Выбрать главу

»Das Messer muss ich behalten«, sagte er. »Wir müssen herausfinden, ob die Klinge und die Größe zu den Wunden passen. Ist das in Ordnung?«

Der Hotelmanager nickte zustimmend.

»Ist es nicht dieser Engländer? Oder habt ihr irgendjemand anderen im Visier?«

»Ich möchte mich noch etwas mit Denni hier unterhalten«, sagte Erlendur, ohne auf seine Fragen einzugehen.

Der Hotelmanager nickte wieder, rührte sich aber nicht von der Stelle. Dann erst wurde ihm klar, was Erlendur meinte, und er schaute ihn beleidigt an. Er war es gewohnt, dass sich alles um seine Person drehte und hatte nicht sofort begriffen. Als der Groschen endlich gefallen war, gab er vor, etwas im Büro zu tun zu haben, und setzte sich geräuschvoll in Bewegung. Denni atmete sichtlich auf, als sein Vorgesetzter nicht mehr anwesend war. Seine Erleichterung währte nicht lange.

»Bist du in den Keller gegangen und hast ihn erstochen?«, fragte Erlendur.

Denni schaute drein wie jemand, der schon rechtskräftig verurteilt worden war.

»Nein«, sagte er zögernd, so als sei er sich seiner Sache nicht ganz sicher. Die nächsten Fragen verunsicherten ihn noch mehr.

»Verwendest du Kautabak?«, fragte Erlendur.

»Nein«, sagte er. »Kautabak? Was …?«

»Hat man eine Speichelprobe von dir genommen?«

»Was?«

»Verwendest du Kondome?«

»Kondome?« Denni stand völlig auf dem Schlauch.

»Hast du keine Freundin?«

»Freundin?«

»Bei der du aufpassen musst, dass du ihr kein Kind machst?«

Denni schwieg.

»Ich habe keine Freundin«, sagte er dann, und Erlendur hatte das Gefühl, dass er das bedauerte. »Warum fragst du mich nach all diesen Dingen?«

»Mach dir keine Gedanken deswegen«, sagte Erlendur. »Du hast Guðlaugur gekannt. Was für ein Mensch war er?«

Denni erzählte Erlendur, dass Guðlaugur sich im Hotel wohl gefühlt hatte und seinen Job nicht verlieren wollte und dass er sich davor fürchtete, weggehen zu müssen, nachdem er nun die Kündigung erhalten hatte. Er nutzte alle so genannten Dienstleistungsangebote aus, die das Hotel ihm bot, und er war der einzige Angestellte, der jahrelang damit durchgekommen war. Er aß im Hotel, was ihn fast nichts kostete, er ließ seine Sachen mit der Wäsche vom Hotel waschen, und dafür, dass er in der Kammer wohnte, bezahlte er keine einzige Krone. Die Kündigung war ein Schock für ihn gewesen, aber er hatte erklärt, dass er auch so durchkommen würde; vielleicht brauchte er überhaupt nicht mehr zu arbeiten.

»Was hat er wohl damit gemeint?«

Denni zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß es nicht. Er tat manchmal ziemlich komisch und geheimnisvoll und gab das eine oder andere von sich, was niemand kapierte.«

»Wie zum Beispiel was?«

»Ich weiß nicht, irgendwas über Musik. Wenn er was getrunken hatte. Aber meistens war er ganz normal.«

»Hat er viel getrunken?«

»Nein, überhaupt nicht. Manchmal an Wochenenden. Arbeitsausfälle gab es bei ihm nicht. Nie. Er war stolz auf seine Arbeit, auch wenn es vielleicht nichts Spannendes war, Portier und so was.«

»Was hat er zu dir über Musik gesagt?«

»Er liebte schöne Musik. Ich kann mich nicht genau erinnern, was er gesagt hat.«

»Was glaubst du, warum er gesagt hat, er würde nicht mehr arbeiten müssen?«

»Er schien irgendwie Geld zu haben. Er hat ja auch nie für was bezahlen müssen und konnte immerzu sparen. Ich glaube, er hat das ernst gemeint. Dass er genug zusammengespart hatte.«

Erlendur erinnerte sich, dass er Sigurður Óli gebeten hatte, die Konten von Guðlaugur abzuchecken, und nahm sich vor, da nachzuhaken. Nachdem er den ziemlich verwirrten Denni, dem Kautabak, Kondome und Freundinnen durch den Kopf schwirrten, in der Küche zurückgelassen hatte, ging er ins Foyer; an der Rezeption stritt sich gerade eine junge Frau lautstark mit dem Empfangschef herum, weil der sie allem Anschein nach vor die Tür setzen wollte. Sie wollte sich das offensichtlich nicht gefallen lassen. Erlendur überlegte kurz, ob das die Frau war, die für die amouröse Nacht mit dem Empfangschef abzukassieren gedachte, und wollte weiter. Aber in diesem Augenblick bemerkte ihn die junge Frau und starrte ihn an.

