Henry Wapshott stand stocksteif vor der Wand, die sich gegenüber der schweren Stahltüre befand. Zwei Wärter hielten ihn fest. Elinborg und Sigurður Óli waren ebenfalls in der Zelle, mit der gerichtlichen Anordnung für die Speichelprobe in der Hand. Valgerður war mit ihren Baumwollstäbchen gekommen, um ihm die Probe zu entnehmen.
Wapshott starrte sie an, als sei der Leibhaftige höchstpersönlich erschienen, um ihn in die finstersten Abgründe der Höllenqualen zu stürzen. Die Augen drohten ihm aus dem Kopf zu springen, und er drehte und wendete sich in alle Richtungen, um Valgerður zu entgehen. Egal, was für Tricks sie anwandten, er war nicht dazu zu bewegen, seinen Mund zu öffnen.
Zum Schluss wurde er gepackt und zu Fall gebracht. Sie hielten ihm die Nase zu, bis er kapitulierte und den Mund zum Atmen öffnete. Valgerður sah ihre Chance gekommen und steckte ihm das Baumwollstäbchen in den Rachen, bis er anfing zu würgen, dann zog sie es blitzschnell zurück.
Neunzehn
Als Erlendur auf seinem Weg in die Küche wieder die Lobby passierte, sah er Marian Briem an der Rezeption stehen, in abgewetztem Mantel, Hut auf dem Kopf, die Finger trommelten auf das Holz. Sie begrüßten sich kurz und gingen in den Speisesaal, wo sie Platz nahmen. Erlendur stellte fest, dass die Jahre an seinem ehemaligen Boss nicht spurlos vorübergegangen waren, aber die Augen waren immer noch genauso wach und fragend wie früher. Und wie immer wurde nicht um die Sache herumgeredet.
»Du siehst furchtbar aus«, sagte Marian und setzte sich. »Mit was quälst du dich eigentlich herum?« Ein Zigarillo wurde zusammen mit einer Streichholzschachtel aus dem Mantel gekramt.
»Hier ist es wohl verboten zu rauchen«, sagte Erlendur.
»Rauchen ist nirgendwo mehr gestattet«, sagte Marian und zündete mit gequälter Miene den Zigarillo an. Die Haut war grau und schlapp und faltig. Farblose Lippen spitzten sich um den Zigarillo. Knochige Finger mit blutleeren Nägeln griffen wieder danach, nachdem die Lungen das ihre bekommen hatten.
Obwohl sie auf eine lange und ereignisreiche Zusammenarbeit zurückblicken konnten, hatten sie sich niemals richtig angefreundet. Marian hatte viele Jahre lang die Regie geführt und versucht, Erlendur in seine Disziplin einzuweisen. Erlendur war störrisch gewesen und hatte sich mit dem Entgegennehmen von Anweisungen und Befehlen schwer getan. Er ertrug keine Vorgesetzten, auch heute noch nicht. Es war Marian Briem damals sauer aufgestoßen und entsprechend oft zu Auseinandersetzungen gekommen, aber Marian wusste, was für ein hervorragender Mitarbeiter Erlendur war, nicht zuletzt deswegen, weil er keine Familie hatte und somit privat kaum eingespannt war. Sein Leben bestand nur aus Arbeit. Marian Briem hatte immer allein gelebt und war in der gleichen Situation.
»Gibt’s was Neues bei dir?«, fragte Marian und paffte am Zigarillo.
»Nein«, sagte Erlendur.
»Geht dir Weihnachten auf die Nerven?«
»Ich habe keine Ahnung, was dieses Theater mit Weihnachten soll«, sagte Erlendur abwesend, schaute zur Küche und hielt Ausschau nach der weißen Mütze.
»Nein«, sagte Marian. »Zu viel an Freude und Glück, könnte ich mir vorstellen. Warum schaffst du dir nicht eine Frau an? Du bist doch noch nicht so alt. Es gibt jede Menge Frauen, die sich durchaus vorstellen können, so einen Griesgram wie dich zu umsorgen, soviel steht fest.«
»Ich hab’s probiert«, sagte Erlendur. »Hast du was herausge …?«
»Meinst du vielleicht deine Ex-Frau?«
Erlendur hatte nicht vor, sich über sein Privatleben auszulassen.
»Hör auf«, sagte er.
»Ich habe gehört, dass …«
»Ich habe gesagt, du sollst damit aufhören«, sagte Erlendur ärgerlich.
