»Wahrscheinlich ja«, stimmte Rogero ihr zu. »Aber ganz gleich, wer es nun letztlich war, er ist professionell vorgegangen. Diese Leute müssen gefasst werden.«
»Und getötet?«
»Vermutlich. Aber erst nachdem sie ein paar Fragen beantwortet haben.«
»Verraten Sie mir eines«, sagte Ito. »Sie haben doch bei Midway alle Schlangen getötet. Was haben die Arbeiter gemacht, nachdem keine Schlangen mehr da waren, von denen sie kontrolliert und unterdrückt wurden? Sie müssen doch einen Aufstand angezettelt haben. Mussten Sie zu planetenweiten Aktionen greifen, um sie alle wieder gefügig zu machen?«
Bei diesen Worten musste Rogero an die beinahe hysterischen Massen denken, die den Tod der Schlangen auf Midway und die Vernichtung des ISD-Hauptquartiers durch General Drakons Soldaten gefeiert hatten. Er hatte gesehen, wie sich erster Ärger abzuzeichnen begann, und er hatte gewusst, dass die ausgelassene Stimmung bald umschlagen würde. »Nein. Ich konnte zwar erkennen, dass die Dinge außer Kontrolle zu geraten begannen, aber dazu kam es dann nicht. General Drakon schickte uns los, damit wir Bürger rekrutierten, die dafür sorgen sollten, dass die Feiern nicht aus dem Ruder liefen.«
»Sie haben sie rekrutiert? Das heißt, er hat diese Leute dazu verpflichtet, die anderen einzuschüchtern?«
»Nein, nein. General Drakon hat mit den Bürgern geredet. Er hat ihnen gesagt, sie müssen darauf achten, dass niemand die plötzliche Freiheit dazu missbraucht, den anderen zu schaden. Er hat ihnen erklärt, die eine oder andere bislang nicht überführte Schlange könnte versuchen, die Bürger zu Ausschreitungen zu verleiten. Er hat die Polizei auf die Straße geschickt. Wir haben die Ordnungskräfte verstärkt, und Drakon ist auch selbst auf die Straße gegangen, um die Leute zu beruhigen. Er hat ihnen gesagt, dass sie nicht nur an den Augenblick, sondern auch an den nächsten Tag denken sollten und daran, was sie tun müssen, um für ihre eigene Sicherheit und die ihrer Familien zu sorgen.«
Ito hörte ihm völlig verblüfft zu. »Aber er hat sie auch bedroht.« Es war nicht als Frage, sondern als Feststellung gemeint.
»Nein«, widersprach Rogero. »Er und Präsidentin Iceni haben den Leuten gesagt, dass sie verantwortungsbewusst handeln müssen, und sie haben ihnen auch gesagt, dass jeder, der sich nicht darum kümmert, mit Konsequenzen rechnen muss.«
»Das ist eine Drohung«, folgerte Ito. »Wie viele Unruhen hat es seitdem gegeben?«
»Kaum welche. Ein paar Demonstrationen, die von Präsidentin Iceni genehmigt werden, solange sich alle benehmen. So wissen die Leute, dass sie Gehör finden.«
Sie hatten sein Quartier erreicht, und Ito ließ Rogero mit der vertrauten, aber mühseligen Aufgabe allein, seine Gefechtsrüstung sauber zu machen. Ich liebe dich von ganzem Herzen, Honore, aber nach ein paar Tagen in dieser Rüstung miefst du wirklich schrecklich. Aber das werde ich dir natürlich nicht sagen.
An die Tage nach der Revolte, gleich nachdem wir die Schlangen bei Midway getötet hatten, habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Ich bin durch zu viele andere Dinge abgelenkt worden. Aber was wäre wohl geschehen, wenn General Drakon und Präsidentin Iceni zu den Methoden des Syndikats gegriffen hätten, um die Bürger zu unterdrücken? Wir wären unentwegt damit beschäftigt gewesen, aufbegehrende Menschen davon abzuhalten, mit uns das anzustellen, was wir den Schlangen antaten.
Wir haben die Führer bekommen, die wir brauchten, und wir haben sie genau im richtigen Moment bekommen. Ich muss immer dafür dankbar sein. Von Honore habe ich gelernt, dass es in vielen anderen Sternensystemen solche Führer nicht gegeben hat, und das haben die Menschen dort teuer bezahlt. War es Zufall, dass gerade wir Drakon und Iceni hatten? Ich glaube nicht, aber bei wem oder was soll ich mich dann für diese glückliche Fügung bedanken?
Jedenfalls nicht bei den Menschen, denn das hat unsere Fähigkeiten überstiegen.
