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»Ist das die Erklärung dafür, dass du dich über den Misserfolg deines Bruders gefreut hast?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Stefania. »Ich war diesem Gefühl gegenüber machtlos. Es überfiel mich wie ein eiskalter Schauer, ich zitterte und bebte und versuchte, es von mir fern zu halten, aber das Gefühl wollte nicht weichen. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren könnte.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Du hast deinen Bruder beneidet«, sagte Erlendur.

»Vielleicht habe ich das zeitweilig getan. Später hatte ich Mitleid mit ihm.«

»Und zum Schluss hast du ihn gehasst.«

Sie schaute Erlendur an.

»Was weißt du über Hass?«

»Nicht viel«, sagte Erlendur. »Ich weiß aber, dass er gefährlich sein kann. Warum hast du uns gesagt, dass du fast drei Jahrzehnte lang keinerlei Verbindung zu deinem Bruder hattest?«

»Weil es wahr ist«, sagte Stefania.

»Es ist nicht wahr«, entgegnete Erlendur. »Du lügst. Weswegen lügst du?«

»Wollt ihr mich wegen einer Lüge ins Gefängnis bringen?«

»Wenn es sein muss, tu ich das«, sagte Erlendur. »Wir wissen, dass du fünf Tage vor dem Mord an deinem Bruder hier ins Hotel gekommen bist. Du hast uns gegenüber erklärt, du hättest deinen Bruder jahrzehntelang nicht gesehen beziehungsweise keinen Kontakt zu ihm gehabt. Dann finden wir heraus, dass du ein paar Tage vor seinem Tod hier im Hotel gewesen bist. Was hast du von ihm gewollt? Und warum hast du uns angelogen?«

»Ich hätte hier ins Hotel kommen können, ohne ihn treffen zu wollen. Das ist ein großes Hotel. Hast du das vielleicht bedacht?«

»Das bezweifle ich sehr. Meiner Meinung nach war es kein Zufall, dass du ein paar Tage vor seinem Tod in dieses Hotel gekommen bist.«

Er sah, dass sie unschlüssig war, dass sie sich den Kopf darüber zerbrach, ob sie den nächsten Schritt tun sollte. Sie hatte sich augenscheinlich darauf vorbereitet, eine detailliertere Darstellung zu geben als bei ihrem ersten Gespräch, aber jetzt hieß es, den Sprung zu wagen.

»Er hatte einen Schlüssel«, sagte sie dann so leise, dass Erlendur es kaum hören konnte. »Das war der, den du meinem Vater und mir gezeigt hast.«

Erlendur erinnerte sich an den Schlüsselbund, der im Zimmer gefunden worden war, und an das kleine rosa Messer mit dem Bild von einem Piraten, das an dem Schlüsselring hing. Zwei Schlüssel waren daran gewesen, einer wahrscheinlich ein Hausschlüssel, der andere vielleicht zu einer Schublade, einem Schrank oder einer Kiste.

»Was hat es mit diesen Schlüsseln auf sich?«, fragte Erlendur. »Kennst du sie? Weißt du, wo sie hineinpassen?«

Stefania lächelte kalt.

»Ich habe genau den gleichen Schlüssel«, erklärte sie.

»Was für ein Schlüssel ist das?«

»Zu unserem Haus in Hafnarfjörður.«

»Du meinst dein Zuhause?«

»Ja«, sagte Stefania. »Das Haus von mir und meinem Vater. Er gehört zur Kellertür hinter dem Haus. Aus dem Keller führt eine schmale Treppe in den Flur im Erdgeschoss, und von dort aus kommt man in die Küche und ins Wohnzimmer.«

»Meinst du damit, dass …?« Erlendur versuchte, sich über die Bedeutung ihrer Worte klar zu werden. »Meinst du, dass er Zugang zum Haus hatte?«

»Ja.«

»Und ist er ins Haus gekommen?«

»Ja.«

»Aber ich dachte, es hätte keinerlei Verbindung zwischen euch gegeben. Du hast gesagt, dass dein Vater und du euch jahrzehntelang nicht um ihn gekümmert habt. Dass da keinerlei Kontakt war. Weswegen hast du gelogen?«

»Weil Papa nichts davon wusste.«

»Nichts wovon wusste?«

»Dass er gekommen ist. Er muss uns vermisst haben. Ich habe ihn nicht danach gefragt, aber das muss ganz einfach so gewesen sein, sonst hätte er es nicht gemacht.«

»Was genau hat dein Vater nicht gewusst?«

»Dass Guðlaugur manchmal nachts zu uns nach Hause kam, ohne dass wir seiner gewahr wurden, er hat einfach nur im Wohnzimmer gesessen und keinen Mucks von sich gegeben und war dann immer verschwunden, bevor wir aufwachten. Er hat das jahrelang gemacht, ohne dass wir davon wussten.«

Sie schaute auf die Blutflecken im Bett.

