»Morgan!«, brüllte Drakon und feuerte schnell auf ein paar von den Stellen, an denen sich die Attentäter versteckt hielten. »Auf den Boden!«
Sie ignorierte seinen Befehl und rannte los, aber das schien ihr nicht zu genügen, denn gleichzeitig schrie sie die Angreifer an und schoss wild um sich, damit sich alle Aufmerksamkeit auf sie richtete. Er wusste, dass Morgan sich wie ein Geist bewegen konnte, wenn sie das wollte. Aber jetzt gerade tat sie alles, was nur möglich war, um das Feuer der Angreifer auf sich zu lenken und Drakon aus der Schusslinie zu nehmen. Immer wieder täuschte sie an, machte dann aber einen Satz in die entgegengesetzte Richtung, um den Schützen das Zielen zu erschweren, was aber nichts daran änderte, dass sie jedem Projektil schutzlos ausgeliefert war, wenn es sie doch treffen sollte. In einem Gefecht mit entsprechender Panzerung wäre ihr Vorgehen sehr riskant gewesen, aber ganz ohne Rüstung war ihre Aktion schlichtweg selbstmörderisch.
Da Drakon sie aber nicht davon abhalten konnte, nutzte er die Ablenkung, für die Morgan sorgte, und richtete sich so weit auf, dass er kniete. Ohne sich darum zu kümmern, dass weitere Geschosse den Rasen zusätzlich umpflügten oder dicht an seinem Kopf vorbeisausten, zielte er und drückte ab. Der Schuss schickte eine Gestalt zu Boden, und Drakon suchte sofort nach dem nächsten Ziel, auf das er dann ein paar Mal schoss.
Soldaten in bedrohlich wirkenden Rüstungen quollen aus dem Haupteingang und verschiedenen Nebeneingängen. Sie trugen schwere Waffen und hielten Ausschau nach Zielen.
Der Beschuss, der auf Drakon gerichtet war, nahm ein so jähes Ende, dass ihm klar war, dass die Angreifer soeben die Flucht angetreten hatten.
Morgan hatte ihr Vorhaben verwirklicht und war dabei wie durch ein Wunder unversehrt geblieben. Jetzt sprang sie über ein Geländer und stützte sich mit einer Hand ab, um sich im Sprung drehen zu können und dort zu landen, wo sich offenbar einer der Angreifer hinter einer niedrigen Mauer versteckt hatte. Drakon sah, wie Morgan ihre Waffe abfeuerte und die freie Hand zur Faust ballte, um einen brutalen Schlag auszuführen.
»General!« Der Captain der Eingreiftruppe und ein Dutzend seiner Soldaten kamen zu ihm gelaufen und bildeten einen Kreis um ihn.
Drakon zeigte in verschiedene Richtungen und erklärte in ruhigem Tonfalclass="underline" »Die Schüsse kamen von da, da, da und da. Colonel Morgan hat bereits den Schützen ausgeschaltet, der dort drüben gelauert und auf mich geschossen hat.«
»Unsere Leute verfolgen die Angreifer bereits, Sir.«
Die Sirenen des Hauptquartiers wurden abgeschaltet, aber Drakon hörte aus der Ferne andere Sirenen, die zügig näher kamen. »Die Polizei reagiert auf die Schießerei. Passen Sie auf, dass unsere Truppen nicht versehentlich das Feuer auf sie eröffnen.«
»Jawohl, Sir.«
Drakon sah sich um. Der Beschuss war tatsächlich komplett eingestellt worden. Die Soldaten, die eine gepanzerte Mauer um ihn gebildet hatten, zogen den Kreis nach und nach etwas weiter, da Verstärkung eintraf. Drakon stand schließlich auf einer runden, freien Rasenfläche, aus der Rauchfahnen von Dutzenden Treffern aufstiegen.
Zwei Soldaten rückten ein Stück weit auseinander, durch die entstehende Lücke im Kordon zwängte sich Morgan, die einen reglosen Körper an einem Bein gepackt hatte und so hinter sich herschleifte, dass der Kopf über den unebenen Grund holperte. Als sie vor Drakon stand, ließ sie das Bein los, stellte sich neben ihre Beute und grinste ihn breit an.
»Roh«, sagte Drakon, »wenn Sie je wieder …«
»Alles in Ordnung, General?«, unterbrach Morgan ihn und atmete infolge der körperlichen Anstrengung immer noch in kurzen Zügen. In ihren Augen leuchtete eine Wildheit, die ungestümer war als jeglicher Adrenalinschub hätte ermöglichen können.
