Der Koch trat gegen eine Schranktür und ließ eine Schimpfkanonade vom Stapel.
»Du meinst also Kautabak«, sagte Erlendur. »Gibt es Reste von Kautabak in dem Speichel am Kondom?«
»Genau«, sagte der Abteilungsleiter.
»Und was bedeutet das?«
»Derjenige, der mit dem Weihnachtsmann zusammen war, benutzt Kautabak.«
»Bringt uns das weiter?«
»Nein. Noch nicht. Ich dachte bloß, du würdest das wissen wollen. Und dann noch etwas. Du hast nach dem Kortisol im Speichel gefragt.«
»Ja.«
»Gemessen wurde nicht viel, es war eigentlich ganz normal.«
»Und was sagt uns das? Alles war also friedlich?«
»Falls viel Kortisol gemessen wird, ist der Blutdruck wegen Spannung oder Belastung gestiegen. Wer auch immer mit dem Portier zusammen gewesen ist, war die ganze Zeit völlig gelassen. Keine Spannung. Er hat keine Angst vor nichts gehabt.«
»Bis dann aber etwas passierte«, sagte Erlendur.
»Ja«, sagte der Abteilungsleiter. »Bis dann etwas passierte.«
Sie beendeten das Gespräch. Erlendur steckte das Telefon wieder in die Tasche. Der Chefkoch stand da und starrte ihn an.
»Weißt du, ob irgendjemand hier im Hotel Kautabak verwendet?«, fragte Erlendur.
»Leck mich am Arsch!«, schrie der Koch.
Erlendur holte tief Atem, nahm die Hände vors Gesicht und rieb es müde. Im Geiste sah er plötzlich die tabakgeschädigten Zähne von Henry Wapshott vor sich.
Zwanzig
Erlendur fragte in der Rezeption nach dem Hotelmanager und erfuhr, dass er momentan nicht im Haus sei. Der Chefkoch weigerte sich, genauer zu erläutern, warum er den Manager einen Zuhälter genannt hatte, als die Rede auf »diesen verdammten, feisten Fettkloß« kam. Erlendur war noch nie einem derartig cholerischen Menschen begegnet; ihm war klar, dass dem Koch in seiner Wut irgendetwas herausgerutscht war, was er eigentlich nicht hatte sagen wollen. Erlendur wusste im Augenblick aber nicht so recht weiter, denn aus seinem Gegenüber war nichts anderes herauszuholen als Ausflüchte und Verwünschungen. Um den Heimvorteil, den dieser in der Küche hatte, etwas auszugleichen, aber hauptsächlich, um seine Wut noch mehr zu steigern, erwägte Erlendur, vier uniformierte Polizisten ins Hotel zu beordern, den Koch abführen und zur Vernehmung ins Dezernat an der Hverfisgata bringen zu lassen.
Er spielte eine Weile mit dem Gedanken, beschloss dann aber, davon abzusehen.
Stattdessen fuhr er hoch zu Henry Wapshotts Zimmer.
Er brach das Polizeisiegel, das sich an der Tür befand. Die Leute von der Spurensicherung hatten darauf geachtet, alles an seinem Platz zu belassen. Erlendur stand lange Zeit unbeweglich da und blickte sich um. Er suchte nach irgendwelchen Verpackungen für Kautabak.
Es war ein Doppelzimmer mit zwei Betten, beide waren nicht gemacht, so als hätte Wapshott entweder in beiden geschlafen, oder es hatte noch jemand hier übernachtet.
Auf einem Tisch stand ein alter Plattenspieler, der mit einem Verstärker und zwei kleinen Lautsprechern verbunden war, und auf einem anderen Tisch stand ein kleiner Fernseher mit einem Videogerät. Daneben lagen zwei Videokassetten. Erlendur legte die eine ein und schaltete den Fernseher ein, machte aber sofort wieder aus, als er die ersten Bilder gesehen hatte. Ösp hatte Recht gehabt mit den Pornos.
Er öffnete die Nachttischschubladen und untersuchte den Koffer genau, Kautabak fand er nirgends. Er warf einen Blick in den Papierkorb, aber der war leer.
»Elinborg hatte Recht«, sagte Sigurður Óli, der plötzlich im Zimmer stand.
Erlendur drehte sich um.
»Was meinst du?«, fragte er.
»Die Engländer haben endlich ein paar Informationen über ihn rübergeschickt«, sagte Sigurður Óli und blickte sich um.
