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Bradamont schaute von der Luke aus zu ihr. »Ist alles in Ordnung?« Hinter ihr stand Kontos, der den Korridor in beiden Richtungen im Auge behielt, ob von irgendeiner Seite Ärger nahte. Beide trugen bereits Schutzanzüge und waren gefechtsbereit.

Sowohl Kontos als auch Marphissa war aufgefallen, dass die Allianz-Offizierin sich sehr auf das Schiff, auf den Zustand der Ausrüstung, auf die Sauberkeit und Ähnliches mehr konzentrierte, sich um die Crew aber nicht zu sorgen schien. Bradamont achtete auf die Besatzung, zeigte unmissverständlich Interesse an ihr und deren Aufgaben, jedoch ließ sie nicht erkennen, dass sie in diesen Leuten potenzielle Gefahrenquellen sah. Die Schlussfolgerungen aus dieser Einstellung und die Frage, was es über die Allianz-Flotte im Vergleich zu den Gepflogenheiten der Syndikatwelten aussagte, deren Geist noch immer das Schiff bevölkerte, wurden von Marphissa mit großem Unbehagen zur Kenntnis genommen.

»Personalangelegenheiten«, antwortete Marphissa. »Es ist nur noch eine halbe Stunde bis zur Ankunft, richtig? Ich muss mich jetzt darauf konzentrieren, schließlich müssen wir alles genau richtig machen.«

»Das ist nichts, womit Sie nicht zurechtkommen könnten«, sagte Bradamont.

»Sie werden vorübergehend das Kommando haben. Sie werden die Manöver anordnen. Ich bin mir sicher, dass Präsidentin Iceni das wünscht.« Marphissa brachte ein Lächeln zustande. »Außerdem will ich dabei zusehen können, wie Sie ein Schiff im Gefecht handhaben.«

»Das möchte ich auch gern«, ergänzte Kontos.

»Sind Sie sich sicher, dass Ihre Crew damit klarkommt, wenn sie erfährt, wer ich bin?«

»Meine Leute kennen mich, und sie glauben an die Präsidentin. Und sie kennen den Ruf von Kapitan-Leytenant Kontos. Außerdem sind sie … darauf gedrillt, das zu tun, was man ihnen sagt. Das alles zusammen sollte dafür sorgen, dass die Crew die Ruhe bewahrt, bis wir unseren Auftrag erledigt haben.«

Marphissa zog rasch ihren eigenen Schutzanzug an, dann ging sie vor den beiden her zur Brücke und nahm ihren Platz neben einem unübersehbar schmollenden Kapitan Toirac ein, der selbst noch keinen Anzug trug. Die wachhabenden Spezialisten bemerkten, dass sie, Bradamont und Kontos Schutzanzüge angelegt hatten, und begannen unauffällig, ihre Freunde in anderen Bereichen des Schiffs davon in Kenntnis zu setzen, dass sich da irgendetwas anbahnte. Zwei Spezialisten sahen kurz Richtung Toirac, raunten sich irgendetwas zu und grinsten dann.

Marphissa verkniff sich einen Seufzer, während sie in Gedanken die Liste der möglichen Kandidaten durchging, die Toirac ersetzen konnten. Kapitan-Leytenant Diaz kam ihr als Erster in den Sinn. Der Stellvertretende Befehlshaber der Manticore hatte sein Bestes gegeben, um Toirac den Rücken zu stärken, und — zumindest nach Marphissas Kenntnis — zu keinem Zeitpunkt versucht, Toiracs Autorität zu untergraben. Allerdings mangelte es Diaz an offen erkennbarem Ehrgeiz, was zu Problemen führen konnte, wenn er durch eine Beförderung aus dem Umfeld geholt wurde, in dem er sich wohlfühlte. Sein Handeln dagegen ließ ihn als aussichtsreichen Kandidaten erscheinen.

Kontos, der neben Bradamont im rückwärtigen Bereich der Brücke stand, räusperte sich einmal kurz.

Marphissa überprüfte die Zeit. »Kapitan, es sind noch neunzehn Minuten bis zum Eintreffen in Midway.«

Toirac ignorierte sie.

Also gut, damit ist das Thema erledigt. Aber formal werde ich Ihnen das Kommando erst entziehen, wenn diese Operation abgeschlossen ist. Ich kann die Unruhe, die durch einen Wechsel des Befehlshabers entstehen wird, jetzt nicht gebrauchen, wenn wir so kurz davor sind, aktiv zu werden. »Versetzen Sie die Manticore in volle Gefechtsbereitschaft«, sagte sie an die Spezialisten auf der Brücke gerichtet.