»Bis ich einmal nachts aufwachte und ihn sah.«

Vierundzwanzig

Erlendur beobachtete Stefania und ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Sie war nicht so arrogant wie bei ihrem ersten Treffen, als Erlendur ihr die Gefühlskälte übel genommen hatte, die sie ihrem Bruder gegenüber an den Tag legte, und er war sich nicht mehr sicher, ob er sie vielleicht allzu voreilig beurteilt hatte. Er kannte weder sie noch ihre Geschichte gut genug, um sich aufs hohe Ross zu setzen, und bereute es jetzt, ihr Gefühlskälte vorgeworfen zu haben. Es war nicht seine Aufgabe, über andere zu urteilen, obwohl er ständig wieder in diese Falle tappte. Er wusste im Grunde genommen nichts über diese Frau, die urplötzlich so zerknirscht vor ihm saß und grauenvoll einsam wirkte. Ihm war klar geworden, dass ihr Leben nicht gerade ein Tanz auf Rosen gewesen war: erst als Kind im Schatten ihres Bruders, dann als mutterloser Teenager und zuletzt als Frau, die ihrem Vater nicht von der Seite wich und höchstwahrscheinlich ihr Leben für ihn geopfert hatte.

Schweigend standen sie sich geraume Zeit gegenüber, beide dachten nach. Die Tür zur Kammer hatten sie offen gelassen. Plötzlich trat Erlendur auf den Gang hinaus. Er hatte das Gefühl, dass sich dort jemand herumtrieb und lauschte. Er blickte den schlecht beleuchteten Gang entlang, sah aber niemanden. Er drehte sich um und schaute in die hintere Ecke, wo völlige Finsternis herrschte. Er sagte sich, dass jemand, um dorthin zu gelangen, an der offenen Zimmertür vorbeigemusst hätte, und das wäre ihm nicht entgangen. Da war niemand auf dem Gang. Trotzdem hatte er, als er die Kammer wieder betrat, das unbestimmte Gefühl, dass sie sich nicht allein da unten befanden. Wieder war dieser Geruch auf dem Gang, ein schwacher Rauchgeruch, den er nicht zuordnen konnte. Er fühlte sich unwohl an diesem Ort. Der Gedanke daran, wie sie die Leiche vorgefunden hatten, ließ ihn nicht los, und je mehr er mit der Geschichte des Weihnachtsmanns vertraut wurde, desto armseliger und trauriger schien alles in seinen Augen zu sein, da war etwas, von dem er wusste, dass es ihn nie mehr loslassen würde.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Stefania, die reglos auf ihrem Stuhl saß.

»Doch, alles in Ordnung«, sagte Erlendur. »Irgendein komisches Gefühl von mir. Ich hab mir plötzlich eingebildet, da wäre jemand auf dem Gang. Sollten wir nicht einen Ortswechsel vornehmen? Vielleicht einen Kaffee trinken?«

Sie schaute sich noch einmal in der Kammer um, nickte dann und stand auf. Sie gingen schweigend den Gang entlang und die Treppe hinauf, durchquerten das Foyer und begaben sich in den Speisesaal, wo Erlendur zwei Tassen Kaffee bestellte. Sie setzten sich etwas abseits und versuchten, sich nicht durch die Ausländer stören zu lassen.

»Mein Vater wäre nicht einverstanden mit dem, was ich jetzt tue«, erklärte Stefania. »Er hat mir immer verboten, über die Familie zu reden. Er erträgt solches Eindringen in sein Privatleben nicht.«

»Wie steht es um seine Gesundheit?«

»Er ist für sein Alter einigermaßen gut dran. Aber ich weiß nicht …«

Ihre Worte verebbten.

»Es gibt kein Privatleben bei einer polizeilichen Ermittlung«, sagte Erlendur. »Schon gar nicht, wenn ein Mord verübt worden ist.«

»Das wird mir so langsam auch immer klarer. Wir hatten vor, das alles von uns fern zu halten, so als ginge es uns überhaupt nichts an, aber ich denke, unter diesen grässlichen Umständen kann sich da niemand raushalten.«

»Wenn ich dich richtig verstehe«, sagte Erlendur, »hatten dein Vater und du sämtliche Verbindungen zu Guðlaugur abgebrochen, aber er hat sich nachts heimlich ins Haus geschlichen, ohne dass ihr ihn bemerkt habt. Was bezweckte er damit? Was hat er gemacht? Und weswegen?«