»Das ist korrekt«, erwiderte Bradamont.
»Ich werde mit Ihnen keine Spiele treiben, Captain. Sie wissen, Ihre Anwesenheit hier im Midway-Sternensystem ist für uns von großem Wert. Ihnen ist aber sicherlich auch bewusst, dass eben diese Anwesenheit einige Probleme verursacht.«
»Das wurde mir schon kurz nach meiner Ankunft klargemacht«, sagte Bradamont und sah zu General Drakon, der neben Iceni saß. »Ich bedaure, dass der Anschlag, der möglicherweise mir gegolten hat, so viele Menschenleben gekostet hat.«
Iceni reagierte mit einer knappen, verärgerten Geste. »Die Motive und Ziele dieses Anschlags werden immer noch untersucht. Aber der Zwischenfall wirft ein deutliches Licht auf unsere größte Sorge. Wir können es uns nicht leisten, als bloße Handlanger Admiral Gearys angesehen zu werden.«
»Admiral Geary weiß nichts von diesem Vorschlag, Madam Präsidentin.«
»Sie reden über die Dinge, die wir wissen. Ich rede darüber, wie andere diese Dinge wahrnehmen werden.« Iceni tippte auf ihr Daten-Pad. »Ich habe mich mit Kommodor Marphissas Vorschlag befasst. Sie argumentiert überzeugend, was die zu erwartenden Vorteile angeht, wenn wir die Überlebenden der Reserveflotte zurückholen. Allerdings geht sie nicht so detailliert auf die potenziellen Risiken ein.«
Bradamont schüttelte flüchtig den Kopf. »Ich habe den Vorschlag selbst nicht gesehen. Ich streite die möglichen Risiken nicht ab, allerdings gibt es auch Mittel und Wege, wie man diese Risiken auf ein Minimum reduzieren kann.«
»Ja, ich weiß.« Iceni wahrte ihre neutrale Miene, als sie sich umdrehte, um die Anzeige zu lesen. »Die Kommodor schlägt vor, dieses Minimum zu verwirklichen, indem sie zwei unserer vier Schweren Kreuzer, vier Leichte Kreuzer und sechs Jäger mitnimmt. Außerdem sechs Frachter. Zwölf Kriegsschiffe und ihre Besatzungen, dazu die Kommodor, die eigentlich die Flotte befehligt, die dieses Sternensystem verteidigen soll. Das ist eine gigantische Investition für uns.«
»Der Gewinn, Madam Präsidentin, wird aber noch gigantischer ausfallen«, hielt Bradamont dagegen. »Admiral Geary hat mich gebeten, jeden Vorschlag zu unterbreiten, der der Stärkung dieses Sternensystems dienen kann. Sie brauchen dieses Personal, das für den Einsatz auf Kriegsschiffen ausgebildet ist, Madam Präsidentin.«
Iceni hob warnend den Zeigefinger. »Erzählen Sie niemals jemandem, der das Sagen hat, was er braucht, Captain. Ich entscheide, was ich brauche. Ich muss zugeben, es gibt gute Argumente bezüglich des Nutzens, diese Leute zurückzuholen. Aber wenn sie hier eintreffen und das Syndikat hat längst wieder die Kontrolle über Midway übernommen, dann ist uns damit gar nicht gedient.«
»Wünschen Sie, dass ich offen rede, Madam Präsidentin?«
Iceni lehnte sich zurück und lächelte gezwungen. »Ich bitte darum.«
Bradamont deutete mit einer Kopfbewegung auf Icenis DatenPad. »Ihre gesamte Streitmacht aus Kriegsschiffen kann dieses Sternensystem nicht verteidigen, wenn die Syndikatwelten noch einmal eine Flotte von der Stärke herschicken, mit der CEO Boyens hergekommen war. Die einzige Sache, die Ihre Verteidigung nennenswert stärken kann, ist Ihr Schlachtschiff, aber auch erst dann, wenn es komplett ausgestattet ist, wenn die Waffen einsatzbereit sind und wenn es mit einer guten Crew besetzt ist. Sie können das Schiff ausstatten, Sie können die Waffen einbauen und in Betrieb nehmen, aber können Sie auch genügend ausgebildetes Personal finden?«
Drakon, der nach dem Anschlag auf sein Leben am Tag zuvor verständlicherweise etwas nachdenklich wirkte, sah Iceni an. Er musste nichts sagen, sein Blick war eindeutig genug: Das ist Ihre Sache, nicht meine.