»Ich suche nach Kautabak. Sie haben so was in der Art an dem Kondom gefunden.«
»Ich glaube, ich weiß, warum er keine Verbindung zu seiner Botschaft oder zu einem Rechtsanwalt aufnehmen wollte und darauf hofft, dass sich das einfach so erledigt«, sagte Sigurður Óli, und er berichtete kurz, was der englischen Polizei über den Plattensammler vorlag.
Henry Wapshott, unverheiratet und kinderlos, kam 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in London zur Welt. Seine Familie väterlicherseits besaß einige wertvolle Immobilien mitten in der City. Einige der Gebäude waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, und auf den Grundstücken hatte man solide Wohnhäuser und Bürogebäude errichtet, die erhebliche Einkünfte garantierten.
Wapshott hatte nie seinen Lebensunterhalt verdienen müssen. Er war Einzelkind und besuchte die besten Schulen, Eaton und Oxford, schloss aber sein Universitätsstudium nie ab. Als sein Vater starb, übernahm er die Firma, aber im Gegensatz zu seinem alten Herrn hatte er keinerlei Interesse, sich um den Hausbesitz zu kümmern, und bald ließ er sich nur noch auf den allerwichtigsten Sitzungen blicken, bis er auch damit aufhörte und die Abwicklung ganz und gar seinen Geschäftsführern überlief?.
Er hatte zeit seines Lebens im elterlichen Haus gewohnt, und bei den Nachbarn galt er als spleeniger Einzelgänger, zwar zuvorkommend und höflich, aber wortkarg und unzugänglich. Plattensammeln war sein einziges Interesse, er füllte das Haus mit Schallplatten, die er aus Nachlässen oder auf Schallplattenmessen aufkaufte. Wegen seiner Sammelleidenschaft reiste er viel. Angeblich besaß er eine der größten Plattensammlungen in England.
Er war zweimal mit dem Gesetz in Konflikt geraten und gehörte zu denjenigen Sexualstraftätern, die die englische Polizei ständig im Visier behielt. Beim ersten Mal war er angeklagt und verurteilt worden, weil er einen zwölfjährigen Jungen vergewaltigt hatte. Der Junge wohnte in Wapshotts Nachbarschaft, sie hatten sich durch das gemeinsame Interesse an Schallplatten kennen gelernt.
Der Vorfall ereignete sich in Wapshotts Elternhaus. Als seine Mutter davon erfuhr, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch; der Fall wurde in den englischen Zeitungen, vor allem in der Regenbogenpresse, breitgetreten. Wapshott, der den privilegierten Schichten angehörte, war als Unmensch in aller Munde. Bei der polizeilichen Ermittlung stellte sich heraus, dass er gewohnt war, Jungen und junge Männer großzügig für diverse sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen.
Als er aus dem Gefängnis kam, war seine Mutter gestorben. Er verkaufte sein Elternhaus und zog in einen anderen Stadtteil. Einige Jahre später kam er wieder in die Schlagzeilen, als zwei Jungen im Konfirmationsalter aussagten, dass Henry Wapshott ihnen Geld dafür angeboten hatte, sich vor ihm auszuziehen. Außerdem lag wieder eine Anzeige wegen Vergewaltigung gegen ihn vor.
Als die Sache hochkam, befand sich Wapshott in Baden-Baden und wurde in Brenner’s Park Hotel & Spa festgenommen.
Es gelang nicht, ihm diese zweite Vergewaltigung nachzuweisen, und Wapshott verließ das Land; er zog nach Thailand, behielt aber seine britische Staatsbürgerschaft, denn seine Plattensammlung ließ er in England und kam häufig zu Sammelzwecken zurück. Er verwendete seitdem den Namen seiner Mutter, Wapshott, aber sein richtiger Name war Henry Wilson. In England war er nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, seit er das Land verlassen hatte, aber über seinen Aufenthalt in Thailand war so gut wie nichts bekannt.
»Kein Wunder, dass er inkognito bleiben wollte«, sagte Erlendur, als Sigurður Óli seinen Bericht beendet hatte.
»Scheint wirklich Abschaum zu sein«, sagte Sigurður Óli.
»Man kann sich vorstellen, warum er nach Thailand gezogen ist.«
»Gegen ihn liegt also derzeit nichts vor?«, fragte Erlendur.
»Bei der englischen Polizei?«
»Nein, die sind bestimmt heilfroh, ihn los zu sein«, sagte Sigurður Óli. »Elínborg hat Recht gehabt.«