Togo richtete sich auf und bewegte sich zwar immer noch vorsichtig, aber nicht auf ein Minimum beschränkt. »Eine Bombe, Madam Präsidentin, unter Ihrem Schreibtisch versteckt. Mit bloßem Auge nicht zu erkennen, weil sie die Form eines hauchdünnen Blattes hat, das an der Unterseite der Tischplatte klebt. Es handelt sich um eine gerichtete Sprengladung, die Sie in zwei Hälften zerteilt hätte.«
»Bin ich immer noch in Gefahr?«
»Nicht da, wo Sie stehen, Madam Präsidentin. Die Bombe ist auf den Stuhl ausgerichtet.« Togo hielt kurz inne, sein Gesicht verriet wie üblich keine Gefühlsregung. »Der Zünder ist biometrischer Art und wird ausgelöst, wenn er Ihre körperlichen Eigenschaften wiedererkennt.«
»Biometrisch.« Auf sie eingestellt. Jeder andere hätte an ihrem Schreibtisch Platz nehmen können, und es wäre nichts passiert. Aber hätte sie dort gesessen, wäre das ihr sicherer Tod gewesen. »Ich habe von dieser Art Attentatswaffen gehört. Sie sind nicht so leicht zu beschaffen.« Sie wunderte sich darüber, dass sie auf einmal so ruhig war.
»Die Syndikatsregierung hat immer sehr streng darüber gewacht«, bestätigte Togo, der sich erneut hinkniete und unter dem Tisch hantierte. »So, jetzt ist sie deaktiviert.«
Iceni entspannte sich und drückte den Rücken durch. Sie drehte sich zur Tür um, wo die Kontrolllichter nach wie vor grün leuchteten und damit anzeigten, dass sie von niemandem abgehört wurden und dass es keinerlei Gefahren im Raum gab, weder Bomben noch andere Bedrohungen. Offenbar war nicht nur jemand hergekommen, um diese Bombe zu verstecken, er hatte sich auch noch ins System gehackt, um die angeblich völlig sicheren Sensoren zu manipulieren, damit sie vor gar nichts mehr warnten. Wann ist das geschehen? Hat man den Raum auch noch verwanzt? Wie ungestört habe ich mich hier mit Drakon unterhalten können?
Ihre gelassene Ruhe wich Verärgerung. »Dieser Raum wurde manipuliert. Wie konnte das geschehen?«
Togo ließ schuldbewusst den Kopf sinken. »Ich weiß es nicht, Madam Präsidentin. Ich werde es herausfinden.«
»Das möchte ich Ihnen auch raten. Sie haben mir zwar das Leben gerettet, aber wenn Sie Ihre Arbeit richtig gemacht hätten, wäre es gar nicht erst in Gefahr geraten. Ich muss wissen, wie es jemand geschafft hat, diesen Raum zu betreten, die Bombe zu deponieren und das Sicherheitssystem zu manipulieren, ohne dass irgendjemand etwas davon mitkriegen konnte. Und vor allem will ich wissen, wer das gemacht hat.«
»Ich werde die Antworten auf Ihre Fragen finden, Madam Präsidentin.« Togo deutete auf den Tisch. »Allerdings könnte die letzte Frage schon beantwortet sein. Diese Bombe enthält Sprengstoff mit eingebetteter militärischer Kennzeichnung.«
Militärische Kennzeichnung? Die Schlangen konnten auf eigene Bestände zurückgreifen, die keine Kennzeichnung enthielten, damit sich nie eine Spur zu ihnen zurückverfolgen ließ. Die Einzigen auf Midway, die Zugang zu speziellem militärischem Sprengstoff hatten, mussten daher …
Togo redete weiter, und das in einem Tonfall, als würde er ein Todesurteil verkünden: »General Drakon. Oder jemand aus seinem Stab.«
Acht
Unter den gegebenen Umständen fand Iceni, dass sie zwar angemessen besorgt klang, aber nicht so aufgebracht wie jemand, der nur knapp einem Attentat entgangen war. Sie hatte nach dem Zufallsprinzip einen anderen gesicherten Raum im Kommandozentrum ausgewählt, ihn nach Gefahren abgesucht und dann ihre Nachricht an Black Jack aufgenommen und abgeschickt. »Vor zwei Tagen ist noch ein Frachter vom Portal bei Nanggal bei uns eingetroffen und konnte nicht von irgendwelchen Schwierigkeiten berichten. Ich kann Ihnen versichern, dass uns Ihre Nachricht sehr beunruhigt hat. Wir haben keine Erklärung für die von Ihnen beschriebenen