»Bring sie auf die Wache«, sagte Erlendur zu Sigurður Óli. »Ab in die Zelle neben Henry Wapshott. Wir werden uns morgen mit ihr befassen.« Er sah Stefania ins Gesicht.
»Oder übermorgen.«
»Das kannst du doch nicht machen«, sagte Stefania, und Erlendur sah, dass sie jetzt wirklich erschrocken war. »Du hast überhaupt keine Berechtigung, mich so zu behandeln. Wieso bildest du dir ein, mich ins Gefängnis werfen zu können? Was habe ich denn getan?«
»Du hast gelogen«, sagte Erlendur. »Auf Wiedersehen. Wir sprechen uns später«, sagte er zu Sigurður Óli.
Er drehte sich um und ging in die Richtung, die der Hotelmanager genommen hatte. Sigurður Óli packte Stefanía beim Handgelenk und wollte sie zum Auto abführen. Sie blieb jedoch stocksteif stehen und blickte Erlendur nach.
»Also schön«, rief sie ihm nach. Sie versuchte, sich von Sigurður Óli loszureißen. »Das hier ist nicht nötig«, sagte sie. »Können wir uns nicht irgendwo hinsetzen und wie vernünftige Menschen darüber reden?«
Erlendur blieb stehen und drehte sich um.
»Worüber?«, fragte er.
»Über meinen Bruder«, sagte sie. »Reden wir über meinen Bruder, wenn du das unbedingt willst. Aber ich weiß wirklich nicht, was du dir davon versprichst.«
Sie gingen hinunter in Guðlaugurs Kammer, weil sie darauf bestand. Als Erlendur fragte, ob sie bereits früher einmal dort gewesen sei, verneinte sie. Als er nachfragte, ob sie wirklich all die Jahre ihren Bruder nie getroffen hätte, wiederholte sie das, was sie bereits vorher gesagt hatte, dass sie keinerlei Verbindung zu ihrem Bruder gehabt hätte. Erlendur war davon überzeugt, dass sie log und dass ihr Besuch im Hotel fünf Tage vor dem Mord in irgendeiner Weise mit Guðlaugur zu tun gehabt hatte, der konnte kein purer Zufall gewesen sein.
Sie betrachtete das Plakat mit Shirley Temple als Little Princess, verzog aber keine Miene und enthielt sich jeglichen Kommentars. Sie öffnete den Kleiderschrank und sah die Portierslivree. Schließlich setzte sie sich auf den einzigen Stuhl in der Kammer, während Erlendur sich an den Schrank lehnte. Sigurður Óli hatte weitere Termine mit Schulkameraden von Guðlaugur in Hafnarfjörður, und er machte sich auf den Weg, als sie sich in den Keller begaben.
»Hier ist er also gestorben«, sagte die Schwester ohne eine Spur von Bedauern in der Stimme, und Erlendur wunderte sich wieder genau wie beim ersten Zusammentreffen, warum diese Frau überhaupt keine Gefühle für ihren Bruder zu haben schien.
»Durch einen Stich ins Herz«, sagte Erlendur. »Wahrscheinlich mit einem Messer aus der Küche«, fügte er hinzu. Immer noch waren die Blutspuren im Bett.
»Wie erbärmlich das ist«, sagte sie und schaute sich um.
»Dass er hier die ganzen Jahre gehaust hat. Was hat er sich eigentlich dabei gedacht?«
»Ich habe gehofft, dass du mir da weiterhelfen könntest.«
Sie sah ihn an und schwieg.
»Ich weiß es nicht«, fuhr Erlendur fort. »Er war wohl der Meinung, dass ihm das genügte. Andere Leute brauchen Villen mit fünfhundert Quadratmetern. Soweit ich weiß, hat er einige Vorteile dadurch gehabt, hier im Hotel zu wohnen und zu arbeiten. Hier hatte er die eine oder andere Dienstleistung inklusive.«
»Habt ihr schon die Mordwaffe gefunden?«, fragte sie.
»Nein, aber vielleicht etwas Ähnliches«, antwortete Erlendur. Dann verstummte er und wartete darauf, dass sie etwas sagen würde, aber sie schwieg ebenfalls. Es verging eine ganze Weile, bis sie das Schweigen brach.
»Wieso behauptest du, dass ich lüge?«
»Ich weiß nicht, wie weit reichend die Lüge ist, aber ich bin mir völlig sicher, dass du mir nicht alles zu Protokoll gegeben hast, was du weißt. Du hast nicht die Wahrheit gesagt. Abgesehen davon sagst du sowieso fast nichts, und ich bin erstaunt über deine und deines Vaters Reaktion auf den Tod von Guðlaugur. Es hat den Anschein, als beträfe euch das überhaupt nicht.«
Sie blickte Erlendur eine ganze Weile an, schien sich dann jedoch zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben.
