»Mir fällt nur ein Ort ein, der diese Voraussetzungen erfüllt, aber da möchten Sie vielleicht lieber nicht hingehen.«
»Und was für ein Ort wäre das?«
Drakon wartete am Eingang zum Büro, in dem früher CEO Hardrad gesessen hatte, seinerzeit Chef des ISD im Midway-Sternensystem. Der Komplex, in dem die Schlangen ihr Hauptquartier unterhalten hatten, war arg in Mitleidenschaft gezogen worden, als Drakons Truppen das schwer befestigte Bauwerk gestürmt hatten. Hardrads Büro jedoch, das tief im Inneren der Festung verborgen lag, bot nur einen einzigen Hinweis auf das Schicksal des CEO und der Schlangen auf diesem Planeten. An der Wand hinter Hardrads Schreibtisch waren noch dunkle Flecken zu erkennen, die anzeigten, wo Hardrad gestanden hatte, als Colonel Morgan ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte.
Iceni traf mit ein paar Leibwächtern ein, denen sie befahl, draußen auf sie zu warten. Sie trat ein, sah sich um und verzog den Mund. »Mit diesem Raum verbinde ich keine guten Erinnerungen.«
»Ich auch nicht«, stimmte Drakon ihr zu und gab Colonel Malin ein Zeichen, die Tür zu schließen und draußen auf ihn zu warten. »Aber wenn es auf diesem Planeten einen Ort gibt, der garantiert nicht abgehört wird, dann ist es dieses Büro.«
»Schon ironisch«, erwiderte Iceni. Sie betrachtete Hardrads Schreibtisch und den Stuhl dahinter, dann setzte sie sich kopfschüttelnd in einen der bequemen Sessel, die um einen kleinen Tisch herum angeordnet waren. »Die Schlangen haben alles verwanzt, wo sie rankommen konnten, nur nicht das Büro ihres Vorgesetzten.«
»Die CEOs der Schlangen wollen eben nicht, dass irgendjemand erfährt, was sie tun oder anordnen.« Drakon nahm ihr gegenüber Platz. »Was genau ist passiert?«
Sekundenlang musterte sie ihn, ehe sie erwiderte: »Jemand hat versucht mich umzubringen. Oder er hat versucht, es so aussehen zu lassen, als sei er bestrebt, mich umzubringen.«
Drakons Miene war sofort wie versteinert, und genauso fühlte er sich auch. »Ein Attentatsversuch? Gegen Sie gerichtet?«
»Die Bombe hatte einen biometrischen Zünder.«
Wut stieg in ihm auf und ließ die eisige Kälte verkochen. »Ich werde … Augenblick mal. Haben Sie da gerade eben gesagt, jemand hat versucht, es wie einen Attentatsversuch aussehen zu lassen?«
»Möglicherweise.« Iceni betrachtete ihn und schien verwirrt zu sein. »Sie sind ein Dilemma, General. Lassen Sie mich offen reden. Die gegen mich eingesetzte Bombe enthielt einen gerichteten Sprengsatz mit militärischer Kennzeichnung.«
»Was?« Sie warf ihm eine Enthüllung nach der anderen hin, und er brauchte Zeit, um jede einzelne davon erst mal zu verdauen. »Mit militärischer Kennzeichnung?« Er begriff, was das bedeutete, und es machte ihn nur noch wütender. »Jemand wollte mir das anhängen? Jemand wollte Sie glauben lassen, dass ich das genehmigt habe?«
»Das haben Sie nicht?«
»Nein!«
Er wunderte sich selbst darüber, mit welchem Nachdruck er ihr dieses eine Wort entgegenschleuderte. Dennoch sah Iceni ihn nur weiter grübelnd an. »Was ist mit Leuten aus Ihrem Stab? Jemand, der Ihnen nahesteht?«
»Auf keinen Fall!«, sagte Drakon. »Sie meinen Colonel Morgan, nicht wahr?«
»Das wäre eine Möglichkeit.«
»Morgan hat damit nichts zu tun«, erklärte er. »Hätte sie das geplant, dann würden Sie jetzt nämlich nicht mehr leben. Wie wurde die Bombe gefunden?«
»Jemand hat sie mit seinem Scanner entdeckt.«
»Glück für Sie, dass derjenige sich hinter Ihrem Schreibtisch aufgehalten hat.«
Iceni stutzte. »Wie soll ich das verstehen?« Ihre Stimme klang ein wenig zu gefasst, zu beherrscht.
»Sie sprachen eben von einem gerichteten Sprengsatz«, erklärte Drakon. »Den Zünder einer solchen Bombe kann man mit einem Scanner nur aus der Richtung erfassen, in die der Sprengsatz reagieren soll.«
»Tatsächlich? Hm, interessant.«
Drakon sah sie fragend an. »Wieso?«
Wieder ließ sie sich mit einer Antwort Zeit, weshalb er sich zu wünschen begann, er könnte ihre Gedanken lesen.
