»Manchmal«, warf Bradamont ein, »läuft es bei der Allianz-Flotte nicht anders ab.«
»Das dürfte der Grund sein, wieso Sie die Syndikatwelten nicht besiegen konnten, bevor Black Jack auftauchte«, sagte Diaz. »Und vermutlich auch, weil wir so zähe Bastarde sind.« Dann begann er zu lachen.
»Sehen Sie nach Ihrem Aufputscher, Kapitan«, forderte Marphissa ihn auf. Sie trank ihr Wasser aus und fragte sich, wie viel unbehaglicher es ihr in den verbleibenden Stunden wohl noch werden würde. Dann betätigte sie die Komm-Kontrollen. »An alle Einheiten: Es ist anzunehmen, dass Sub-CEO Qui momentan versucht, uns mit dieser langen Phase völliger Untätigkeit in Sicherheit zu wiegen, damit wir in unserer Wachsamkeit nachlassen. Bleiben Sie alle in Bereitschaft!« Wie würde jemand wie Bradamont wohl die Leute motivieren? Sicher nicht auf die typische Syndikat-Methode nach dem Motto »Wer versagt, wird es bitter bereuen«. »Sie alle haben Außergewöhnliches geleistet. Nur noch ein paar Stunden, dann haben wir gesiegt. Für das Volk. Marphissa, Ende.«
Eine weitere Stunde verstrich, ohne dass etwas geschah. Marphissa verspürte wachsende Sorge, die mit jener körperlichen Ermattung wetteiferte, die von den Aufputschern nicht völlig beseitigt werden konnte. Vielleicht hat Qui ja inzwischen erfahren, dass wir das Hypernet-Portal nicht benutzen können. Vielleicht wartet er ab, bis wir das Portal erreicht haben und feststellen, dass uns dieser Weg versperrt ist. Dann bleibt ihm noch viel mehr Zeit, uns zu zermürben. Oder er wartet einfach, bis Verstärkung im Sternensystem eintrifft, während ich versuche, diese Frachter mit Schiffen zu verteidigen, deren Crews im Stehen einschlafen und die über fast keine Brennstoffzellen mehr verfügen. Wohin soll ich dann mit diesen Schiffen springen? Wir würden es nie unversehrt bis nach Kalixa schaffen.
»Noch zwei Stunden«, murmelte Diaz, dann blinzelte er ein paar Mal, setzte sich gerader hin und klebte sich einen neuen Aufputscher auf den Arm.
Dann auf einmal änderten sich die Vektoren der Syndikat-Kriegsschiffe, die seit Stunden keine Bewegung hatten erkennen lassen.
»Sie kommen wieder auf uns zu«, rief Marphissa. »Das könnte ihr letzter Versuch sein, also werden sie alles daransetzen, bis zu den Frachtern durchzukommen. An alle: Niemand lässt auch nur einen von ihnen entwischen!«
Die überlebenden Syndikat-Kriegsschiffe — drei Leichte Kreuzer und vier Jäger — näherten sich schnell. Marphissa beobachtete sie und gelangte zu der unerfreulichen Überzeugung, dass sie diesmal ohne Rücksicht auf Verluste versuchen würden, zu den Frachtern zu gelangen. Wenn sie nicht jetzt die Frachter zerstörten oder zumindest schwer beschädigten, würden sie wohl keine weitere Gelegenheit dafür bekommen.
Der Leichte Kreuzer, der zum Ziel der Manticore bestimmt worden war, hatte sich zu einer Seite gedreht und flog zunächst steil nach oben, dann tauchte er abrupt ab, um den Abfangkurs der Manticore zu verwirren. Aber Diaz hielt sein Schiff stur auf einem Abfangkurs zum Vektor des gegnerischen Leichten Kreuzers. Sein Gesicht war grau vor Übermüdung, doch seine Augen nach wie vor hellwach. »Alle Waffen«, befahl er mit krächzender Stimme. »Feuer frei.«
Zwei Raketen schossen aus der Manticore, als der Schwere Kreuzer aus Midway auf einen Abfangpunkt zuflog, den sie so schnell passierten, dass das menschliche Auge diesen Moment nicht erfassen konnte. Gleichzeitig folgten den Raketen Höllenspeere und Kartätschen, um den Gegner mit allem Verfügbaren unter Beschuss zu nehmen. Überall rings um die Frachtschiffe näherten sich Kriegsschiffe beider Seiten und feuerten ihre Waffen ab.
Marphissa konnte nichts anderes tun als abzuwarten, welches Ergebnis diese Auseinandersetzung nach sich zog, da das eigentliche Geschehen zu schnell ablief, um noch vom menschlichen Verstand wahrgenommen zu werden.
