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»Er ist ziemlich merkwürdig.«

»Ein richtiges Arschloch.«

»Ich meine diesen Wapshott.«

»Ja, beide.«

»Dir ist also nichts Ungewöhnliches bei ihm aufgefallen?«

»In dem Zimmer herrschte Chaos, aber das ist nichts Ungewöhnliches.«

Ösp legte eine Pause ein, blieb einen Augenblick vor Erlendur stehen und schaute ihn an.

»Hast du irgendwas herausgefunden? In Bezug auf den Weihnachtsmann, meine ich?«

»Wenig«, sagte Erlendur. »Warum?«

»Das ist ein komisches Hotel«, erklärte Ösp, senkte die Stimme und spähte auf den Flur hinaus.

»Komisch?« Erlendur hatte das Gefühl, als hätte sie ein wenig von ihrer Selbstsicherheit verloren. »Hast du Angst vor etwas? Etwas hier im Hotel?«

Ösp antwortete ihm nicht.

»Hast du Angst, den Job zu verlieren?«

Sie blickte Erlendur an.

»Ha, genau, das hier ist echt so ein Job, den man auf gar keinen Fall verlieren möchte.«

»Was meinst du denn sonst?«

Ösp zögerte, schien aber auf einmal eine Entscheidung getroffen zu haben. Als wäre das, was sie zu sagen hatte, eigentlich nicht wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

»Die lassen eine Menge mitgehen in der Küche«, sagte sie.

»Und zwar so richtig. Ich glaube, die haben schon seit Jahren nicht mehr was für sich privat eingekauft.«

»Klauen?«

»Alles, was nicht niet- und nagelfest ist.«

»Wer sind die?«

»Erzähl keinem, dass du das von mir hast. Der Chefkoch. Der auf jeden Fall.«

»Wieso weißt du das?«

»Gulli hat’s mir gesagt. Der wusste genau Bescheid, was hier im Hotel ablief.«

Erlendur erinnerte sich daran, wie er die Rinderzunge unerlaubterweise vom Büfett stibitzt und der Chefkoch ihn dabei beobachtet und zusammengestaucht hatte.

»Wann hat er dir davon erzählt?«

»Irgendwann vor zwei Monaten oder so.«

»Und was dann? War er deswegen besorgt? Wollte er das melden? Warum hat er dir das erzählt? Ich dachte, du hättest ihn überhaupt nicht gekannt?«

»Ich habe ihn nicht gekannt.« Ösp schwieg eine Weile. »Die wollten mich da in der Küche provozieren und sind mir auf die ordinäre Tour gekommen. ›Wie schaut’s denn da drinnen bei dir aus?‹, und so was. Echt das Ätzendste, was sich solche Schwachköpfe einfallen lassen können. Gulli hat das mitgekriegt und mit mir geredet. Er hat mir gesagt, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, das wären alles Diebe, und er könnte die ganze Sache jederzeit auffliegen lassen, wenn er wollte.«

»Hat er gedroht, dass er sie hochgehen lassen würde?«

»Er hat nicht gedroht«, sagte Ösp. »Er hat das bloß so gesagt, um mir irgendwie den Rücken zu stärken.«

»Was klauen die denn?«, fragte Erlendur. »Hat er das gesagt?«

»Er hat gesagt, der Hotelmanager wüsste davon, würde aber nichts unternehmen, weil er selber auch klaut. Er kauft geschmuggelten Alkohol für die Bar. Das hat Gulli auch gesagt. Auch der Oberkellner steckt da mit drin.«

»Hat Guðlaugur das wirklich gesagt?«

»Und den Differenzbetrag stecken sie in die eigene Tasche.«

»Warum hast du mir nichts davon erzählt, als ich das erste Mal mit dir gesprochen habe?«

»Meinst du, dass es wichtig ist?«

»Könnte schon sein.«

Ösp zuckte mit den Achseln.

»Woher soll ich das wissen? Ich war irgendwie so komplett daneben, nachdem ich ihn gefunden hatte. Guðlaugur, meine ich. Mit dem Kondom, und mit den Messerstichen.«

»Hast du da unten bei ihm Geld gesehen?«

»Geld?«

»Ihm war kurz zuvor eine ganz anständige Summe überreicht worden, aber ich weiß nicht, ob das Geld noch bei ihm war, als er angegriffen wurde.«

»Ich habe keine einzige Krone gesehen.«

»Nein«, sagte Erlendur. »Du hast nicht zufällig das Geld genommen, als du ihn gefunden hast?«

Ösp unterbrach ihre Arbeit und stemmte die Hände in die Hüften.

