Die Front des Hauptquartiers hinter ihnen sah nicht nach der Festung aus, die sie in Wahrheit war. Man vermochte nichts von der Panzerung und den Verteidigungsanlagen zu erkennen, die hinter falschen Fenstern, Fassadenteilen und scheinbaren Verzierungen verborgen waren. Es zählte zu einer der seltsameren Entscheidungen der Syndikatsbürokratie, auf Gitter, Barrieren und andere Hindernisse an den übrigen drei Seiten des Vorplatzes zu verzichten und zu verkünden, das Hauptquartier der Bodenstreitkräfte müsse als offen und allen Bürgern zugänglich erscheinen. Aber vielleicht war diese Entscheidung ja auch gar nicht so seltsam gewesen, da es bedeutete, dass die Schlangen im ISD-Gebäude hinter ihren Verteidigungsanlagen besser geschützt gewesen waren als die Soldaten der Bodenstreitkräfte.
»Wir sollten hier ein paar Dinge ändern«, sagte Drakon zu Morgan. »Jetzt können wir es schließlich. Ein paar unauffällige Verteidigungseinrichtungen am Rand des Paradeplatzes wären sinnvoll, zumal den sowieso kein Bürger betreten darf.« Er betrachtete die drei übrigen Seiten der Freifläche, wo auf der entlegenen Seite des Zufahrtsweges zwischen dem Hauptquartier und dem Rest der Stadt einige flache, vielseitig verwendbare Gebäude standen. Viele Bürger waren zu sehen, die alle ihren Geschäften nachgingen und es dabei aus langjähriger Gewohnheit vermieden, auch nur einen Blick in Richtung Hauptquartier zu werfen. Die Schlangen hatten nur zu gern jeden verhaftet, den sie der »Observierung« verdächtigten, selbst wenn der einzige Beweis ein flüchtiger Blick auf das Regierungsgebäude gewesen war.
»Das klingt doch gut«, stimmte Morgan ihm zu und begann eine Verteidigungsanlage zu beschreiben, die in der Lage gewesen wäre, einer ganzen Armee zu trotzen.
»Vielleicht ein klein bisschen weniger«, gab Drakon ironisch zurück und war froh darüber, dass er Morgan von der Allianz-Offizierin hatte ablenken können. »Haben Sie eigentlich schon Hinweise darauf entdeckt, wer …«
Drakon sollte nie erfahren, was die Leibwächterin hatte aufmerksam werden lassen, auf jeden Fall rief die Frau eine Warnung, zückte ihre Waffe und zielte, noch bevor Sirenen zu gellen begannen, die mit automatischen Sensoren für die Überwachung der Platzfläche verbunden waren. Eine Sekunde später wurde von drei Seiten das Feuer eröffnet.
Neun
Iceni hatte den Kopf in Gedanken vertieft nach vorn gebeugt und zuckte zusammen, als ein schrilles Signal in ihrem Büro ertönte. »Was ist los?«
Der Stabsmitarbeiter, der sie von dem neben ihrem Schreibtisch geöffneten Fenster aus ansah, sprach hastig zu ihr: »Wir haben Meldungen über ein Feuergefecht in unmittelbarer Nähe von General Drakons Hauptquartier. Die automatischen Erfassungssysteme zeigen eine immer noch anhaltende Schießerei an.«
»Ein Feuergefecht?«, rief Iceni ungläubig. »Nicht bloß ein paar Schüsse?«
»Es sind bereits Dutzende Schüsse aufgezeichnet worden, Madam Präsidentin. Ich habe taktische Notfallteams von der nächsten Polizeiwache angefordert und Krankenhäuser in der unmittelbaren Umgebung alarmiert, damit sie Leute hinschicken.«
»Gut.« Sie atmete ein paar Mal tief durch und versuchte ihr Herz zu beruhigen, das zu rasen begonnen hatte.
»Berichte, Notrufe und Meldungen auf den Nachrichtenkanälen und in anderen Medien werden derzeit noch von der Zensursoftware zurückgehalten.«
»Das soll auch so bleiben, bis wir wissen, was da los ist«, ordnete Iceni an.