Der Leichte Kreuzer, der von der Manticore attackiert worden war, hatte noch in letzter Sekunde ein Ausweichmanöver versucht, doch beide Raketen waren im Ziel eingeschlagen und hatten mittschiffs schwere Schäden verursacht, dicht gefolgt von den Höllenspeeren und Kartätschen, die den Bug des Leichten Kreuzers durchlöchert hatten. Alle Waffensysteme sowie etliche andere Systeme waren ausgefallen, und das Schiff, das die Explosionen aus seinem eigentlichen Kurs gedrängt hatten, trudelte hilflos davon.
Unterhalb der Frachter wurde ein weiterer Leichter Kreuzer des Syndikats im Abstand von Sekunden von den Leichten Kreuzern Harrier, Kite und Eagle getroffen, deren Beschuss zu einer Überladung der Systeme führte, die das Schiff in eine sich rasch ausdehnende Wolke aus staubfeinen Trümmern verwandelte.
Einer der nur schwach gepanzerten Syndikat-Jäger wurde von einem perfekt abgestimmten Sperrfeuer des Leichten Kreuzers Falcon getroffen und augenblicklich in Stücke gerissen.
Der Leichte Kreuzer, den die Kraken sich vornehmen wollte, tauchte fast genau hinter ihr auf und näherte sich ihr, bis er auf einmal die Zerstörung der zwei anderen Leichten Kreuzer mitansehen musste. Er brach seinen Anflug ab und flog über die Formation so nach oben, dass er sich der Waffenreichweite der Kraken entzog.
Die drei überlebenden Syndikat-Jäger, die alle schon bei vorangegangenen Auseinandersetzungen mit den Midway-Jägern Schäden davongetragen hatten, bekamen ebenfalls Zweifel an den Erfolgsaussichten ihres Vorhabens und flogen in drei verschiedene Richtungen vor der Midway-Formation davon.
Marphissa atmete tief durch und fragte sich unwillkürlich, wie lange sie eigentlich die Luft angehalten hatte. »Ich möchte zu gern wissen, ob wir Qui erwischt haben.«
»Er könnte sich auf einem der Leichten Kreuzer befunden haben, die von uns zerstört wurden«, sagte Diaz. »Oder er war derjenige, der entschieden hat, seine Haut zu retten.«
»Er ist eine Schlange«, stimmte Marphissa ihm zu, rieb sich die Augen und konzentrierte sich wieder auf ihr Display. »Sie könnten uns immer noch erwischen.« Behutsam betätigte sie die Komm-Kontrolle. »An alle Einheiten: Hier spricht Kommodor Marphissa. Das haben Sie alle sehr gut gemacht, aber wir können uns noch nicht entspannen. Bis zum Hypernet-Portal sind es noch fünfundvierzig Minuten. Ich teile die verbliebenen Ziele neu ein. Sorgen Sie dafür, dass kein Angreifer überlebt.«
Sie bestimmte den letzten Leichten Kreuzer des Syndikats als Ziel für die Manticore und die Kraken, ihre Leichten Kreuzer und Jäger sollten sich um die drei letzten Syndikat-Jäger kümmern. Sind wir in Sicherheit? Eigentlich sollte es ihnen jetzt nicht mehr gelingen können, bis zu den Frachtern vorzudringen. Aber ich darf mich nicht entspannen. Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass sie sich nicht doch noch zu einer Verzweiflungstat verleiten lassen. Ich kann mich nicht entspannen. Ich darf es nicht. Noch nicht.
»Kommodor?«
Verdutzt sah Marphissa den Senior-Wachspezialisten an, der sie angesprochen hatte. Sie musste erst ihre Gedanken neu ordnen, die sich wie besessen um die Syndikat-Flotte gedreht hatten. »Was gibt es?«
»Kommodor, unser Hypernet-Schlüssel zeigt an, dass Midway erreichbar ist.«
»Midway ist …« Sie schaute auf ihr Display, wo das Hypernet-Portal zum Greifen nah erschien.
»Wir sind da«, sagte Diaz ungläubig. »Wir sind am Portal angekommen.«
»Wann können wir aufbrechen?«, wollte Marphissa wissen. »Ist das Ziel eingegeben?«
»Wir können aufbrechen, sobald Sie den Befehl erteilen, Kommodor. Midway ist als Ziel eingegeben.«
Noch einmal sah sie nach den Syndikat-Kriegsschiffen, die sich hatten zurückfallen lassen, sodass der Abstand zur Midway-Flotte schnell größer wurde. Ihre eigenen Kriegsschiffe hielten sich immer noch in einiger Entfernung zu den Frachtern auf, doch sie befanden sich noch in einem Radius, auf den der Hypernet-Schlüssel eingestellt werden konnte. »Jetzt«, befahl sie. »Alle Schiffe.«