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»Ich habe ehrlich gesagt mit einem Besuch gerechnet«, sagte er, »ich meine, von der Polizei. Ich hatte überlegt, ob ich Verbindung mit euch aufnehmen sollte, habe es dann aber immer wieder vor mir hergeschoben. Es ist kein Vergnügen, mit der Polizei zu tun zu haben.« Er lächelte wieder und nahm Sigurður Óli den Mantel ab.

In der Wohnung war alles sehr ordentlich und aufgeräumt, wo man auch hinschaute, schien alles an seinem Platz zu sein. Im Wohnzimmer brannten Kerzen, und der Weihnachtsbaum war bereits geschmückt. Der Mann bot einen Likör an, den Sigurður Óli dankend ablehnte. Baldur war mittelgroß, schlank und machte einen entspannten Eindruck. Das Haar war schon etwas lichter geworden, und der roten Farbe war eindeutig nachgeholfen worden. Aus der Stereoanlage im Wohnzimmer glaubte Sigurður Óli die Stimme von Frank Sinatra zu hören.

»Weshalb hast du mich oder einen von uns erwartet?«, fragte Sigurður Óli und setzte sich auf ein großes rotes Sofa.

»Wegen Gulli«, sagte der Mann und setzte sich ihm gegenüber. »Ich wusste, dass ihr das ausgraben würdet.«

»Dass wir was ausgraben würden?«, fragte Sigurður Óli.

»Dass Gulli und ich früher zusammen waren«, sagte der Mann.

»Was meinst du damit, dass er mit Guðlaugur früher zusammen war?«, warf Erlendur dazwischen.

»Er hat es so ausgedrückt«, sagte Sigurður Óli.

»Dass er mit Guðlaugur zusammen war?«

»Ja.«

»Was bedeutet das?«

»Dass sie zusammen waren.«

»Meinst du, dass Guðlaugur …« Eine ganze Reihe von Aussagen und Bildern im Zusammenhang mit dem Mordfall gingen Erlendur durch den Kopf, er sah vor allem die verkniffenen Mienen von Guðlaugurs Schwester und dem gelähmten Vater vor sich.

»Das sagt auf jeden Fall dieser Baldur«, wiederholte Sigurður Óli. »Aber Guðlaugur wollte nicht, dass es bekannt würde.«

»Dass seine Beziehung zu Baldur bekannt wurde?«

»Er wollte geheim halten, dass er schwul war.«

Siebenundzwanzig

Der Mann im Thingholt-Viertel informierte Sigurður Óli darüber, dass die Beziehung zwischen ihm und Guðlaugur angefangen hatte, als sie etwa fünfundzwanzig waren.

Das war die Disko-Zeit gewesen, und Baldur hatte sich eine Kellerwohnung im Vogar-Viertel gemietet. Weder er noch Baldur hatten es gewagt, sich zu outen. »Damals war die Einstellung zur Homosexualität eine andere als heute«, sagte er und lächelte. »Aber da war schon einiges im Umbruch.«

»Wir haben auch nicht richtig zusammengelebt«, fügte Baldur hinzu. »Damals lebten Männer nicht zusammen, was ja heute möglich ist, ohne dass sich jemand darüber aufregt. In den Jahren hatten Schwule keine Chance. Die meisten gingen ins Ausland, wie du weißt. Er kam mich oft besuchen, drücken wir das mal so aus. Hat auch ab und zu mal bei mir übernachtet. Er selber hatte ein Zimmer im Westend gemietet, und ich bin ein paar Mal da gewesen, aber für meinen Geschmack war er zu schlampig.

Deswegen habe ich ihn zuletzt auch nicht mehr in seinem Zimmer besucht. Meistens waren wir hier bei mir zusammen.«

»Wie habt ihr euch kennen gelernt?«, fragte Sigurður Óli.

»Es gab damals Orte, wo Schwule sich getroffen haben. Einer davon war nicht weit vom Zentrum, gar nicht weit von hier. Das war kein Lokal, sondern ein Treffpunkt in einem Privathaus. In den Discos musste man immer auf alles gefasst sein, und man wurde sogar manchmal rausgesetzt, wenn man mit anderen Männern tanzte. Dieses Haus war so ein Mischmasch aus allem, Café, Pension, Nachtklub, Beratungsstelle und Treffpunkt. Er kam eines Abends mit einem Bekannten dorthin. Da habe ich ihn zuerst gesehen. Entschuldige bitte, wie konnte ich nur so unhöflich sein und dir keinen Kaffee anbieten! Möchtest du vielleicht einen?«

Sigurður Óli schaute auf die Uhr.