»Captain Bradamont«, entgegnete Iceni schließlich. »Sie kennen die Bedrohungen, mit denen jede Streitmacht konfrontiert wird, wenn sie von Midway aus ins Allianz-Gebiet und zurück fliegt. Und trotzdem können wir es uns nicht leisten, noch mehr unserer ohnehin schon wenigen Kriegsschiffe auf den Weg zu schicken, als Kommodor Marphissa bereits vorgeschlagen hat. Wir benötigen ein paar Kriegsschiffe hier im System für den Fall, dass jemand anders als das Syndikat herkommt und uns angreift. Was besitzen wir, das die Chancen für eine Flotte auf einer solchen Mission zu unseren Gunsten weiter erhöhen kann?«
Bradamont zog die Stirn in Falten, als sie über diese Frage nachdachte. »Kommodor Marphissa hat ihr Geschick als Gefechtsbefehlshaberin unter Beweis gestellt, Madam Präsidentin.«
»Kann sie eine Streitmacht so gut befehligen wie Black Jack?«
»Nein, aber …«
»Wie viel Erfahrung besitzt Kommodor Marphissa mit den Kampftaktiken eines Black Jack? Wie viel weiß sie über seine Art, selbst dann noch den Sieg davonzutragen, wenn alle Chancen gegen einen sprechen?«
Bradamont schüttelte den Kopf. »Sie verfügt über nichts von diesem Wissen, Madam Präsidentin. Wir haben zwar kurz darüber diskutiert, aber es blieb keine Zeit für ein umfassendes Training.«
»Aber Sie besitzen diese Erfahrung und die notwendige Ausbildung.« Icenis Worte klangen wie eine Feststellung, waren aber eigentlich als Frage gemeint.
Zum ersten Mal ließ Bradamont Unsicherheit erkennen. Aus dem Augenwinkel sah Iceni, wie Drakon versuchte, sich angesichts dieser Reaktion ein Lächeln zu verkneifen. Sie hatten bereits über das Ganze gesprochen, und es war Drakons Vorschlag gewesen, der Iceni dazu veranlasst hatte, die Unterhaltung in diese Richtung zu lenken. »Ihr Befehl lautet«, redete Iceni weiter, »uns in der Weise zu assistieren, die Sie für angemessen halten. Fällt es unter diesen Befehl, bei der erfolgreichen Abholung der Gefangenen bei Varandal zu assistieren?«
»Madam Präsidentin, Ihre Kriegsschiffe werden sich nicht meinem Kommando unterordnen. Die Besatzungen werden meine Befehlsgewalt nicht akzeptieren. Das hat sich schon an Bord der Manticore gezeigt.«
»Habe ich gesagt, Sie sollen die Flotte befehligen? Sie sollen assistieren. Ich werde diesen Vorschlag nur gutheißen, wenn Sie, Captain Bradamont, damit einverstanden sind, meine Schiffe zu begleiten. Nicht als Befehlshaberin, sondern als Beraterin in allen taktischen und politischen Angelegenheiten. Ihre bloße körperliche Gegenwart auf dieser Mission könnte von großem Wert sein. Die Anwesenheit eines Captains der Allianz-Flotte könnte bei Atalia und Varandal entscheidend dazu beitragen, dass die Frachter ins Allianz-Gebiet überwechseln und die Überlebenden der Reserveflotte an Bord nehmen dürfen.«
Bradamont überlegte kurz, dann nickte sie. »Ich stimme Ihnen zu, Präsidentin Iceni, und ich denke, diese Form der Unterstützung fällt unter den Rahmen der Befehle, die ich von Admiral Geary erhalten habe. Ich werde die Mission begleiten.«
»Gut«, sagte Iceni, die ein wenig enttäuscht darüber war, dass sie Bradamont so leicht eine Zustimmung hatte abringen können. Allerdings war diese Frau ja auch eine Allianz-Offizierin, keine Allianz-Politikerin, und ganz sicher war sie nicht so gerissen wie Black Jack. »Machen Sie sich zur sofortigen Abreise bereit.«
»Sofortige Abreise?« Bradamont sah verwundert zu Drakon. »Die Frachter müssen erst noch vorbereitet werden.«
»Die Frachter stehen bereit«, merkte Drakon an. »Wir haben sechs Frachter, die zu Truppentransportern umgerüstet wurden, als wir Taroa bei der Revolte gegen das Syndikat unterstützt haben. Wir sind erst kurz vor Eintreffen der Syndikat-Flotte hier im System von Taroa zurückgekehrt. Weil dann auch noch die Enigmas aufgetaucht sind, haben wir die Frachter für den Fall im Orbit gelassen, dass einige Bürger evakuiert werden müssen.«