Der Mitarbeiter schaute zur Seite, sein Gesichtsausdruck wandelte sich von besorgt zu entsetzt. »Dutzende von unbestätigten Medienberichten besagen, dass General Drakon tot ist. Sie werden jetzt blockiert, um eine weitere Verbreitung zu unterbinden, Madam Präsidentin.«
Tot? Nein! Unmöglich! Nicht er. Wieder zwang sie sich zu ruhigen Atemzügen. »Halten Sie die ebenfalls weiter zurück. Ich will sofort alle Informationen weitergeleitet bekommen, sobald sie bekannt sind.«
»Aber wenn General Drakon …«
»Er ist nicht tot!«
Der Stabsmitarbeiter sah sie einen Moment lang an, dann nickte er. »Ich verstehe, Madam Präsidentin. Ich werde alle eingehenden Nachrichten automatisch an Ihren Platz weiterleiten.«
»Tun Sie das«, sagte sie. Ihre Stimme klang wieder beherrscht. Als das virtuelle Fenster verschwand, näherte sich ihre Hand der Komm-Einheit, dann aber zögerte Iceni. Wenn er lebt und unter Beschuss liegt, kann er keine Ablenkungen gebrauchen.
Wo zum Teufel ist Togo?
Die Leibwächterin war tot, noch bevor sie einen Schuss abfeuern konnte, das Gleiche galt für zwei weitere von seinen Leuten. Aber ihre Warnung hatte für Drakon den rettenden Sekundenbruchteil bedeutet, da er sofort in Deckung gehen konnte, um nicht weiteren Schüssen ausgeliefert zu sein, die man auf ihn abfeuerte. Das Problem war nur, dass der Platz auf Anweisung der Syndikatbürokratie eine völlig freie, leere Fläche darstellte, die so gut wie keine Deckung bot.
Drakon drückte sich neben einem der toten Leibwächter flach auf den Boden und hielt seine Waffe in der Hand, während er festzustellen versuchte, von wo aus auf ihn und seine Gruppe geschossen wurde. Massive Projektile und Energiestöße rissen gleichermaßen Löcher in den extrem gepflegten Rasen, und obwohl die Umstände für so etwas eigentlich keinen Raum ließen, konnte Drakon nicht anders, als sich an bestimmte Vorgesetzte zu erinnern, die er über sich hatte ergehen lassen. Jeder von ihnen hätte angesichts dieser Situation einen Wutanfall bekommen — weniger wegen der erschossenen Leibwächter als wegen der Verwüstungen der Rasenfläche.
Zwei Meter von ihm entfernt lag Morgan mit wutverzerrtem Gesicht neben einem anderen toten Leibwächter, sie hatte ebenfalls die Waffe gezogen und erwiderte ruhig und konzentriert das Feuer. Auch die überlebenden Leibwächter und die am Eingang postierten Wachen feuerten auf die Stellen entlang der flachen Gebäude, von wo aus ihre Angreifer sie unter Beschuss genommen hatten.
Drakon machte die Position eines der Schützen aus und betätigte dreimal hintereinander den Abzug seiner Waffe. Vor fünfzehn Sekunden haben sie das Feuer eröffnet, ging es ihm durch den Kopf, da ein Teil seines Verstands mit eiskalter Präzision die Zeit gestoppt hatte. Der Sicherheitstrupp im Hauptquartier wird innerhalb der nächsten fünfundvierzig Sekunden hier auftauchen.
Die Angreifer stellten den Beschuss seiner Wachen ein und konzentrierten ihr Feuer auf Drakon, der sich fragte, ob fünfundvierzig Sekunden wohl eine zu lange Zeit waren, um noch etwas zu bewirken. Es war schon schlimm genug, wenn man seine Gefechtspanzerung trug und mehrere Leute gleichzeitig auf einen schossen, aber jetzt und hier bestand seine Panzerung aus nichts weiter als seiner Uniform. Deren Verteidigungsmechanismen boten zwar einen gewissen Schutz, aber einem solchen Sperrfeuer hatten sie nichts entgegenzusetzen.
Morgan sah mit dunklen, aufgerissenen Augen zu ihm, um im gleichen Moment seine Situation einzuschätzen.
Plötzlich sprang sie auf und machte sich damit zum offensichtlichsten Ziel auf dem gesamten Platz.