»Ich bete wieder«, sagte Diaz, als sie ihre Nachricht beendet hatte. »Meine Eltern haben mir beigebracht, wie man das heimlich macht.«
»Tatsächlich? Dann hoffe ich, Sie haben es auch richtig gelernt.«
Die Antwort traf viel schneller als erwartet ein. »Kommodor, die Nachricht kommt von der Syndikat-Flotte vor uns, sie ist ausschließlich für Sie persönlich bestimmt.«
Marphissa wusste, womit jetzt alle rechneten. Sie würde sich in ihr Quartier zurückziehen und die Nachricht ganz allein ansehen, die sehr wahrscheinlich besonders lukrative Angebote von Seiten des Syndikats enthielt, von denen niemand sonst etwas wissen sollte. »Ich werde sie mir hier ansehen«, erwiderte sie. »Was das Syndikat mir zu sagen hat, darf jeder mithören.«
»Ja, Kommodor«, sagte der Komm-Spezialist, dessen Miene verriet, wie angenehm überrascht er war. »Auf Ihrem Display.«
Der Mann, der sie ansah, war eindeutig eine Schlange. Eine Senior-Schlange. Bei seinem Anblick hatte Marphissa unwillkürlich das Gefühl, dass ihr das Blut in den Adern gefror, obwohl sie wusste, dass er sie in diesem Moment gar nicht sehen konnte. Dieser Blick war für viele ihrer Freunde und Bekannten das Letzte gewesen, was sie zu sehen bekommen hatten, ehe sie in ein Arbeitslager verschleppt wurden oder einfach spurlos verschwanden.
»Ich bin Sub-CEO Qui. Ich weiß nicht, wer Sie in Wahrheit sind, aber das werde ich noch herausfinden. Sie haben etwas, das die Syndikatwelten brauchen. Was wir brauchen, ist jemand wie Sie. Die Syndikatwelten brauchen gutes CEO-Material. Sie haben Ihre Fähigkeiten demonstriert, indem Sie eine beträchtliche Flotte der mobilen Streitkräfte um sich herum versammelt haben. Eine Flotte, die Ihre Befehle befolgt. Wären Sie weniger talentiert, würden Sie dieses Angebot nicht erhalten, das von der Regierung auf Prime unterstützt und garantiert wird. Wenn Sie wieder die Autorität der Syndikatwelten akzeptieren und Ihre mobilen Streitkräfte erneut dem Oberbefehl von Prime unterstellen, werden Sie mit sofortiger Wirkung in den Rang eines CEO erhoben. Außerdem garantieren wir Ihnen umfassende Immunität für jegliche Handlungen, mit denen Sie gegen Gesetze, Regeln oder Prozeduren des Syndikats verstoßen haben könnten. Vollständige Immunität und ein Aufstieg in den höchsten Dienstgrad der Syndikatwelten.«
Nach einer kurzen Pause fuhr CEO Qui mit einem frostigen Ausdruck in den Augen und einem ebensolchen Lächeln fort: »Ich hoffe, Sie erkennen die Vorteile dieses überaus großzügigen Angebots. Sie erlangen einen hochrangigen Posten und Sicherheit, während die Syndikatwelten eine sehr talentierte CEO und eine kleine, aber wertvolle Flotte aus Einheiten der mobilen Streitkräfte dazugewinnen. Sie haben keinen Widerstand von Ihren Untergebenen oder Ihren Arbeitern zu befürchten. Wir werden Sie mit einem Plan versorgen, um genügend Soldaten an Bord einer jeden Einheit zu bringen, die jeden möglichen Widerstand sofort niederschlagen.«
Dann nahm Quis Lächeln einen fast boshaften Zug an, und er redete weiter: »Sie könnten dieses Angebot natürlich ablehnen, aber das wäre eine schreckliche Vergeudung Ihrer Talente. Dann werden wir nämlich jeden Ihrer Frachter zerstören, lange bevor Sie das Hypernet-Portal erreicht haben. Das heißt, Sie werden als Versagerin heimkehren. Und Sie wissen ja, wie Versagen belohnt wird. Außerdem werden wir Ihre wahre Identität aufdecken und Ihre Familie ausfindig machen, die wir für jedes von Ihnen begangene Verbrechen verantwortlich machen werden. Was nur gerecht ist, da Ihre Familie ja ohnehin mit Ihnen unter einer Decke gesteckt haben muss. Es ist also wesentlich besser, sich für den profitablen Weg zu entscheiden. Ich erwarte Ihre Antwort auf diesem Kanal. Qui, für das Volk. Ende.«
Als die Nachricht beendet war, herrschte auf der Brücke Totenstille, wenn man von der Geräuschkulisse absah, die von den Schiffssystemen und vom Atmen der Männer und Frauen herrührte.
