»Strich und nicht Strich«, sagte Stina und zog eine Zigarette aus der kleinen schwarzen Handtasche, die sie über die Schulter geschwungen hatte. »Ich tanze im Conte Rosso.«
Sie beugte sich vor und flüsterte Erlendur zu, als wäre es ein kleines Geheimnis zwischen ihnen: »Aber das andere bringt mehr Kohle.«
»Und du hast hier Kunden im Hotel gehabt?«
»Jede Menge, jede Größe«, erklärte Stina.
»Hast du dann hier im Hotel gearbeitet?«
»Ich habe nie hier gearbeitet.«
»Ich meine, ob du dir deine Kunden hier geangelt hast, oder bist du mit denen hierher gekommen?«
»So wie’s sich gerade ergeben hat. Ich durfte mich auch durchgängig hier aufhalten, bis Schwabbel mich rausgesetzt hat.«
»Warum?«
Stina juckte es wieder unter dem Busen, und sie kratzte sich vorsichtig. Sie zog eine Grimasse und versuchte, Erlendur anzulächeln, aber es ging ihr offensichtlich nicht besonders.
»Ein Mädchen, das ich kenne, hat auch so eine Operation mitgemacht, aber da ist was schief gelaufen«, sagte sie.
»Die hat jetzt Titten wie leere Plastiktüten.«
»Musst du wirklich so einen Atombusen haben?« Erlendur konnte es sich nicht verkneifen, zu fragen.
»Findest du das nicht schön?«, fragte sie und schob den Busen vor, wobei sich aber wieder ihr Gesicht verzog.
»Diese Fäden machen mich wahnsinnig.«
»Na ja, groß ist er schon …«, sagte Erlendur.
»Und ganz neu«, sagte Stina stolz.
Erlendur sah, dass der Hotelmanager im Gefolge des Empfangschefs in die Bar kam und auf sie zumarschierte. Er schaute einmal in die Runde, und als er sah, dass außer ihnen niemand in der Bar war, schnaubte er schon aus einigen Metern Entfernung in Richtung Stina:
»Raus! Raus mit dir, Mädchen! Auf der Stelle! Mach dich vom Acker.«
Stína drehte sich um, sah den Hotelmanager und blickte wieder zu Erlendur hinüber und verdrehte die Augen.
»Kraist.«
»Hier im Hotel haben Nutten wie du nichts zu suchen!«, schrie der Hoteldirektor.
Er packte sie, als würde er sie hinauswerfen wollen.
»Lass mich bloß in Ruhe«, sagte Stina und stand auf. »Ich unterhalte mich mit diesem Mann hier.«
»Pass auf deinen Busen auf!«, rief Erlendur, dem nichts Besseres einfiel. Der Hotelmanager schaute ihn entgeistert an. »Der ist neu«, sagte Erlendur wie zur Erklärung.
Er trat zwischen sie und versuchte, den Hotelmanager zurückzudrängen, was ihm aber nicht gelang. Stina verschränkte die Arme schützend vor dem Busen. Der Empfangschef hatte sich bisher im Hintergrund gehalten, kam aber nun Erlendur zu Hilfe, und gemeinsam gelang es ihnen, den stinkwütenden Manager von Stina wegzuschieben.
»Alles, was … sie … über mich … sagt, ist … eine verdammte Lüge!«, schnaufte der Hotelmanager. Die Anstrengung war beinahe zu viel für ihn, das Gesicht war schweißüberströmt, und er japste nach Luft.
»Sie hat keinen Ton über dich gesagt«, sagte Erlendur, um ihn zu beruhigen.
»Ich will … ich will, dass sie … abhaut.« Der Hotelmanager plumpste auf einen Stuhl, zog das Taschentuch hervor und begann, sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen.
»Reg dich ab, Schwabbel«, sagte Stina. »Er ist ein Pimp, wusstest du das?«
»Pimp?« Erlendur war sich nicht ganz sicher, was das bedeutete.
»Er nimmt Cuts von uns, die hier im Hotel arbeiten«, sagte Stina.
»Cuts?«, fragte Erlendur.
»Cuts! Prozente! Er nimmt Prozente von uns.«
»Das ist eine Lüge!«, brüllte der Hotelmanager. »Verschwinde, du verdammte Nutte!«
»Er und der Oberkellner wollten zusammen mehr als die Hälfte«, sagte Stina und schob sich vorsichtig den Busen zurecht. »Als ich mich weigerte, sagte er mir, ich solle mich verpissen und nie wiederkommen.«
»Das ist gelogen«, sagte der Hotelmanager, der sich etwas beruhigt hatte. »Ich habe solche Flittchen immer vor die Tür gesetzt, und die hier auch. In diesem Hotel haben Nutten nichts zu suchen.«
»Der Oberkellner?«, fragte Erlendur und sah das Gesicht mit dem superschmalen Oberlippenbärtchen vor sich.
