óli angelächelt und »Cindy« gesagt hatte.

»Was für einen Wert haben die Platten mit Guðlaugur?«

»Was meinen Sie?«

»Sie müssen einen ganz schönen Wert haben, wenn Sie deswegen mitten im Winter nach Island reisen, um an sie heranzukommen. Wie viel sind die Platten wert? Eine Platte. Was kostet sie?«

»Wenn man verkaufen will, geschieht das mittels einer Auktion im Internet, und bei so etwas ist es unmöglich zu sagen, was am Ende dabei herauskommt.«

»Aber was würden Sie schätzungsweise dafür bekommen?«

Wapshott überlegte.

»Da kann ich nichts zu sagen.«

»Haben Sie Guðlaugur getroffen, bevor er starb?«

Henry Wapshott zögerte.

»Ja«, sagte er schließlich.

»Der Zettel, den wir gefunden haben, 18.30, waren Sie zu diesem Termin mit ihm verabredet?«

»Das war am Tag, bevor er tot aufgefunden wurde. Wir haben in seinem Zimmer ein kurzes Zusammentreffen gehabt.«

»Worum ging es?«

»Um seine Platten.«

»Was war mit seinen Platten?«

»Ich wollte wissen, und zwar schon seit langem, ob er noch mehr davon besitzt. Oder ob diese wenigen Platten, die ich und ein paar andere Sammler besitzen, die einzigen Exemplare auf der Welt sind. Aus irgendwelchen Gründen hat er darauf nicht antworten wollen. Ich habe schon in dem Brief, den ich ihm vor einigen Jahren schickte, danach gefragt, und es war eine der ersten Fragen, die ich ihm stellte, als ich ihn vor drei Jahren zum ersten Mal getroffen habe.«

»Und was dann, hatte er noch mehr Platten für Sie?«

»Er wollte sich nicht dazu äußern.«

»Wusste er, was seine Platten wert waren?«

»Ich habe ihm eine ziemlich klare Vorstellung davon gegeben.«

»Und was sind denn diese Platten wirklich wert?«

Wapshott antwortete nicht sofort.

»Als ich ihn jetzt vor, ich weiß nicht mehr genau, vor zwei oder drei Tagen getroffen habe, lenkte er ein«, fuhr er fort.

»Er wollte über seine Platten reden. Ich …«

Wapshott zögerte wieder. Er blickte sich um und sah die zwei Polizisten, die ihn bewachten.

»Ich habe ihm eine halbe Million gegeben.«

»Eine halbe Million?«

»Kronen. Als Anzahlung oder …«

»Sie haben mir gesagt, von großen Summen könne keine Rede sein.«

Wapshott zuckte mit den Achseln, und Erlendur kam es so vor, als lächelte er.

»Das war dann also eine Lüge«, sagte Erlendur.

»Ja.«

»Anzahlung auf was?«

»Die Platten, die er noch besaß. Falls er denn welche besessen hat.«

»Und Sie haben ihm das Geld bei Ihrem letzten Treffen ausgehändigt, obwohl Sie nicht wussten, ob er welche besäße?«

»Ja.«

»Und was dann?«

»Dann wurde er umgebracht.«

»Wir haben kein Geld bei ihm gefunden.«

»Darüber weiß ich nichts. Ich habe ihm am Tag, bevor er starb, in seinem Zimmer eine halbe Million gegeben.«

Erlendur fiel ein, dass er Sigurður Óli damit beauftragt hatte, festzustellen, was für Bankguthaben Guðlaugur besaß. Er musste beim nächsten Mal daran denken, ihn danach zu fragen.

»Haben Sie die Platten bei ihm gesehen?«

»Nein.«

»Warum soll ich das hier jetzt glauben? Sie haben mir bislang eine Lüge nach der anderen aufgetischt. Warum sollte ich jetzt irgendetwas von dem glauben, was Sie sagen?«

Wapshott zuckte die Achseln.

»Also hat er eine halbe Million bei sich gehabt, als er überfallen wurde?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich ihm das Geld gegeben habe, und dann wurde er umgebracht.«

»Warum haben Sie mir nicht sofort von diesem Geld erzählt?«

»Ich wollte in Ruhe gelassen werden«, sagte Wapshott. »Ich wollte nicht, dass Sie glauben, ich hätte ihn um des Geldes willen umgebracht.«

»Haben Sie das gemacht?«

»Nein.«

Sie schwiegen.