Schließlich begann Marphissa zu lachen und ließ dabei all ihrer Verachtung und Wut freien Lauf. »Meint er etwa, ich bin so wie er? Glaubt er, ich bin tatsächlich eine CEO der Syndikatwelten? Ist er wirklich so dumm, dass er denkt, ich verrate die Leute, dir mir folgen? Die Leute, die Präsidentin Iceni die Treue geschworen haben? Jene Leute, die für unsere Freiheit und für die Freiheit all unserer Familien gekämpft haben?«
»Ich glaube, die Antwort auf jede Ihrer Fragen ist ein deutliches Ja«, erwiderte Kapitan Diaz.
Bradamont hatte sich das Ganze angehört und schaute ungläubig drein. »Er hat das tatsächlich in der Überzeugung vorgeschlagen, Sie würden darauf eingehen?«
»Bestimmt ist er auf diese Weise CEO geworden, indem er ähnliche Angebote angenommen und die Leute verkauft hat, die auf ihn angewiesen waren«, erklärte Marphissa. »Und er ist eine Schlange. Das heißt, er meint das nicht so. Jedes Wort aus seinem Mund ist gelogen. Mich würde man so wie jeden anderen auf der Kommandoebene erschießen, und die Arbeiter würde man alle in ein Lager verschleppen. Er glaubt, meine Habgier wird über meinen gesunden Menschenverstand siegen und mich vergessen lassen, wie oft ich schon erlebt habe, was mit Leuten passiert, die dumm genug sind, den Zusicherungen einer Schlange zu glauben.«
»Werden Sie ihm das so sagen?«, fragte Diaz.
Fast hätte sie zugestimmt, doch dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ich will Zeit schinden, indem ich ihn glauben lasse, ich würde ernsthaft über das Angebot nachdenken. Je näher wir dem Hypernet-Portal kommen, bevor die mobilen Streitkräfte des Syndikats ihren Angriff starten, umso besser stehen unsere Chancen, einige Frachter in Sicherheit zu bringen.« Sie schaute sich auf der Brücke um und blickte in die Mienen, die bei ihren letzten Worten einen ernsten Ausdruck angenommen hatten. »Diese Tatsache müssen wir akzeptieren. Wir sind ihnen zwar zahlenmäßig überlegen, aber es wird sehr, sehr schwierig werden, sie daran zu hindern, auf die Frachter zu schießen. Doch wir werden unser Bestes geben.«
»Diese Frachter sind randvoll besetzt mit Arbeitern«, gab Diaz zu bedenken. »Jeder Treffer wird etliche Todesopfer fordern.«
»Wir werden unser Bestes geben!«, wiederholte Marphissa. »Lassen Sie mich dem Sub-CEO Qui eine Antwort schicken. Komm-Spezialist, können Sie mir einen digital veränderten Hintergrund geben, damit es so aussieht, als würde ich in meinem Quartier sitzen?«
»Schon erledigt, Kommodor«, antwortete der Komm-Spezialist. »Bereit zum Senden.«
Diesmal setzte Marphissa eine skeptische Miene auf, ehe sie die Antworttaste betätigte. »Sub-CEO Qui, Ihr Angebot klingt verlockend, ich wäge es momentan gründlich ab. Sie müssen verstehen, dass ich dabei natürlich behutsam vorgehen muss, um sicherzustellen, dass keiner meiner Untergebenen den Eindruck bekommt, er könnte ersetzt werden. Ich werde Ihnen in Kürze meine Entscheidung mitteilen. Ende.«
Sie sah sich um. Die Syndikatsflotte war zehn Lichtminuten entfernt, also würde es noch etwas mehr als eineinhalb Stunden dauern, ehe es zu einem direkten Kontakt mit diesen Schiffen kommen konnte. »Ich werde diesen CEO-Anzug auf der Stelle ausziehen«, verkündete sie. »Wenn ich schon kämpfen soll, dann in der Uniform von Midway.«
Nur ein paar Minuten später kehrte sie auf die Brücke zurück und traf genau im richtigen Moment ein, um den Ablauf-Spezialisten warnend rufen zu hören: »Die Syndikat-Flotte setzt sich in Bewegung!«
Marphissa betrachtete das Display, bis die neuen Vektoren der anderen Schiffe angezeigt wurden. »Sie gehen auf Abfangkurs zu uns. Ich nehme an, Sub-CEO Qui war über meine Antwort nicht erfreut.«
»Auf dem gegenwärtigen Vektor noch vierzig Minuten bis zum Kontakt«, merkte Diaz an. »Er hat gesagt, er will sich die Frachter vornehmen. Auch wenn Schlangen immer lügen, würde ich vermuten, dass er diesmal seine wahren Absichten verraten hat.«