Выбрать главу

»Kennst du irgendjemanden, der so was nimmt?«

»Nein.«

Sie schwiegen eine Weile, aber dann konnte Erlendur es sich nicht mehr verkneifen, ihr moralisch zu kommen. Er dachte an Eva Lind. Wie sie in die Drogenszene abgerutscht und bestimmt auch auf den Strich gegangen war, um an Stoff heranzukommen; auch wenn das wahrscheinlich nicht in einem der besseren Hotels in der Stadt geschehen war. Er dachte daran, was für eine beschissene Situation das war, wenn Frauen gezwungen waren, für jeden beliebigen Kerl käuflich zu sein, wo auch immer, wann auch immer.

»Warum machst du das?«, fragte er und versuchte, keinerlei Vorwurf in der Stimme mitklingen zu lassen. »Lässt dir den Busen mit Silikon ausstopfen? Machst die Beine breit für irgendwelche Konferenzgäste? Warum?«

»Eva Lind hat mir auch gesagt, dass du danach fragen würdest. Versuch nicht, das zu kapieren«, sagte Stina und trat die Zigarette auf dem Boden aus. »Vergiss es.«

Sie warf einen Blick zur Tür hinaus ins Foyer. In diesem Augenblick ging Ösp vorbei.

»Arbeitet Ösp etwa immer noch hier?«, fragte sie.

»Ösp? Kennst du sie?« Erlendurs Handy begann zu klingeln.

»Ich dachte, sie hätte aufgehört. Ich hab mich manchmal mit ihr unterhalten, als ich hier noch was zu tun hatte.«

»Woher kennst du sie?«

»Einfach so, wir waren zusammen …«

»Sie ist doch nicht mit dir auf den Strich gegangen?« Erlendur hatte das Telefon gefunden und wollte antworten.

»Nein«, sagte Stina. »Sie ist nicht wie ihr kleiner Bruder.«

»Bruder? Hat sie einen Bruder?«

»Als Nutte bin ich harmlos gegen den.«

Dreiundzwanzig

Erlendur starrte Stina an, während er zu verstehen versuchte, was sie über den jüngeren Bruder von Ösp gesagt hatte.

Stina stand vor ihm und schien unschlüssig zu sein.

»Was ist los?«, fragte sie. »Stimmt was nicht? Willst du nicht ans Telefon gehen?«

»Warum hast du geglaubt, dass Ösp aufgehört hat?«

»Einfach so. Ist doch ein Scheißjob.«

Erlendur nahm geistesabwesend das Gespräch entgegen.

»Mensch, das dauert bei dir!« Elinborg war am Telefon.

Sie und Sigurður Óli waren nach Hafnarfjörður gefahren, um die Schwester von Guðlaugur zur Vernehmung ins Polizeidezernat in Reykjavik zu bringen, aber die hatte sich rundheraus geweigert mitzukommen. Sie hatte um eine Begründung gebeten, aber nicht bekommen. Schließlich hatte sie erklärt, dass sie den gelähmten Vater nicht allein lassen konnte. Ihr war angeboten worden, jemanden abzustellen, der sich um ihn kümmern und im Haus sein würde, und ihr gesagt, dass sie einen Rechtsbeistand dabeihaben könnte, aber es hatte den Anschein, als wäre sie sich nicht über den Ernst der Lage im Klaren. Sie konnte sich nicht vorstellen, aufs Polizeirevier gebracht zu werden. Elinborg schlug einen Kompromiss vor, obwohl Sigurður Óli völlig dagegen war, nämlich mit ihr zu Erlendur ins Hotel zu fahren und nach diesem Gespräch mit Erlendur zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Sie bat sich etwas Bedenkzeit aus. Sigurður Óli war kurz davor, die Geduld zu verlieren und sie mit Gewalt abzuführen, als sie sich endlich einverstanden erklärte. Sie telefonierte mit einer Nachbarin, die sofort kam, offensichtlich daran gewöhnt, einzuspringen. Aber dann wurde sie wieder störrisch, was Sigurður Óli erneut in Rage brachte.

»Er ist mit ihr auf dem Weg zu dir«, sagte Elinborg. »Er hätte sie viel lieber eingebuchtet. Sie hat andauernd gefragt, warum wir mit ihr reden wollten, und hat uns nicht geglaubt, als wir sagten, dass wir das nicht wüssten. Weswegen willst du eigentlich mit ihr reden?«

»Sie ist ein paar Tage bevor ihr Bruder ermordet wurde, ins Hotel gekommen, aber uns hat sie weismachen wollen, dass sie ihren Bruder jahrzehntelang nicht gesehen hat.