Rósant, glaubte er sich zu erinnern.
»Uns vor die Tür gesetzt?« Stina schnaubte verächtlich, als sie sich Erlendur zuwandte. »Er ist nämlich derjenige, der uns anruft. Wenn er weiß, dass Gäste da sind, die auf so was scharf sind oder die Kohle haben, dann ruft er uns an und sagt Bescheid und pflanzt uns hier in der Bar auf. Er sagt, dass das Hotel dadurch populärer wird. Ausländer. Einsame Männer. Wenn es große Konferenzen gibt, ruft er uns an.«
»Seid ihr viele?«
»Wir sind ein paar, die so einen Hostessenservice anbieten«, erklärte Stina. »Voll high class.«
»Von wegen Hostessenservice«, warf der Hotelmanager ein, der jetzt wieder normal atmete. »Die hängen hier im Hotel herum, hier in der Bar, und versuchen, sich die Gäste zu krallen und mit ihnen aufs Zimmer zu gehen. Das ist gelogen, dass ich euch anrufe, du verdammte Nutte.«
Erlendur hielt es nicht für ratsam, sein Gespräch mit Stina in der Bar fortzusetzen, und erklärte, er müsse entweder für einen Augenblick das Büro des Empfangschefs in Anspruch nehmen, oder sie müssten alle zusammen zum Dezernat und da weitermachen. Der Hotelmanager ächzte und warf Stína giftige Blicke zu. Erlendur verließ mit ihr die Bar, und sie gingen ins Büro. Der Hotelmanager blieb zurück. Die ganze Luft schien aus ihm heraus zu sein, aber er wies den Empfangschef von sich, als dieser ihm behilflich sein wollte.
»Sie lügt, Erlendur«, rief er hinter ihnen her. »Sie lügt wie gedruckt!«
Erlendur setzte sich an den Schreibtisch des Empfangschefs, Stina blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. Es schien ihr völlig egal, dass Rauchen im ganzen Hotel abgesehen von der Bar verboten war.
»Hast du den Portier hier im Hotel gekannt?«, fragte Erlendur. »Guðlaugur?«
»Das war echt ein Netter. Er hat bei uns für Schwabbel abkassiert. Und dann ist er umgebracht worden.«
»Er war …«
»Glaubst du, dass Schwabbel ihn umgebracht hat?«, unterbrach ihn Stina. »Er ist das größte Arschloch, das ich kenne. Weißt du, warum er mich hier nicht mehr in seinem Scheißhotel haben will?«
»Nein.«
»Er wollte nicht nur Prozente von uns Mädchen, sondern er wollte auch … du weißt schon …«
»Was?«
»Dass wir so das ein oder andere für ihn machten. Persönlich, du weißt …«
»Und was dann?«
»Ich hab mich geweigert. O Mann, dieses schwitzende Ungetüm. Er ist ekelhaft. Der könnte Guðlaugur ganz gut umgebracht haben, das traue ich ihm echt zu. Er hat sich bestimmt einfach auf ihn draufgesetzt.«
»Was für ein Verhältnis hattest du zu Guðlaugur? Hast du ihm ab und zu einen Gefallen getan und bist ihm zu Diensten gewesen?«
»Überhaupt nicht. Der hatte kein Interesse an so was.«
»Doch«, sagte Erlendur und sah im Geiste die Leiche mit der heruntergelassenen Hose vor sich. »Ich fürchte, dass er keineswegs so desinteressiert war.«
»Für mich hat er sich überhaupt nicht interessiert«, stellte Stina fest und schob vorsichtig den Busen zurecht. »Auch für die anderen Mädchen nicht.«
»Steckt der Oberkellner mit dem Manager unter einer Decke?«
»Mit Rósant? Ja.«
»Und was ist mit dem Empfangschef?«
»Er will uns hier nicht haben. Er ist dagegen, dass hier so ein Service angeboten wird, aber die anderen beiden haben das Sagen. Der Empfangschef wollte Rósant schassen, aber Schwabbel verdient zu viel an ihm.«
»Sag mir noch eins. Nimmst du Kautabak? So in kleinen Tütchen wie Teebeutel. Die Leute schieben sich so was unter die Lippe oder unter den Gaumen.«
»Igittigitt, nein«, sagte Stina. »Du tickst wohl nicht frisch? Ich pass unheimlich auf meine Zähne auf.«