»Er war drei Jahre jünger als ich«, sagte sie plötzlich, »und obwohl ich damals so klein war, kann ich mich erinnern, wie meine Eltern ihn als Baby nach Hause brachten. Wahrscheinlich eine meiner ersten Erinnerungen. Er war vom allerersten Tag an der Augenstern meines Vaters. Er stand immer im Mittelpunkt, und ich glaube, mein Vater hat ihm gleich von Anfang an eine große Rolle zugedacht. Das kam nicht später oder hat sich so ergeben, wie es wahrscheinlich normalerweise der Fall ist, sondern unser Vater hatte vom ersten Tag an Großes mit ihm im Sinn, mit Guðlaugur.«
»Und was war mit dir?«, fragte Erlendur. »Hat er keine Talente in dir gesehen?«
»Er war immer gut zu mir«, sagte sie, »aber Guðlaugur hat er vergöttert.«
»Und ihn vorangetrieben, bis er zusammengebrochen ist.«
»Du willst die Dinge anscheinend einfach haben«, sagte sie, »aber das sind sie im seltensten Fall. Ich hätte gedacht, dass ein Mensch wie du, ein Polizist, sich das klar machen würde.«
»Ich glaube, hier geht es nicht um mich«, sagte Erlendur.
»Nein«, sagte sie, »natürlich nicht.«
»Wie ist es dazu gekommen, dass Guðlaugur hier in diesem Kellerloch endete, allein und verlassen? Warum habt ihr ihn so gehasst? Ich kann vielleicht die Reaktion deines Vaters verstehen, wenn er durch ihn in den Rollstuhl gekommen ist, aber ich begreife nicht, warum du so unerbittlich und nachtragend gegen ihn warst.«
»In den Rollstuhl gekommen ist?«, fragte sie und blickte Erlendur erstaunt an.
»Weil Guðlaugur ihn die Treppe hinuntergestoßen hat«, sagte Erlendur. »Die Geschichte habe ich gehört.«
»Von wem?«
»Das spielt keine Rolle. Stimmt sie? Hat er seinen Vater in den Rollstuhl gebracht?«
»Ich glaube, das geht dich nichts an.«
»Gewiss nicht«, sagte Erlendur. »Aber es hat mit meiner Ermittlung zu tun, und da fürchte ich, dass es außer euch auch noch andere angeht.«
Stefania schwieg und starrte auf das Blut im Bett. Erlendur überlegte, warum sie unbedingt in dieser Kammer mit ihm sprechen wollte, in der ihr Bruder ermordet worden war. Er spielte mit dem Gedanken, sie zu fragen, unterließ es aber dann.
»Das kann doch nicht immer so gewesen sein«, sagte er stattdessen. »Du bist deinem Bruder auf der Bühne im Stadtkino zu Hilfe gekommen, als er seine Stimme verlor. Irgendwann wart ihr Freunde. Irgendwann ist er dein Bruder gewesen.«
»Wieso weißt du, was im Stadtkino geschehen ist? Wie hast du das ausgegraben? Mit wem hast du gesprochen?«
»Wir stellen selbstverständlich Nachforschungen an. Einige Leute aus Hafnarfjörður können sich noch ganz gut daran erinnern. Er war dir nicht gleichgültig, als ihr Kinder wart.«
Stefania schwieg.
»Das Ganze war ein Albtraum«, sagte sie. »Ein grauenvoller Albtraum.«
Vorfreude und Spannung herrschten in ihrem Haus in Hafnarfjörður an dem Tag, als er im Stadtkino auftreten sollte.
Sie wachte früh auf und machte das Frühstück. Sie musste an ihre Mutter denken, ihr kam es so vor, als hätte sie deren Rolle im Haushalt übernommen, und sie war stolz darauf.
Ihr Vater hatte sie gelobt und gesagt, wie tüchtig sie für ihre beiden Männer sorgte, nachdem die Mutter gestorben war.
Wie erwachsen sie schon sei und wie verantwortungsvoll in allem, was sie tat. Sonst äußerte er sich nie über ihre Person.
Kümmerte sich nicht um sie, hatte es nie getan.
Sie vermisste ihre Mutter. Auf dem Sterbebett hatte sie ihr gesagt, dass sie von jetzt an für ihren Vater und ihren Bruder sorgen müsse. Sie dürfe die beiden nicht im Stich lassen. »Versprich mir das«,hatte ihre Mutter gesagt. »Es wird nicht immer einfach sein. Es ist nicht immer einfach gewesen. Dein Vater ist so streng und so unnachgiebig, ich weiß nicht, ob Guðlaugur das durchhält. Falls nicht, musst du zu ihm stehen, zu Guðlaugur, versprich mir das auch«,sagte ihre Mutter. Sie hatte darauf genickt und es ihr versprochen. Und sie hielten sich die Hände, bis ihre Mutter einschlief, sie strich ihr über die Haare und küsste sie auf die Stirn.