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»Er sagte, dass er die Stimme verloren hatte«, sagte Baldur.

»War er verbittert deswegen?«

»Und wie. Es ist wohl auch zu einem ganz fürchterlichen Zeitpunkt geschehen, aber er wollte nicht darüber reden. Er hat gesagt, dass er in der Schule gehänselt worden sei, weil er so berühmt war, und er hat darunter gelitten. Er hat aber nicht das Wort berühmt verwendet. Aus seiner Sicht war er nicht berühmt, doch sein Vater wollte, dass er berühmt würde, und da hat wohl auch nicht viel gefehlt. Aber er fühlte sich unwohl. Und dann machte sich irgendwann noch dieses Interesse für das gleiche Geschlecht bei ihm bemerkbar, die Homosexualität in ihm brach durch. Aber er sprach nicht gern darüber. Wollte so wenig wie möglich über seine Familie reden. Nimm dir doch noch ein Plätzchen.«

»Nein, danke«, sagte Sigurður Óli. »Kannst du dir vorstellen, wer ihn hätte umbringen wollen? Weißt du von jemandem, der ihm übel wollte?«

»Du lieber Himmel, nein! Er war ein verklemmter, schüchterner Mensch und hat nie auch nur einer Fliege was zuleide getan. Ich weiß nicht, wer das getan haben könnte. Der arme Kerl, was für ein Ende. Seid ihr in der Ermittlung schon weitergekommen?«

»Nein«, sagte Sigurður Óli. »Hast du seine Platten gehört, oder besitzt du sie vielleicht?«

»Aber gewiss«, sagte der Mann. »Er war wirklich großartig. Er singt phantastisch. Ich glaube, dass ich noch nie eine so schöne Stimme bei einem Kind gehört habe.«

»War er selber stolz auf seine Stimme, als er älter wurde? Als du ihn gekannt hast?«

»Er hat sich nie selbst gehört. Wollte nicht, dass man seine Platten auflegte, egal, was ich versucht habe.«

»Warum nicht?«

»Es war völlig unmöglich, ihn dazu zu bewegen. Er hat keine Erklärung dafür abgegeben, er hat es einfach kategorisch abgelehnt, seine eigenen Platten anzuhören.«

Baldur stand auf, ging zu einem Schrank im Wohnzimmer, nahm die beiden Schallplatten mit Guðlaugur heraus und legte sie vor Sigurður Óli auf den Tisch.

»Er hat sie mir geschenkt, nachdem ich ihm beim Umzug geholfen habe.«

»Umzug?«

»Das Zimmer im Westend wurde ihm gekündigt, und er hatte mich gebeten, ihm beim Umzug zu helfen. Er hatte irgendeine andere Bleibe gefunden, wo er seinen ganzen Kram unter­bringen konnte. Er besaß eigentlich nichts außer den Platten.«

»Besaß er viele Platten?«

»Ja, jede Menge.«

»Gab es da irgendwas Spezielles, was er sich angehört hat?«

»Nein«, sagte Baldur. »Verstehst du, das waren alles die gleichen Platten. Diese hier«, sagte er und deutete auf die zwei Platten mit Guðlaugur. »Er hatte jede Menge davon. Er sagte, er hätte von beiden Platten die gesamten Restbestände der Auflage bekommen.«

»Besaß er ganze Kartons voll mit diesen Platten?«, fragte Sigurður Óli und versuchte erst gar nicht, sein Interesse zu verhehlen.

»Ja, mindestens zwei.«

»Weißt du, wo die sein könnten?«

»Ich? Nein, keine Ahnung. Sind diese Platten heutzutage interessant?«

»Ich kenne einen Engländer, der unter Umständen bereit wäre, dafür zu töten«, sagte Sigurður Óli, und Baldur sah ihn verwundert an.

»Was meinst du damit?«

»Nichts«, sagte Sigurður Óli und schaute auf seine Uhr.

»Jetzt muss ich aber sehen, dass ich weiterkomme«, erklärte er. »Ich werde mich eventuell noch einmal mit dir in Verbindung setzen, falls mir noch ein paar Details fehlen. Es wäre auch nicht schlecht, wenn du mich anrufen würdest, falls dir noch etwas einfällt, egal wie unbedeutend oder belanglos es dir erscheinen mag.«

»Damals hatte man ehrlich gesagt keine große Auswahl«, sagte Baldur. »Das ist was ganz anderes heutzutage, wo jeder Zweite schwul ist oder es gern sein möchte.«

Er lächelte Sigurður Óli an, der sich am Tee verschluckte.

»Entschuldigung«, sagte Sigurður Óli.

»Er ist vielleicht etwas stark.«

Sigurður Óli stand auf, und Baldur tat es ihm nach, um ihm zur Tür zu folgen.