»Mir geht es gut. Das war völlig verrückt!«
»Ich habe eine ärztliche Bescheinigung, die besagt, dass ich nicht zu verrückt bin, um für die Regierung arbeiten zu dürfen, General«, gab sie zurück und brachte es fertig, noch etwas breiter zu grinsen. »Ich musste den Beschuss auf mich lenken.«
»Nein, das mussten Sie nicht«, fuhr Drakon sie an.
»Doch, Sir, das musste ich«, beharrte sie so eindringlich, dass es ihn stutzig machte. »Niemand wird Sie töten, wenn ich das irgendwie verhindern kann. Außerdem habe ich einen Gefangenen gemacht.«
»Wie viele haben Sie sehen können?«, wollte Drakon wissen, der entschieden hatte, sie nicht weiter vor anderen Leuten für ihr unüberlegtes Handeln zu ermahnen. Abgesehen davon schienen seine Worte bei ihr auch gar keine Wirkung zu zeigen. Zudem wusste er, dass sie sehr wahrscheinlich recht hatte. Wenn sie nicht wenigstens einen Teil des Feuers auf sich gelenkt hätte, wäre es ihm vermutlich nicht gelungen, bis zum Eintreffen der Soldaten durchzuhalten.
»Zwei«, sagte sie beiläufig. »Der andere, der an der Stelle gelauert hat, ist tot.«
Kopfschüttelnd kniete Drakon sich hin und musterte den Mann. »Er gehört nicht zum Militär.«
»Nein, er ist Zivilist. Er trug auch noch einen Sprengstoffgürtel, aber den habe ich bei seinem Kumpel zurückgelassen. Ich kann es nicht erwarten zu erfahren, was dieser Kerl uns beim Verhör erzählen wird.«
»Mir geht’s genauso wie Ihnen.« Drakon sprang auf und machte einen Satz nach hinten, als der vor ihm liegende Mann plötzlich zuckte und dann in anderer Haltung zurück auf den Boden sank. Nicht weit entfernt kam es im gleichen Moment zu zwei Explosionen, die so dicht beieinander lagen, dass sie fast zu einer verschmolzen, die dann von umliegenden Wänden zurückgeworfen wurde.
Morgan zog die Brauen zusammen. »Jemand hat die Sprengstoffgürtel gezündet«, stellte sie fest und kniete sich ebenfalls hin, dann zog sie ein Augenlid des Mannes hoch. »Sieht nach Nanos aus, die sein Gehirn kurzgeschlossen haben. Derjenige, der die Gürtel gezündet hat, muss gewusst haben, dass wir den hier in unserer Gewalt haben, also hat er zu einem Reserveplan gegriffen, um ihn zum Schweigen zu bringen.«
»Verdammt. Aber wir haben immer noch zwei Leichen.«
»Eine Leiche, Boss«, machte Morgan ihm klar. »Von der anderen gibt es nur noch Fetzen.«
»Okay, aber es sollte noch genug vorhanden sein, um auch den anderen Mann zu identifizieren. Wir müssen herausfinden, wer die beiden sind, damit die Polizei sich mit deren Freunden unterhalten kann, bevor die untertauchen.« Er richtete sich auf und verzog den Mund, als sein Blick auf die toten Leibwächter fiel. »Jemand wird für diesen Anschlag bezahlen.«
»Sagen Sie, wann ich loslegen soll und wer dieser Jemand ist«, sagte Morgan amüsiert.
Seine Komm-Einheit summte nach einem bestimmten Muster. Drakon zog das Gerät aus der Tasche. »Ja?«
»Artur?« Iceni klang sehr besorgt. Diese Sorge fühlte sich größtenteils gut an, aber insgeheim stellte er sich auch die Frage, ob ihre Reaktion womöglich als Enttäuschung zu deuten sein mochte, weil ein von ihr in die Wege geleiteter Plan fehlgeschlagen war. »Sind Sie verletzt?«
»Mir geht’s gut, aber ich habe drei Leibwächter verloren.«
»Was ist passiert? Ich habe etwas von einem Feuergefecht gehört, und jemand hat versucht, in den Medien die Meldung zu verbreiten, Sie seien tot.«
»Tatsächlich?«, gab er zurück. »Können Sie nachverfolgen, von welcher Quelle das kam?«
»Das versuchen wir gerade. Haben Sie die Attentäter überwältigen können?«
»Zwei von ihnen. Einer hat noch gelebt, aber er hatte ferngesteuerte Selbstmord-Nanos in seinem Körper. Jemand wollte da wirklich auf Nummer sicher gehen.«
Nach einer kurzen Pause fragte Iceni: »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«
»Sorgen Sie nur dafür, dass die Polizei und meine Truppen nicht versehentlich aneinandergeraten. Mein Gefühl sagt mir, dass die Attentäter sich in die Büsche geschlagen haben und nicht mehr aufzufinden sind.«
»Ich werde mich darum kümmern. Passen Sie gut auf sich auf.«