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»Colonel Rogero?« Marphissa musste sich anstrengen, um sich daran zu erinnern, wer das war. »Einer von General Drakons Brigadekommandanten. Er ist Ihr Freund?«

»Ja.«

Dieses eine Wort verriet das Vorhandensein von mehr Emotionen, als sie unter Freunden eigentlich üblich waren. »Ah, verstehe. Dahinter muss sich aber eine interessante Geschichte verstecken.«

»Das ist richtig.« Bradamont lehnte sich zurück und stützte sich mit einem Arm auf der Rückenlehne ihres Stuhls ab. »Worauf ich hinauswill, ist, dass ich durch Colonel Rogero begriffen habe, dass Syndiks Menschen so wie wir sind. Und dass einige von Ihnen nicht bloß Menschen, sondern sehr anständige Menschen sind. Das änderte damals allerdings nichts daran, was während des Krieges geschah. Ich musste weiter gegen Sie alle kämpfen, und ich musste dabei mein Bestes geben. Unabhängig davon, wer jeder Einzelne von Ihnen als Individuum war, kämpften Sie nämlich alle gemeinsam für etwas, dem ich den Sieg nicht gestatten durfte.«

»Ich verstehe.« Marphissa seufzte schwer und betrachtete die noch nicht fertiggestellte Tischplatte. »Ich wollte auch nicht, dass das Syndikat gewinnt, aber ich hatte Angst davor, was kommen würde, wenn die Allianz siegen sollte. Man zeigte uns Fotos von Planeten, um die gekämpft worden war und die man bombardiert hatte … Sagen Sie nichts, ich weiß es. Wir haben das Gleiche getan wie Sie. Ich wollte meine Heimat beschützen, weiter nichts. Man brachte uns bei, Sie hätten den Krieg begonnen. Wussten Sie das? Als wir Kinder waren, erzählte man uns, dass die Allianz an allem schuld war. Wenn man irgendwann alt genug war und es bis in den Dienstgrad des Executives geschafft hatte, konnte man die Wahrheit herausfinden. Dann war es kein großes Geheimnis mehr, dass ursprünglich die Syndikatwelten beschlossen hatten, diesen Krieg anzufangen. Aber was wollte man in diesem Moment noch mit einer solchen Erkenntnis anfangen? Da war schon längst der Punkt erreicht, an dem man einfach weiterkämpfte. Was hätte man sonst auch tun sollen?«

Bradamont sah sie finster an. »Sie hätten eine Revolte beginnen können, als der Krieg noch in vollem Gang war.«

»Ein paar versuchten es. Haben Sie davon nichts gehört?« Marphissa schüttelte sich, trank einen Schluck und füllte das Glas wieder auf. »Als das Syndikat noch mobile Streitkräfte im Überfluss hatte, konnten sie jede Rebellion sehr schnell niederringen. Verräter mussten sterben, und ihre Welten wurden in Trümmer geschossen. Die Familien der Verräter wurden umgebracht, oder man ließ sie in den Ruinen ihrer Städte ums Überleben kämpfen. Die Schlangen waren überall. Ein falsches Wort gehaucht, und man verschwand auf Nimmerwiedersehen. Beleidigte man einen CEO, waren auf einmal Ehepartner und Kinder spurlos verschwunden. Wir hätten eine Revolte beginnen können? Verdammt, glauben Sie denn, wir hätten das nicht versucht?«

»Das tut mir leid.« Es hörte sich so an, als würde Bradamont das ehrlich meinen. »In der Allianz-Flotte beklagen wir uns oft darüber, dass wir gegen unsere eigene Regierung kämpfen müssen, aber so etwas mussten wir nicht ertragen. Nicht mal ansatzweise.«

»Das Syndikat bezeichnet uns jetzt als Verräter«, fuhr Marphissa fort. »Aber das sind wir nicht. Soll ich Ihnen mal was Witziges verraten? Das gesamte Syndikatsystem fördert Verrat. Verrat an den Freunden, den Kollegen, sogar am Ehepartner, den Kindern und den Eltern. Doch dann verlangt das System von einem, loyal zu seinem Vorgesetzten zu sein, der einem umgekehrt keinerlei Loyalität entgegenbringt. Zum Teufel mit ihnen. Zum Teufel mit ihnen allen.« Warum sage ich ihr das? Vielleicht weil ich es nie jemandem sagen konnte, und das mein ganzes Leben lang.