»Wir wissen, dass Guðlaugur in der Schule gehänselt worden ist«, sagte Sigurður Óli, als er sich verabschiedete, »und er kriegte einen Spitznamen. Kannst du dich erinnern, ob er jemals mit dir darüber gesprochen hat?«

»Keine Frage, dass er damals gemobbt wurde, weil er im Chor sang, eine schöne Stimme hatte und nie Fußball spielte — und in vieler Hinsicht wie ein Mädchen war. Ich hatte das Gefühl, dass er sehr unsicher im Umgang mit anderen Menschen war. Wenn er mit mir darüber redete, klang er so, als hätte er Verständnis dafür gehabt, warum er von anderen gehänselt wurde. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er einen speziellen Spitznamen erwähnt hätte …«

Baldur zögerte.

»Ja«, sagte Sigurður Óli.

»Wenn wir zusammen waren, du weißt schon …«

Sigurður Óli schüttelte verständnislos den Kopf.

»Im Bett …«

»Ja?«

»Dann wollte er manchmal, dass ich ihn ›meine kleine Prinzessin‹ nannte«, sagte Baldur, und ein Lächeln spielte um seine Lippen.

Erlendur starrte Sigurður Óli an.

»Kleine Prinzessin?«

»Das hat er gesagt.« Sigurður Óli stand vom Bett auf. »Und jetzt muss ich weiter. Bergþóra ist bestimmt schon auf hundert­achtzig. — Du bist dann also Weihnachten bei dir zu Hause?«

»Und was ist mit den Platten in den Kartons?«, fragte Erlendur. »Wo können die hingekommen sein?«

»Dieser Baldur hat gesagt, er hätte keine Ahnung.«

»Die kleine Prinzessin? Der Film mit Shirley Temple? Wie passt das zusammen? Hat dieser Kerl das irgendwie erklärt?«

»Nein, er wusste auch nicht, was das zu bedeuten hatte.«

»Es muss ja nichts Besonderes bedeuten«, sagte Erlendur wie zu sich selbst. »Irgend so ein Schwulenjargon, den man nicht kennt, vielleicht nicht komischer als manches andere. Also er hat sich selbst gehasst?«

»Wenig Selbstvertrauen, so hat sein Freund es formuliert. Zwiespältigkeit.«

»Wegen seiner schwulen Veranlagung oder wegen was?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du hast nicht danach gefragt?«

»Wir können jederzeit wieder mit ihm sprechen, aber er schien nicht sonderlich viel über Guðlaugur zu wissen.«

»Und wir auch nicht«, sagte Erlendur dumpf. »Falls er vor zwanzig, dreißig Jahren nicht wollte, dass seine homosexuelle Veranlagung bekannt wurde, wird er wohl dieses Versteckspiel auch später beibehalten haben, oder?«

»Das ist die Frage.«

»Bis jetzt bin ich niemandem begegnet, der erwähnt hat, dass er schwul wäre.«

»Tja, also, dann mach’s gut«, sagte Sigurður Óli und stand auf. »Oder gibt’s sonst noch was für heute?«

»Nein«, sagte Erlendur. »Es reicht fürs Erste. Danke für die Einladung, grüß Bergþóra von mir und versuch mal, nett zu ihr zu sein.«

»Das bin ich immer«, sagte Sigurður Óli und machte, dass er wegkam. Erlendur schaute auf seine Uhr und sah, dass es Zeit für die Verabredung mit Valgerður war. Er nahm die letzte Videoaufzeichnung der Bank aus dem Apparat und legte sie oben auf den Stapel. Gleichzeitig begann das Handy zu klingeln.

Es war Elinborg. Sie hatte mit der Staatsanwaltschaft gesprochen wegen des Vaters, der seinen Sohn misshandelte.

»Was glauben die, was er bekommt?«, fragte Erlendur.

»Sie glauben, dass er ungeschoren davonkommen kann«, sagte Elinborg. »Er wird nicht verurteilt, wenn er bei seiner Aussage bleibt. Wenn er einfach alles abstreitet. Dann braucht er auch nicht eine Sekunde in den Bau.«

»Aber die Beweismittel? Die Spuren auf der Treppe? Die Drambuie-Flasche? Das deutet doch alles darauf …«

»Ich weiß nicht, warum man sich überhaupt Mühe mit so etwas macht. Gestern erging ein ebenso tolles Urteil in einem anderen Fall. Ein Mann war mit zahlreichen Messerstichen angegriffen worden. Der Täter bekam gerade mal acht Monate, davon vier auf Bewährung, was bedeutet, dass er nur noch zwei Monate abzusitzen hat. Das kapiert man doch einfach nicht.«