»In Ordnung«, erwiderte Marian Briem. »Es geht mich nichts an, was du mit deinem Leben machst. Ich weiß bloß, dass Einsamkeit zermürbend ist.« Marian verstummte für einen Moment. »Aber du hast natürlich deine Kinder …?«
»Lassen wir das«, sagte Erlendur. »Du bist …« Weiter kam er nicht.
»Was bin ich?«
»Was willst du hier überhaupt? Konntest du nicht anrufen?«
Marian schaute Erlendur an, und ein Lächeln schien über das Gesicht zu huschen.
»Ich habe gehört, dass du dich hier im Hotel einquartiert hast. Dass du sogar an Weihnachten nicht nach Hause gehst. Was ist los mit dir? Warum gehst du nicht nach Hause?«
Erlendur antwortete nicht.
»Langweilst du dich so mit dir selbst?«
»Können wir bitte über etwas anderes reden?«
»Ich kenne das Gefühl, wenn man sich selber satt hat. Dieses unangenehme Ich, das man ist und das einem ständig im Kopf herumspukt und einen mit seiner altbekannten Leier piesackt. Eine Zeit lang klappt’s vielleicht, sich selbst zu belügen und glücklich zu sein, aber dann kommt es wieder, und alles fängt von vorne an. Man kann versuchen, es mit Alkohol zu betäuben, oder irgendwo anders hingehen. Im Hotel übernachten, wenn es unerträglich wird.«
»Marian«, bat Erlendur, »lass mich in Ruhe.«
»Wer Platten mit Guðlaugur Egilsson besitzt«, erklärte Marian Briem und kam endlich zur Sache, »der hat ausgesorgt.«
»Wie kommst du darauf?«
»Die sind heutzutage ein Vermögen wert. Es existieren nur sehr wenige, und diejenigen, die schon welche besitzen oder aus irgendwelchen Gründen von ihnen gehört haben, sind bereit, Unsummen dafür zu bezahlen. Guðlaugurs Platten sind eine absolute Rarität in Sammlerkreisen.«
»Was für Unsummen? Zigtausende?«
»Sogar Hunderttausende«, sagte Marian Briem. »Für jedes einzelne Exemplar.«
»Hunderttausende? Das kann nicht dein Ernst sein.« Erlendur richtete sich auf. Er dachte an Henry Wapshott, wusste, weswegen er nach Island gekommen war und Guðlaugur aufgesucht hatte. Er war auf der Jagd nach seinen Platten. Es war keineswegs nur seine Begeisterung für Chorknaben gewesen, was sein Interesse geweckt hatte, wie Wapshott ihm weismachen wollte. Erlendur begriff, warum er Guðlaugur aufs Geratewohl eine halbe Million in die Hand gedrückt hatte.
»Soweit ich feststellen kann, wurden insgesamt nur zwei Platten mit dem Jungen herausgegeben«, sagte Marian Briem. »Und das, was sie so wertvoll macht, jetzt mal abgesehen von dem außergewöhnlichen Gesangstalent des Jungen, ist, dass die Auflage klein war und kaum verkauft wurde. Es gibt heutzutage nicht viele, die diese Platten besitzen.«
»Spielt der Gesang selber gar keine Rolle?«
»Doch, ich glaube schon, aber trotzdem ist es in der Regel so, dass die Qualität der Musik und die Qualität der Einspielung die untergeordnete Rolle spielen. Es geht mehr um die Einmaligkeit der Einspielung. Die Musik kann scheußlich sein, aber wenn es der richtige Solist zur richtigen Zeit mit dem richtigen Lied beim richtigen Plattenproduzenten ist, dann kann der Wert unbegrenzt steigen. Es wird nicht in erster Linie nach dem künstlerischen Gehalt gefragt.«
»Was wurde aus der Auflage? Konntest du da etwas in Erfahrung bringen?«
»Es lassen sich keine alten Bestände finden. Die sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten oder vielleicht sogar einfach weggeworfen worden. Groß waren sie nicht, vielleicht ein paar hundert Platten. Die Platten sind in erster Linie deswegen so teuer, weil es nur ein paar Exemplare auf der ganzen Welt zu geben scheint. Hinzu kommt, dass die Karriere des Jungen extrem kurz war; außer diesen beiden Platten, die im gleichen Jahr aufgenommen wurden, gibt es nichts. Wenn ich richtig verstanden habe, ist er in den Stimmbruch gekommen und hat nie wieder gesungen.«