Plötzlich beschrieb Iceni eine knappe Handbewegung, im nächsten Moment hielt sie eine sehr kompakte, aber sehr wirkungsvolle todbringende Waffe in der Hand. »Sie wissen, dass ich Sie auf der Stelle töten könnte.«
»Ich weiß, dass Sie das versuchen könnten. Sie sollten aber wissen, dass ich über die gleiche Art von Verteidigung verfüge.«
»Ja.« Erneut folgte eine knappe Geste, und die Waffe war wieder verschwunden. »Warum haben Sie keine Reaktion gezeigt, als ich die Waffe zog?«
Er deutete auf ihr Gesicht. »Ich habe auf Ihre Augen geachtet, nicht auf Ihre Waffe. Wenn jemand eine Waffe benutzen will, dann kann man ihm das zuerst an den Augen ansehen. Sie hatten nicht diesen Blick.«
»Dann werde ich daran noch arbeiten müssen. Ich dachte, Sie würden mir vielleicht … vertrauen. Meine gesamte Lebenserfahrung«, fuhr sie fort, »und alles, was ich auf dem Weg zur CEO gelernt habe, sagt mir, dass ich niemandem vertrauen kann. In diesem Sternensystem gibt es nur einen Menschen, bei dem ich mit Sicherheit weiß, dass er nicht gegen mich arbeitet.«
Soeben setzte er zu einem Lächeln an, da redete sie weiter.
»Dieser eine Mensch ist diese Verbindungsoffizierin der Allianz. Bei ihr weiß ich, dass sie keine Schlange ist. Ich weiß, dass Captain Bradamont weder für Sie noch irgendwen sonst in diesem oder in einem der umliegenden Sternensysteme arbeitet.«
»Sie glauben, diese Offizierin führt nichts im Schilde?«, konterte er herausfordernd und mit rauer Stimme.
»Doch, ich weiß sogar, dass sie etwas im Schilde führt. Und ich denke, ihre Absichten müssten mit meinen übereinstimmen.«
»Tatsächlich? Sind Sie wirklich bereit für diese freien Wahlen, mit denen die Allianz immer so angibt?«
Iceni antwortete nicht sofort, sondern lehnte sich nach hinten, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und schaute zur Seite. »Sie haben dieses Thema schon einmal angesprochen. Ich habe das Gefühl, dass die Bürger mit den Knochen zufrieden sind, die wir ihnen hinwerfen«, entgegnete sie schließlich.
»Ich gehe davon aus, wir haben beide die gleichen Berichte gelesen«, hakte Drakon nach. »Einige Gruppen sind bereits unzufrieden und drängen auf Wahlen auf allen Ebenen bis hin zu Ihrem Posten.«
Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. »Und Ihr Posten?«
»Ich habe keinen Posten, für den man sich zur Wahl aufstellen lassen kann«, machte Drakon ihr klar. »Aber diejenigen Bürger, die über Ihren Posten abstimmen wollen, erwarten von mir, dass ich Befehle von demjenigen ausführe, den sie auf Ihren Posten wählen, und diese Vorstellung gefällt mir gar nicht.« Dann fügte er hinzu: »Früher oder später werden wir uns mit diesen Bürgern auseinandersetzen müssen. Das bedeutet, wir müssen die Mehrheit der Bürger und die Mehrheit der frei gewählten Amtsinhaber auf unserer Seite haben. Mir ist klar, was das bedeutet, und Ihnen genauso. Diese Allianz-Offizierin wird es aber wahrscheinlich nicht wissen.«
Iceni nickte und sah ihm weiter in die Augen. »Sie haben völlig recht. Aber was wollen Sie mir damit sagen?«
»Ich will Ihnen damit sagen, dass der ursprüngliche Grund für unsere Zusammenarbeit immer noch Gültigkeit besitzt. Wenn wir überleben und siegen wollen, müssen wir als Team handeln.« Ich weiß nicht, warum ich sie so unbedingt dazu bringen will, das zu glauben, aber ich will es. Außerdem ist es die Wahrheit. Wenn einer von uns auf sich allein gestellt ist, wird er untergehen.
Schließlich lächelte sie ihn an. »Genau das wollte ich von Ihnen hören. Ich bin ganz Ihrer Meinung, aber ich wollte wissen, ob Ihnen immer noch klar ist, was alles vor uns liegt. Aber ist das auch allen anderen klar? Allen, die für uns arbeiten?«
»Nein.« Es wäre sinnlos gewesen, um den heißen Brei herumzureden. »Jedenfalls nicht den Leuten, die für mich arbeiten.«