Probleme beim Zugriff auf andere Portale im Hypernet des Syndikats. Mein Informationsstand vor dem Bruch mit dem Syndikat war der, dass man alle in Betrieb befindlichen Portale so ausgerüstet hat, dass es nicht mehr möglich ist, sie per Fernsteuerung kollabieren zu lassen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die neue Regierung auf Prime absichtlich so gut wie alle Hypernet-Portale zerstören sollte. Die Folgen für die Unternehmen und ihre Gewinne könnte man gar nicht beziffern. Aber wie gesagt, wir wissen nicht, was geschehen ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass unser eigenes Portal irgendwelche Probleme oder Fehlfunktionen aufweist. Wir haben die Einrichtung ständig auf irgendwelche Hinweise für eine Software- oder Hardware-Sabotage überwacht, insbesondere in der Zeit, als sich CEO Boyens’ Flotte in unserem System aufhielt. Wenn Sie irgendetwas entdecken oder auf irgendwelche Anomalien in der Funktionsweise des Portals stoßen, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie uns diese Informationen überlassen könnten. Für das Volk. Iceni, Ende.«
Während sie das kleine Display über dem Schreibtisch betrachtete, wurde ihr etwas bewusst: Wäre Black Jack wie geplant aufgebrochen, dann wäre die Bombe entweder hochgegangen unmittelbar nachdem seine Flotte das System verlassen hatte oder aber so kurz vor diesem Zeitpunkt, dass ihn die Nachricht von einem Attentat gar nicht mehr erreicht hätte. Der Attentäter wollte offenbar nicht, das Black Jack etwas von dem Anschlag erfährt, was mir etwas sehr Wichtiges sagt — nämlich dass Black Jack damit nichts zu tun hat.
Die große Frage war, was sie nun machen sollte. Die alte Etikette des Syndikats verlangte nach einer entsprechenden Reaktion, also nach einem Anschlag auf Drakons Leben.
Icenis Blick war unverändert auf das Display gerichtet, aber sie nahm jetzt nichts mehr von den Schiffen wahr, die sich durch das Sternensystem bewegten. Was fühle ich eigentlich? Enttäuschung. Nein, mehr als nur das.
Wie konnte Drakon bloß so etwas tun? Und selbst wenn er den Anschlag nicht befohlen haben sollte, wie konnte er dann zulassen, dass diese wahnsinnige Morgan mir nach dem Leben trachtet? Die hätten doch alle wissen müssen, dass Sprengstoff mit einer militärischen Kennzeichnung sofort zu ihnen zurückzuverfolgen …
Der Gedanke nahm ein jähes Ende.
Ja, natürlich. Das hätten sie wissen müssen. Jetzt wach schon auf, Iceni. Würde jemand wie Drakon oder jemand aus seinem Umfeld zu militärischem Sprengstoff greifen und damit eine offensichtliche Fährte legen, wenn jeder von ihnen sowohl an handelsüblichen Sprengstoff als auch an die Bestände der Schlangen herankommen kann, die seinen Leuten bei der Eroberung des alten Schlangen-Hauptquartiers in die Hände gefallen sein müssen?
Ich werde wohl langsam alt. Warum habe ich so lange gebraucht, um das zu durchschauen?
Sie lehnte sich zurück und ließ sich noch einmal detailliert den Verlauf der Ereignisse durch den Kopf gehen. Einige Minuten später tippte Iceni eine Komm-Adresse ein. »General Drakon, ich muss mit Ihnen reden. Unter vier Augen und nicht im Kommandozentrum. Ich habe festgestellt, dass einige der angeblich völlig sicheren Räume manipuliert worden sind.«
Drakon schaute ihr fragend und besorgt aus dem Display entgegen. Das konnte sie ihm anmerken. Mit dem, was er dann sagte, hätte sie dennoch nicht gerechnet. »Sind Sie unversehrt?«
Seine erste Frage galt ihrem Wohlergehen? War wirklich sie es, dem seine sichtliche Besorgnis galt? Einen Moment lang konnte sie vor Verwunderung keinen klaren Gedanken fassen. »Mir geht es gut. Wo können wir uns treffen? Wir benötigen einen neuen und sicheren Treffpunkt, den uns niemand zutrauen würde.«