»Willst du damit sagen, dass ich das Geld geklaut haben soll?«

»So was soll schon mal vorgekommen sein.«

»Glaubst du echt, dass …«

»Hast du es genommen?«

»Nein.«

»Du hättest die Möglichkeit gehabt.«

»Oder der, der ihn umgebracht hat.«

»Das ist richtig«, sagte Erlendur.

»Ich habe nicht eine müde Krone gesehen.«

»Na schön, ist schon in Ordnung.«

Ösp fuhr fort zu putzen. Spritzte Klosettreiniger in die Schüssel und hantierte mit der Klobürste herum, als wäre Erlendur überhaupt nicht anwesend. Er beobachtete sie noch eine Weile bei der Arbeit und bedankte sich dann bei ihr.

»Was hast du damit gemeint, als du gesagt hast, du hättest ihn gestört?«, fragte er und hielt in der Tür inne. »Henry Wapshott. Du bist ja wohl kaum bis ins Zimmer gekommen, wenn du dich so angemeldet hast wie eben.«

»Er hat mich nicht gehört.«

»Was hat er gemacht?«

»Ich weiß nicht, ob ich das …«

»Es bleibt unter uns.«

»Er hat ferngesehen«, sagte Ösp.

»Das wäre ihm wohl peinlich gewesen, wenn sich das herumgesprochen hätte«, flüsterte Erlendur im Verschwörerton.

»Also ich meine, das war ein Video. Ein Pornofilm, echt widerlich.«

»Zeigt ihr hier im Hotel Pornofilme?«

»Nicht solche Filme, die sind überall verboten.«

»Solche Filme?«

»Das war ein Porno mit Kindern. Ich habe es dem Hotelmanager erzählt.«

»Ein Kinderporno? Was?«

»Wie? Soll ich dir das etwa beschreiben?«

»An welchem Tag war das?«

»Total pervers!«

»Wann war das?«

»An dem Tag, als ich Gulli gefunden habe.«

»Was hat der Hotelmanager unternommen?«

»Gar nichts«, sagte Ösp. »Er hat gesagt, ich solle ja die Schnauze halten.«

»Weißt du, wer Guðlaugur war?«

»Was meinst du eigentlich? Er war Portier. War er sonst noch was?«

»Ja, als Kind. Er war Chorknabe und hatte eine wunderschöne Stimme. Ich habe eine Schallplatte von ihm gehört.«

»Chorknabe?«

»Eigentlich war er ein Kinderstar. Aber dann ging in seinem Leben so ziemlich alles schief. Er kam in die Pubertät, und da war alles mit einem Mal vorbei.«

»Das wusste ich nicht.«

»Nein, Guðlaugur war völlig in Vergessenheit geraten«, sagte Erlendur.

Sie schwiegen eine Weile. Geraume Zeit verstrich.

»Geht dir Weihnachten auf die Nerven?«, fragte Erlendur noch einmal. Es war, als hätte er einen Leidensgenossen gefunden.

Sie wandte sich ihm zu.

»Weihnachten ist nur was für glückliche Menschen.«

Erlendur schaute Ösp an, und ein kleines schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Du würdest dich gut mit meiner Tochter verstehen«, sagte er und fischte nach seinem Handy.

Sigurður Óli fiel aus allen Wolken, als Erlendur ihn darüber informierte, dass Guðlaugur wahrscheinlich in seinem Kabuff eine ordentliche Summe Geld liegen gehabt hatte. Sie überlegten, ob man Wapshotts Aussage, dass er zur Tatzeit angeblich in den Sammlerläden gewesen war, überprüfen müsste. Sigurður Óli stand gerade vor Wapshotts Zelle, als Erlendur anrief, und er schilderte anschaulich, wie dem Engländer die Speichelprobe entnommen wurde.

Die Zelle, in der er sich befand, hatte schon eine ganze Reihe von Straftätern beherbergt, angefangen bei harmlosen Pennern bis hin zu Gewalttätern und Mördern, die die Wände bemalt oder Kommentare über ihre erbärmliche Unterkunft in den Putz geritzt hatten. In der Zelle befanden sich eine Toilettenschüssel und eine Liege, die fest angeschraubt war. Auf der Liege lagen eine dünne Matratze und ein hartes Kopfkissen. Die Zelle war fensterlos, aber oben an der Decke war eine gleißende Neonröhre angebracht, die nie ausgeschaltet wurde, sodass die Gefangenen keine Orientierung hatten, ob es Tag oder Nacht war.