»Du bist wahrscheinlich in Eile«, sagte der Mann und strich sich sorgsam das dünne, gefärbte Haar zurecht.

»Nein, das ist es nicht, ich würde einen Tee nehmen, wenn du einen hast«, sagte Sigurður Óli und dachte an Bergþóra.

Sie konnte ganz schön grantig werden, wenn ihre Zeitplanung durcheinander geriet und ihm stundenlang die Hölle heiß machen, wenn er spät nach Hause kam.

Der Mann ging in die Küche und machte einen Tee.

»Er war fürchterlich schüchtern und verklemmt«, sagte Baldur aus der Küche und sprach etwas lauter, damit Sigurður Óli ihn verstehen konnte. »Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er seine Homosexualität hasste, so als hätte er sie nie akzeptiert. Ich glaube, er hat die Beziehung zu mir unter anderem dazu benutzt, um sich vorzutasten.

Er war immer noch auf der Suche, obwohl er schon so alt war. Aber das ist ja auch nichts Ungewöhnliches. Die Leute outen sich heutzutage mit vierzig, sind vielleicht bis dahin die ganze Zeit verheiratet gewesen und haben vier Kinder.«

»Ja, das wird unterschiedlich gehandhabt«, sagte Sigurður Óli, der keine Ahnung hatte, worüber er redete.

»Oh ja, mein Lieber. Trinkst du ihn lieber stark oder schwach?«

»Seid ihr lange zusammen gewesen?«, fragte Sigurður Óli und fügte hinzu, dass er den Tee gerne stark hätte.

»Etwa drei Jahre, aber zuletzt haben wir uns nur sehr sporadisch gesehen.«

»Und seitdem hast du keine Verbindung zu ihm gehabt?«

»Nein. Ich wusste von ihm, so gesehen«, sagte der Mann und kam wieder ins Wohnzimmer. »Die Homosexuellenszene hierzulande ist nicht so groß.«

»Inwiefern war er verklemmt?«, fragte Sigurður Óli, während der Mann Tassen auf den Tisch stellte. Er hatte auch eine Schale mit Plätzchen mitgebracht, die Sigurður Óli gut kannte, denn Bergþóra backte jedes Jahr dieselbe Sorte zu Weihnachten. Er versuchte sich zu erinnern, wie sie hießen, aber es fiel ihm nicht ein.

»Er war sehr verschlossen und hat sich nur selten geöffnet, höchstens, wenn wir einen zusammen getrunken haben. Das hatte etwas mit seinem Vater zu tun. Er hatte keinerlei Verbindung zu ihm, vermisste ihn aber sehr und genauso seine ältere Schwester, die sich gegen ihn gestellt hatte.

Seine Mutter war schon viele Jahre tot, als ich ihn kennen lernte, aber er sprach fast immer nur von ihr. Er konnte endlos über seine Mutter erzählen, das war äußerst ermüdend, kann ich dir sagen.«

»Inwiefern hat sie sich gegen ihn gestellt? Die Schwester?«

»Das ist sehr lange her, und er ist nie genau darauf eingegangen. Ich weiß nur, dass er gegen seine Veranlagung angekämpft hat. Weißt du, was ich meine? Als ob er etwas anderes hätte sein sollen.«

Sigurður Óli schüttelte den Kopf.

»Er fand es irgendwie schmutzig und unnatürlich, schwul zu sein.«

»Und hat dagegen angekämpft?«

»Ja und nein. Er war in dieser Hinsicht sehr zwiespältig. Ich glaube, er wusste einfach nicht, was er wirklich wollte. Er hatte wenig Selbstvertrauen. Manchmal glaube ich, dass er sich selbst gehasst hat.«

»Kanntest du seine Vergangenheit als Kinderstar?«

»Ja«, sagte der Mann und stand auf, ging in die Küche und kam mit der dampfenden Teekanne zurück und goss die Tassen ein. Er brachte die Kanne wieder zurück in die Küche, und sie tranken einen Schluck Tee.

»Meinst du, dass du das alles etwas schneller aus dir rauziehen könntest?«, sagte Erlendur zu Sigurður Óli. Er saß an seinem Schreibtisch und konnte seine Ungeduld kaum verbergen.

»Ich versuche nur, das so präzise wie möglich zu referieren«, sagte Sigurður Óli und schaute wieder auf seine Uhr.

Jetzt war er schon eine Dreiviertelstunde zu spät dran.

»Also schön, weiter im Text …«

»Hat er jemals darüber gesprochen?«, fragte Sigurður Óli, der die Tasse abstellte und sich ein Plätzchen nahm. »Über seine Vergangenheit als Kinderstar?«