»Werde ich angeklagt?«, fragte Wapshott.

»Ich bin überzeugt, dass Sie immer noch etwas geheim halten«, sagte Erlendur. »Ich werde Sie auf jeden Fall bis zum Abend festhalten. Dann sehen wir weiter.«

»Ich hätte niemals diesen Chorknaben umbringen können. Ich habe ihn verehrt und tue es immer noch. Ich habe noch nie einen Jungen mit einer so wunderschönen Stimme gehört.«

Erlendur schaute Henry Wapshott an.

»Komisch, wie allein Sie dastehen.«

»Was meinen Sie damit?«

»Sie sind irgendwie so allein auf der Welt.«

»Ich habe ihn nicht umgebracht«, sagte Wapshott. »Ich habe ihn nicht umgebracht.«

Achtzehn

Als Wapshott das Hotel im Gefolge der beiden Polizisten verlassen hatte, wurde Erlendur gesagt, dass Ösp im dritten Stock arbeitete. Er nahm den Aufzug nach oben. Auf der dritten Etage angekommen, sah er, wie sie aus einem Zimmer kam und ein Gestell mit schmutziger Wäsche vor sich herschob. Sie war ganz in ihre Arbeit vertieft. Sie nahm ihn erst wahr, als er zu ihr hinging und sie anredete.

Sie erkannte ihn sofort.

»Du schon wieder?«, sagte sie desinteressiert.

Sie wirkte fast noch müder und bedrückter als seinerzeit in der Kantine. Erlendur dachte bei sich, dass auch in ihrem Leben Weihnachten offensichtlich keine Zeit des Frohsinns zu sein schien. Bevor er sich versah, hatte er sie danach gefragt.

»Geht dir Weihnachten auf die Nerven?«

Sie antwortete ihm nicht, sondern schob das Putzgestell zur nächsten Tür, klopfte dort an und wartete eine Weile, bevor sie den Schlüssel nahm und aufschloss. Bevor sie hineinging, rief sie etwas ins Zimmer, falls jemand ihr Klopfen überhört haben sollte, und begann dann mit dem Aufräumen. Sie machte das Bett, sammelte die Handtücher im Badezimmer vom Boden auf und besprühte den Spiegel mit Glasreiniger. Erlendur folgte ihr ins Zimmer und beobachtete sie bei der Arbeit. Erst nach einer ganzen Weile schien ihr bewusst zu werden, dass er immer noch da war.

»Du darfst nicht mit ins Zimmer kommen«, sagte sie. »Das ist privat.«

»Zimmer 212 eine Etage tiefer gehört zu deinem Arbeitsbereich«, sagte Erlendur. »Das gehört einem spleenigen Engländer, Henry Wapshott. Hast du etwas Ungewöhnliches in seinem Zimmer bemerkt?«

Sie schaute ihn an, als verstünde sie nicht so richtig, was er meinte.

»Wie beispielsweise ein blutiges Messer?«, fragte er und versuchte zu lächeln.

»Nein«, sagte Ösp. »Nichts.« Sie überlegte. »Was für ein Messer? Hat er den Weihnachtsmann umgebracht?«

»Ich kann mich nicht erinnern, wie du das neulich ausgedrückt hast, als wir miteinander geredet haben, aber du hast irgendwie gesagt, dass einige der Gäste versuchen, euch zu betatschen. Ich hatte den Eindruck, dass du über sexuelle Belästigungen geredet hast. War er einer von denen?«

»Nein. Ich habe ihn nur einmal gesehen.«

»Und war da nichts …«

»Er ist total ausgerastet«, sagte sie. »Als ich ins Zimmer kam.«

»Ausgerastet?«

»Ich habe ihn gestört, und er hat mich rausgeschmissen. Ich hab mich dann unten erkundigt, was hier eigentlich abging, und es stellte sich heraus, dass er bei der Rezeption speziell darum gebeten hatte, dass in seinem Zimmer unter gar keinen Umständen sauber gemacht werden sollte. Mir hat aber niemand was gesagt. Es redet sowieso nie einer von diesem bescheuerten Pack hier mit einem. Deswegen bin ich zu ihm hinein, und als er mich sah, rastete er komplett aus, ging auf mich los, der Idiot, schrie mich an. Als hätte ich hier im Hotel irgendwas zu sagen. Er hätte lieber den Hotelmanager anscheißen sollen.«