»Mit anderen Worten, Wapshotts Plattensammlung, diese Chorknaben, das hat also was mit einem Kindheitssyndrom zu tun«, sagte Elinborg.
»Und wenn sich dieses Kindheitssyndrom ihm auf einmal leibhaftig hier im Hotel präsentiert, dreht er durch?«, fragte Sigurður Óli. »Der Chorknabe ist zu einem alten Knacker geworden. Meinst du etwas in der Art?«
»Ich weiß es nicht.«
Erlendur betrachtete nachdenklich die Touristen an der Bar und bemerkte einen Mann mittleren Alters, mit asiatischen Zügen, der aber fließend Amerikanisch sprach. Er hatte eine funkelnagelneue Videokamera in der Hand und filmte damit seine Bekannten. Urplötzlich schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass es im Hotel Überwachungskameras geben könnte. Darum hatte er sich noch gar nicht gekümmert! Weder der Hotelmanager noch der Empfangschef hatten andererseits etwas darüber erwähnt.
Er schaute Sigurður Óli und Elínborg an.
»Habt ihr euch danach erkundigt, ob es hier im Hotel Überwachungskameras gibt?«, fragte er.
Sie schauten einander an.
»Wolltest du das nicht machen?«, fragte Sigurður Óli zu Elínborg.
»Ich habe es vergessen«, erwiderte sie. »Ihr wisst, Weihnachten und das alles. Hab’s total vergessen.«
Der Empfangschef schaute Erlendur an, schüttelte den Kopf und erklärte, dass man in diesem Hotel diesbezüglich eine klare Übereinkunft getroffen hatte. Es gäbe keine Überwachungskameras im Hotelgebäude, weder in der Lobby, in der Rezeption, den Aufzügen, den Fluren noch auf den Zimmern, vor allem nicht auf den Zimmern, selbstverständlich.
»Sonst hätten wir hier keine Gäste mehr«, sagte der Empfangschef ernst.
»Ja, das habe ich mir gedacht«, sagte Erlendur enttäuscht. Einen Augenblick lang hatte er die schwache Hoffnung gehabt, dass Überwachungskameras irgendetwas aufgezeichnet haben könnten. Etwas, das die bisherigen Berichte und Aussagen, die der Polizei vorlagen, in einem neuen Licht erscheinen ließ.
Er hatte sich schon umgedreht und wollte zurück in die Bar, als der Empfangschef ihm hinterherrief.
»Beim Südeingang gibt es eine Bankfiliale, auf der anderen Seite des Hauses. Dort sind Geschäfte und eine Bank, und von da kann man ins Hotel kommen. Die wenigsten Leute benutzen aber diesen Eingang. Die Bank hat bestimmt solche Kameras, aber die zeigen wohl kaum etwas anderes als deren Kunden.«
Erlendur waren die Bank und der Souvenirladen schon zuvor aufgefallen, und er machte sich gleich auf den Weg dorthin. Die Filiale war aber bereits geschlossen. Er schaute hoch und sah ein fast unsichtbares Kameraauge über dem Eingang. Die Räume waren offensichtlich menschenleer. Er klopfte und rüttelte trotzdem an der gläsernen Tür, aber nichts rührte sich. Schließlich griff er zum Handy und verlangte, dass der Filialleiter ausfindig gemacht und geholt würde.
Solange Erlendur wartete, schaute er sich in dem Souvenirgeschäft um. Wo er auch hinschaute, völlig überzogene Preise. Teller mit Bildern von Gullfoss und Geysir, geschnitzte Thor-Skulptürchen, Schlüsselanhänger mit Fuchshaar, Plakate mit den Walen vor Islands Küsten, Jacken aus Seehundfell, die ein Monatsgehalt von ihm kosteten. Er erwog kurz, sich hier etwas zur Erinnerung an dieses seltsame Touristen-Island zu kaufen, das nur in der Vorstellung reicher Ausländer existierte, aber er fand nichts, was einigermaßen bezahlbar gewesen wäre.
Die Bankfiliale wurde von einer Frau um die vierzig geleitet. Sie war auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier gewesen und alles andere als erfreut über diese Störung. Ihr erster Gedanke war, dass die Bank ausgeraubt worden sei. Ihr war nicht gesagt worden, was los war, als zwei Polizisten bei ihr zu Hause klingelten und sie abholten. Sie starrte Erlendur grimmig an, als er ihr vor der Filiale erklärte, dass er an die Überwachungskameras herankommen müsse. Sie hatte gerade eine Zigarette geraucht, zündete sich mit der Glut von der alten aber schon wieder eine neue an. Erlendur dachte, dass er lange keine so fanatische Raucherin mehr gesehen hatte.