Marphissa sah Bradamont an Bord der Manticore kommen und konnte nicht anders, als sie freudig zu umarmen. »Sie sind tatsächlich zurück!«
Bradamont lachte und staunte über diese Willkommensgeste. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und roch, als hätte man sie ein paar Tage lang lebendig begraben und eben erst wieder aus der Erde geholt. »Ich hatte mich schon gefragt, ob ich es tatsächlich hierher zurück schaffen würde. Die letzten Tage habe ich rund um die Uhr eine Gefechtsrüstung tragen müssen.«
»Ah, deshalb«, sagte Marphissa.
»Deshalb was?«
»Gar nichts. Sie wollen bestimmt erst mal duschen und sich ausruhen. Machen Sie sich um nichts weiter Gedanken. Wir werden jetzt erst mal tausenddreihundertsechsundzwanzig Syndikatsfanatiker absetzen, danach geht es weiter in Richtung Sprungpunkt. Die Lebenserhaltungssysteme auf den Frachtern werden sich ein wenig erholen, wenn diese Masse von Bord gegangen ist. Mit ein bisschen Glück müssen wir Sie für den Rest der Heimreise nicht noch mal bemühen.«
»Sagen Sie das lieber nicht«, warnte Bradamont sie. »Übrigens ist nicht jeder, der hier von Bord geht, ein Syndikatsfanatiker, Asima. Ein paar Leute wollen nur nicht nach Midway gebracht werden.«
»Selbst schuld.«
»Hat Atalia viel Theater wegen der Leute gemacht, die wir hier absetzen?«
Marphissa grinste sie breit an. »Ich habe oft genug Präsidentin Iceni in Aktion erlebt, um zu wissen, wie man so was erledigt. Ich habe Atalia gar nicht erst gefragt, ob sie die Leute nehmen würden, sondern ihnen einfach gesagt, dass wir sie schicken. Atalia hat sich nicht dagegen ausgesprochen, aber ich habe ja auch viel mehr Feuerkraft auf meiner Seite als sie.«
»Eignen Sie sich nicht die falschen Dinge an, Asima.«
Vor Bradamonts Quartier blieb Marphissa auf dem Weg zur Brücke stehen. »Eines noch, Honore. Sie sind jetzt zurück auf der Manticore. Sie können die Luke zu Ihrer Kabine natürlich geschlossen halten, aber Sie sind hier sicher aufgehoben.«
»Sie hatten mich zuletzt noch vor Ihrer Crew gewarnt«, gab Bradamont lächelnd zurück.
»Das war anfangs der Fall. Aber jetzt sind Sie schon seit einer Weile hier, und man kennt Sie. Die Sache mit dem Aufstand hat sich bereits rumgesprochen. Für die Matrosen ist das jetzt so, dass die Allianz-Offizierin der Manticore, also ihre Allianz-Offizierin, beinahe von einem Haufen Rüpel von der Reserveflotte umgebracht worden ist. Die Leute lieben Sie vielleicht nicht gerade, aber Sie gehören zur Manticore. So denkt man hier, und deshalb sind Sie hier in Sicherheit«, betonte Marphissa.
»Ich werde diese Matrosen wohl nie verstehen«, meinte Bradamont.
»Sie verstehen sie ganz gut. Willkommen zurück, Sie Allianz-Monster.«
»Ich bin froh, wieder hier zu sein, Sie Syndik-Teufelin.«
Es war nicht leicht gewesen, bei Atalia warten zu müssen, und es war auch nicht leicht gewesen, auf dem Rückweg noch einmal Kalixa durchqueren zu müssen. Aber Marphissa hatte ihre Sorgen lieber für das aufgehoben, was sie womöglich bei Indras erwartete.
Warum musste ich damit bloß richtig liegen?
»Verdammte Schlangen«, knurrte Kapitan Diaz.
Jetzt wurden sie bei Indras von drei Leichten Kreuzern und fünf Jägern erwartet, die in einer Entfernung von zehn Lichtminuten um den Sprungpunkt kreisten und dabei genau die direkte Flugroute zum Hypernet-Portal blockierten.
»Vielleicht können wir uns ja mit einem Bluff aus der Affäre ziehen«, überlegte Marphissa laut, die wieder den Anzug eines Syndikat-CEO trug. Sitz nicht zu gerade. Mach einen gelangweilten Eindruck. Gib dich so, als wärst du die wichtigste Person in diesem und jedem umliegenden Sternensystem.
Sie streckte den Arm aus und betätigte die Komm-Kontrolle, dann begann sie in dem einstudierten herablassenden Tonfall eines CEO zu reden, »Hier ist CEO Manetas. Unsere Mission nach Atalia wurde selbstverständlich erfolgreich abgeschlossen. Wir kehren mit Gefangenen nach Prime zurück, die dort Verhören unterzogen werden sollen. Alle Schiffe bleiben auf Abstand zu meiner Flotte. Manetas für das Volk, Ende.«