»Bist du der Bulle?«, rief sie.

»Mach, dass du hier rauskommst!«, kommandierte der Empfangschef in ungewöhnlich rüdem Ton.

»Eva Lind hat mir genau gesagt, wie du aussiehst«, sagte sie und schaute Erlendur von oben bis unten an. »Ich heiße Stina. Sie hat gesagt, ich soll mit dir reden.«

Sie setzten sich in die Bar. Erlendur bezahlte den Kaffee für sie. Er versuchte, den Busen zu ignorieren, aber das war leichter gesagt als getan. Noch nie in seinem Leben hatte er solche enormen Brüste an einem so schlanken und zart gebauten Körper gesehen. Sie trug einen bodenlangen beigefarbenen Mantel mit Pelzkragen. Als sie den Mantel auf einen Stuhl am Tisch legte, kam ein roter, hautenger Pullover zum Vorschein, der gerade bis zum Bauch reichte, und eine schwarze Hose mit Schlag, die kaum die Poritze verdeckte. Sie war stark geschminkt und hatte den dunkelroten Lippenstift dick aufgetragen. Wenn sie lächelte, kamen schöne weiße Zähne zum Vorschein.

»Dreihunderttausend«, sagte sie und massierte sich vorsichtig unter der rechten Brust, als würde es sie dort jucken.

»Du hast doch bestimmt überlegt, was meine neuen Titten gekostet haben.«

»Stimmt was nicht?«

»Das sind die Fäden«, sagte sie und verzog das Gesicht. »Ich darf nicht zu viel kratzen. Ich muss aufpassen.«

»Was …?«

»Neues Silikon«, unterbrach Stina ihn. »Ich hab mich vor drei Tagen operieren lassen.«

Erlendur vermied es, auf den neuen Busen zu starren.

»Woher kennst du Eva Lind?«

»Sie hat gewusst, dass du danach fragen würdest, und sie hat mir gesagt, ich soll dir sagen, dass du es lieber nicht wissen willst. Das stimmt. Verlass dich drauf. Sie hat mir auch gesagt, du würdest mir in einer kleinen Angelegenheit helfen, und ich könnte dir ebenfalls mit was behilflich sein, alles klar?«

»Nein«, sagte Erlendur. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst.«

»Eva hat gesagt, du würdest das schon hinkriegen.«

»Eva lügt. Worüber redest du eigentlich? Was meinst du mit einer kleinen Angelegenheit?«

Stina stöhnte.

»Ein Freund von mir wurde in Keflavík mit Cannabis erwischt. Nicht viel, aber genug, dass sie ihn für drei Jahre in Litla-Hraun einbuchten können. Wenn man sieht, was für Urteile diese Saftärsche fällen, könnte man meinen, es ginge um Mord. Ein bisschen Hasch, und ein paar Pillen, Mensch. Er sagt, dass er drei Jahre kriegt. Drei Jahre! Kinderschänder kriegen ein paar Monate auf Bewährung. Vankers.«

Das Letzte verstand Erlendur nicht und erst recht nicht, wie er ihr helfen konnte. Sie war offenbar wie ein kleines Kind, das sich keine Vorstellung davon macht, wie groß und schwierig und kompliziert die Welt ist.

»Wurde er am Flughafen geschnappt?«

»Ja.«

»Ich kann da nichts machen«, sagte Erlendur. »Und ich habe auch gar keine Lust dazu. Du befindest dich da in keiner guten Gesellschaft. Drogenschmuggel und Prostitution.

Wie wär’s mit normaler Büroarbeit?«

»Kannst du nicht wenigstens versuchen, mit irgendjemandem zu sprechen«, sagte Stina. »Das darf doch nicht wahr sein, dass er drei Jahre kriegt!«

»Jetzt erst mal zur Sache«, sagte Erlendur und nickte. »Du gehst also auf den Strich?«