»Hätte das nicht Zeit bis morgen gehabt?«, fragte sie frostig, und er hörte förmlich die Eisnadeln klirren, die von ihr abfielen. Dieser Frau hätte er um keinen Preis etwas schulden mögen.
»Das bringt dich um«, sagte er und deutete auf ihre Zigarette.
»Noch nicht«, sagte sie. »Weswegen hast du mich holen lassen?«
»Es hängt mit dem Mord hier im Hotel zusammen.«
»Und?«, fragte sie. Ein Mord konnte sie offenbar nicht aus der Fassung bringen.
»Wir versuchen, die Ermittlungen voranzutreiben.« Er versuchte zu lächeln, aber das gelang ihm nicht so richtig.
»Was für ein hirnrissiger Quatsch«, erklärte sie und gab Erlendur ein Zeichen, ihr zu folgen. Die zwei Polizisten waren wieder gegangen, offensichtlich froh, die Frau loszusein, die sie auf dem Weg ins Hotel mit Beschimpfungen überschüttet hatte. Sie ging mit Erlendur zum Personaleingang der Bank, gab ihren Nummerncode ein, öffnete die Tür und erklärte, dass er sich gefälligst beeilen solle.
Die Filiale war nicht groß, und im Büro der Frau befanden sich vier kleine Bildschirme, die mit den Kameras über den Schaltern, im Schalterraum und am Eingang verbunden waren. Sie schaltete die Geräte ein und erklärte Erlendur, dass die Kameras rund um die Uhr liefen und alles auf Videokassetten aufgezeichnet würde, die drei Wochen lang aufbewahrt und dann wieder überspielt wurden. Die Aufnahmegeräte befanden sich im Keller des Hauses.
Nach der dritten Zigarette ging die Frau mit ihm nach unten und zeigte ihm die Kassetten, die sorgfältig mit Datum und Kamerastandort beschriftet waren. Die Kassetten wurden in einem verschlossenen Schrank aufbewahrt.
»Hier kommt täglich ein Sicherheitsbeamter vorbei«, sagte sie, »der sich um das alles kümmert. Ich kenne mich da überhaupt nicht aus, und ich möchte dich bitten, hier nicht in etwas herumzukramen, was dich nichts angeht.«
»Vielen Dank«, sagte Erlendur unterwürfig. »Ich möchte mit dem Tag beginnen, an dem der Mord begangen wurde.«
»Bitte sehr«, sagte sie und ließ die aufgerauchte Zigarette zu Boden fallen, um dann die Glut mit dem Fuß auszutreten.
Er fand die Kassette, die mit »Eingang« beschriftet war und das richtige Datum aufwies, legte sie in einen Videorekorder ein, der mit einem kleinen Fernseher verbunden war. Er hielt es für überflüssig, die Filme aus den Überwachungskameras über den Bankschaltern anzusehen.
Die Filialleiterin sah auf ihre goldene Armbanduhr.
»Auf jedem Band sind 24 Stunden«, stöhnte sie.
»Wie kriegst du das hin?«, fragte Erlendur. »Bei der Arbeit?«
»Was meinst du mit ›Wie kriegst du das hin‹?«
»Mit dem Rauchen?«
»Was geht dich das an?«
»Gar nichts«, beeilte Erlendur sich zu sagen.
»Kannst du nicht einfach die Kassetten mitnehmen?«, sagte sie. »Ich habe eigentlich keine Zeit, ich werde schon längst erwartet, und ich habe nicht vor, hier herumzuhängen, solange du dir die Kassetten anschaust.«
»Nein, da hast du Recht«, sagte Erlendur. Er schaute auf die Kassetten im Schrank. »Ich nehme den halben Monat vor dem Mord mit. Das sind vierzehn Kassetten.«
»Wisst ihr, wer den Mann umgebracht hat?«
»Noch nicht«, sagte Erlendur.
»Ich kann mich gut an ihn erinnern«, sagte sie. »An den Portier. Ich bin hier seit sieben Jahren Filialleiterin«, fügte sie wie zur Erklärung hinzu. »Ein harmloser Zeitgenosse.«
»Hast du in letzter Zeit mit ihm gesprochen?«
»Ich habe nie mit ihm gesprochen. Kein einziges Wort.«
»War er Kunde hier in der Bank?«, fragte Erlendur.
»Nein, er hat kein Konto hier gehabt. Nicht dass ich wüsste. Ich habe ihn nie hier in der Bank gesehen. Hat er Geld gehabt?«