Bradamont setzte einem betretenen Schweigen schließlich ein Ende. »Aber Iceni ist anders?«

»Ja.«

»Und Drakon?«

»General Drakon? Er unterstützt die Präsidentin. Mehr muss ich nicht wissen.«

»Ich dachte, die beiden herrschen gemeinsam«, wandte Bradamont ein.

»Ich nehme an, dass man das so bezeichnen kann«, räumte Marphissa ein. »Aber ich nehme meine Befehle von Präsidentin Iceni entgegen. Wie ist eigentlich Black Jack?«

»Er ist …« Sie betrachtete nachdenklich ihr Glas. »Er ist nicht, was andere von ihm erwarten. Er ist nicht weniger, sondern mehr. Er ist … echt.«

»Ist er …? Es heißt, dass er … Ich will sagen, Leute reden davon, dass er mehr ist als …«

»Er ist ein Mensch«, sagte Bradamont.

»Aber wurde er gesandt? Handelt er für mehr als nur für die Allianz?«, wollte sie wissen.

»Er hat es noch nie von sich behauptet. Ich weiß es nicht, aber das geht auch weit über meinen Dienstgrad hinaus.« Dann sah sie Marphissa forschend an. »Ich dachte, Syndiks glauben nicht an so was.«

»Religion? Glaube? Offiziell wurde davon abgeraten, weil wir alle nur an das Syndikat glauben sollten. Aber die Leute hielten an ihrem alten Glauben fest.« Marphissa machte eine beiläufige Geste. »Manchmal war dieser Glaube das Einzige, woran wir uns klammern konnten. Einige Leute glaubten so an das Syndikat, wie andere an eine göttliche Macht glaubten. Aber hier draußen wurde der Glaube der meisten Menschen erschüttert, als das Syndikat uns einfach den Enigmas überließ. Haben Sie tatsächlich ein paar Enigmas gesehen?«

Bradamont nickte und störte sich nicht an dem plötzlichen Themenwechsel. »Wir haben einen gesehen. Jedenfalls teilweise. Genau genommen haben wir nur sehr wenig über sie herausfinden können. Admiral Geary ist davon überzeugt, dass die Enigmas sogar geschlossen Selbstmord begehen würden, um zu verhindern, dass wir mehr über sie in Erfahrung bringen können.«

Es dauerte eine Weile, bis Marphissa das verarbeitet hatte. »Eine Rasse, die noch verrückter ist als wir Menschen? Wunderbar.«

»Aus deren Sicht sind sie nicht verrückt. Bei den Enigmas ergibt alles, was sie tun, auch einen Sinn. In etwa so, wie unser Krieg für Menschen an sich durchaus einen Sinn ergab.«

»Nein, da irren Sie sich«, widersprach ihr Marphissa und schenkte ihnen beiden noch einmal ein. »Wir haben alle gewusst, dass dieser Krieg verrückt war. Niemand hatte eine Ahnung davon, wie man ihn beenden sollte. Wir führten den Krieg fort, weil wir keinen Weg finden konnten, damit aufzuhören. Ich schätze, die Enigmas sind letztlich doch nicht verrückter als wir. Und was ist mit diesen schnellen Schiffen, die wir gesehen haben? Diese wunderschönen Schiffe. Können Sie etwas über deren Besatzungen sagen?«

»Die Tänzer?« Bradamont musste unwillkürlich lächeln. »Die sehen sehr, sehr hässlich aus. Und in ihrer Denkweise scheinen sie sich deutlich von uns zu unterscheiden, aber es gibt eine Verbindung zu ihnen. Sie haben uns geholfen.«

»Sie haben unsere primäre Welt gerettet.« Marphissa hob ihr Glas zum Toast. »Ich hätte niemals geglaubt, dass es möglich ist, ein bereits begonnenes Bombardement doch noch zu verhindern. Auf die Tänzer!«

»Auf die Tänzer«, wiederholte Bradamont. »Aber sie sind wirklich sehr hässlich. Hier ist ein Foto.« Sie hielt Marphissa ein Daten-Pad hin. »Ich werde Ihrer Präsidentin einen ausführlichen Bericht übergeben.«

Marphissa sah das Foto erschrocken an. »Das ist ja eine Kreuzung aus Spinne und Wolf. Ernsthaft? So sehen die aus? Und dann fliegen sie ihre Raumschiffe, als wären die ein Teil von ihnen. Wie schaffen ihre Steuersysteme das nur?«

Bradamont behielt den Schluck einen Moment lag genießerisch im Mund, erst dann ließ sie den Whiskey ihre Kehle hinablaufen. »Wir sind uns ziemlich sicher, dass sie ihre Schiffe manuell steuern.«