»Ja, Kommodor.«

Die Spezialisten öffneten Spinde nahe ihren Wachstationen und holten die Schutzanzüge heraus. Diese Anzüge waren der Kampfpanzerung von Bodenstreitkräften hoffnungslos unterlegen, dennoch schützten sie ihre Träger vor Schrapnellen und kleineren Feuerwaffen. Außerdem versorgten sie sie mit Sauerstoff, falls der Feind ein Loch in die Schiffshülle schoss. Die Helme hingen schlaff auf dem Rücken, sie wurden im Notfall erst im letzten Moment übergezogen und unter Druck gesetzt, um die Lebenserhaltungssysteme des Anzugs möglichst lange zu schonen.

Bereitschaftsmeldungen gingen aus allen Teilen des Schiffs ein, auf Marphissas Display leuchteten nach und nach immer mehr grüne Lichter auf, da Waffen, Sensoren, Schilde und Antrieb sowie ein ganzes Heer an sekundären Systemen volle Gefechtsbereitschaft mitteilten.

Kapitan Toirac holte demonstrativ gemächlich seinen eigenen Schutzanzug heraus und streifte ihn in aller Ruhe über.

»Das Schiff ist in voller Gefechtsbereitschaft«, meldete der Senior-Spezialist.

»Fünf Minuten. Das können Sie auch schneller hinkriegen«, erwiderte Marphissa. »Nächstes Mal haben Sie vier Minuten Zeit. An alle auf der Brücke, hören Sie mir zu. In dem Moment, da die Manticore das Hypernet verlässt und Midway erreicht, übernimmt Kapitan Bascare vorübergehend das Kommando über dieses Schiff. Sie werden jeden ihrer Befehle so befolgen, als käme er von mir, unabhängig davon, was passiert. Hat das jeder verstanden? Es darf kein Zögern und kein Nachfragen geben.«

Alle Spezialisten nickten und salutierten, der ranghöchste Spezialist lächelte dabei und sagte: »Ich verstehe und werde gehorchen, Kommodor.« Er verlieh dieser alten Formulierung des unbedingten Gehorsams eine Aura aus Stolz und Ehre, dass Marphissa das Lächeln unwillkürlich erwiderte.

Bradamont stellte sich zu Marphissa.

Kontos erhaschte Marphissas Blick und beschrieb eine fragende Geste, die auf Toirac abzielte. Sie verstand, was er meinte, schüttelte den Kopf und antwortete tonlos: »Später.«

Dann bereitete sie den Befehl für die Übertragung der Identifizierung ihres Schiffs vor, achtete aber sorgfältig darauf, dass der Übertragungsweg noch abgeschaltet war und nichts abgeschickt wurde, bis sie es wollte. Die Sensoren in der Flotte von CEO Boyens erkannten die Manticore auch ohne erst die offizielle Identifizierung empfangen zu müssen. Sie hatten das Schiff oft genug gesehen und wussten um jedes Detail und jeden Kratzer, den es beim Einsatz im All davongetragen hatte. Doch die Identifizierung, die diesmal mit der Nachricht gesendet werden sollte, würde für sie eine unangenehme Überraschung darstellen.

Fünf Minuten. »Alle herhören«, sagte Marphissa. »Wenn Kapitan Bascare gleich eine Nachricht sendet, wird sie einen anderen Namen und Dienstgrad verwenden. Sie ist auf persönlichen Befehl von Präsidentin Iceni hier. Lassen Sie sich von diesem Namen und dem Dienstgrad nicht verunsichern, und zögern Sie nicht, ihre Befehle auszuführen. Ist das klar?«

Wieder nickten alle — ausgenommen Kapitan Toirac.

»Hauptantriebseinheit zwei abschalten«, ordnete Marphissa an. »Stellen Sie sicher, dass die Einheit nicht aufflammt, wenn Befehle zum Manövrieren gegeben werden, solange Sie keinen Befehl erhalten haben, die Maschine wieder zu aktivieren.«

»Ja, Kommodor«, sagte der Maschinenspezialist. »Schalte Hauptantriebseinheit zwei ab. Einheit zwei ist abgeschaltet.«

Marphissa wandte sich Bradamont zu. »Benötigen Sie diesen Platz?«

»Nein. Die Waffen gehören Ihnen. Die nötigen Steuerbefehle kann ich auch geben, wenn ich hier stehe.«

Eine Minute. »Schilde auf Maximum, alle Waffen in Feuerbereitschaft«, sagte Marphissa zu Bradamont.

Kontos hatte sich nicht von der Stelle gerührt, aber er ließ Bradamont nicht aus den Augen.

Sie verließen das Hypernet-Portal bei Midway, das Nichts rings um die Manticore wurde schlagartig von unzähligen Sternen in einem unendlichen Raum ersetzt. »Ich habe das Kommando«, verkündete Bradamont. »Drehen Sie eins sieben null Grad nach Steuerbord und zwei null Grad nach unten. Maximale Beschleunigung der Hauptantriebseinheiten eins, drei und vier.«