Ich möchte wissen, warum sie uns darüber nichts gesagt hat, warum sie gelogen hat. Ich möchte ihr Gesicht dabei beobachten.«

»Sie wird wahrscheinlich ziemlich sauer sein«, sagte Elinborg. »Sigurður Óli war nicht besonders begeistert darüber, wie sie sich aufgeführt hat.«

»Was ist passiert?«

»Er wird’s dir sagen.«

Erlendur schaltete das Handy aus.

»Was meinst du damit, dass du als Nutte harmlos bist im Vergleich zu diesem Jungen?«, sagte er zu Stina, die auf ihre Tasche starrte und überlegte, ob sie sich noch eine Zigarette anzünden sollte. »Im Vergleich zu Ösps Bruder? Wie hast du das gemeint?«

»Was?«

»Der Bruder von Ösp. Du hast gesagt, du wärst als Nutte harmlos im Vergleich zu ihm.«

»Frag doch Ösp«, sagte Stina.

»Das werde ich tun, aber ich meine, was … er ist ihr jüngerer Bruder?«

»Ja, und er ist bi.«

»Bi, meinst du …?«

»Bisexuell.«

»Und er geht also auf den Strich?«, fragte Erlendur. »So wie du?«

»Und wie. Außerdem Addict. Ihm sind immer welche auf den Hacken, die ihn zusammenschlagen, weil er ihnen was schuldet.«

»Und was ist mit Ösp? Woher kennst du sie?«

»Wir waren zusammen in der Schule. Und er auch. Er ist nur ein Jahr jünger als sie. Ösp und ich sind gleichaltrig, wir sind in dieselbe Klasse gegangen. Sie ist ganz schön unterbelichtet.« Stina zeigte sich an den Kopf. »Empty da oben«, sagte sie. »Sie hat nach der zentralen Mittelstufenprüfung das Handtuch geworfen, weil sie überall durchgerasselt ist. Ich hab alles geschafft, und das Abi habe ich auch.«

Stina lächelte breit.

Erlendur betrachtete sie.

»Ich weiß, dass du mit meiner Tochter befreundet bist, und du hast mir weitergeholfen«, sagte er, »aber du solltest dich nicht mit Ösp vergleichen. Bei ihr jucken zumindest keine Nähte.«

Stina schaute ihn an, lächelte schief, verließ stumm das Büro und durchquerte die Lobby. Im Gehen warf sie sich den Mantel mit dem Pelzkragen über, aber ihre Bewegungen waren nicht mehr so sicher. Sie begegnete Sigurður Óli und Guðlaugurs Schwester, die gerade ins Hotel kamen, und Erlendur beobachtete, wie Sigurður Óli auf ihren Busen glotzte. Die Investition hat sich also gelohnt, dachte Erlendur.

Der Hotelmanager hielt sich in der Nähe auf und schien nur darauf gewartet zu haben, dass die Unterredung zwischen Erlendur und Stina zu Ende war. Ösp stand beim Aufzug und beobachtete, wie Stina das Hotel verließ. Man sah ihr an, dass sie sich kannten. Als Stina beim Empfangschef vorbeikam, der an der Rezeption stand, blickte er auf und schaute ihr nach. Seine Blicke wanderten weiter zum Hotelmanager, der seinerseits in Richtung Küche watschelte. Ösp betrat den Lift, und die Türen schlossen sich.

»Darf ich fragen, was dieses Theater hier soll«, hörte Erlendur Guðlaugurs Schwester fragen, die auf ihn zukam. »Was hat das zu bedeuten, mich dermaßen grob und unverschämt zu behandeln?«

»Grob und unverschämt?«, sagte Erlendur erstaunt. »Mir ist nichts dergleichen bekannt.«

»Dieser Mann hier«, sagte die Schwester, die augenscheinlich nicht wusste, wie Sigurður Óli hieß, »dieser Mann hat mich unverschämt behandelt, und ich bestehe darauf, dass er sich entschuldigt.«

»Kommt nicht in Frage«, sagte Sigurður Óli.

»Er hat mich gestoßen und aus meinem Haus abgeführt, als wäre ich ein ordinärer Verbrecher.«

»Ich habe ihr Handschellen angelegt«, sagte Sigurður Óli. »Und ich denke nicht daran, sie um Entschuldigung zu bitten. Das kann sie vergessen. Sie hat mir ein Menge Beschimpfungen vor den Latz geknallt und Elinborg auch, und sie hat sich widersetzt. Am liebsten würde ich sie einbuchten lassen. Sie hat die Arbeit der Kriminalpolizei behindert.«

Die Schwester schaute Erlendur an, sagte aber nichts. Er wusste, dass sie Stefania hieß, und überlegte, wie sie wohl als kleines Mädchen genannt worden war.

»Ich bin es nicht gewohnt, dass man so mit mir umspringt«, erklärte sie schließlich.