»Es hat mir nicht gefallen, Schiffe im Orbit kreisen zu lassen, die keinen Zweck erfüllen und nur Löcher in mein Budget fressen«, bemerkte Iceni, »aber jetzt erweist es sich als sehr praktisch, dass sie da oben geblieben sind. Es ist entscheidend, dass wir diese Operation schnell in die Wege leiten. Meine Techniker sind der Meinung, dass die Blockade des Syndikat-Hypernets, von der Black Jack betroffen war, jeglichen Zugang zu diesem Netz verhindert. Das würde bedeuten, dass die Portale bei einer Blockade auch nicht vom Syndikat benutzt werden können. Wegen der wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen wird das Syndikat nur unter ganz bestimmten Umständen und dann auch nur für kurze Zeit zu dieser Maßnahme greifen. Aber wenn dort jemand davon erfährt, dass wir diese Operation planen, könnte es passieren, dass sie unser Portal blockieren, nur damit wir nicht an Tausende potenzielle Besatzungsmitglieder für unsere Flotte herankommen.«
Drakon meldete sich wieder zu Wort: »Wir schicken Soldaten mit, die für Ordnung sorgen sollen, sobald Sie die Gefangenen an Bord geholt haben. Wir wissen nicht, ob sich unter diesen Leuten auch Schlangen befinden, und wir haben auch keine Ahnung, wie viele von ihnen den Syndikatwelten gegenüber so loyal sind, dass sie sich uns gar nicht anschließen wollen. Es dürfte zwar eine Minderheit sein, vielleicht sogar eine sehr kleine Minderheit, aber wir können diesen Leuten nicht so viel Bewegungsfreiheit einräumen, dass sie am Ende noch ein oder zwei Frachter in ihre Gewalt bringen. Die Bodentruppen werden von einem Offizier befehligt werden, der erfahren genug ist, um mit allen sich ergebenden Situationen klarzukommen.«
Drakon ließ eine kurze Pause folgen, während Bradamont ihn abwartend ansah. »Dieser Offizier wird Colonel Rogero sein.«
»Wir gehören nicht mehr zum Syndikat, Captain«, sagte Drakon, »weshalb ich Ihnen auch sagen muss, dass Sie auf Kommodor Marphissas Schwerem Kreuzer mitfliegen, während Colonel Rogero auf einem der Frachter untergebracht sein wird. Wenn Sie Atalia erreicht haben, wechseln Sie auf Colonel Rogeros Schiff.«
»So nah und doch so fern?«, fragte Bradamont. »Sie müssen Colonel Rogero nicht mitschicken, General. Ich habe bereits mein Einverständnis erklärt.«
»Rogero kommt mit«, erwiderte Drakon. »Er ist der beste Offizier für diese Mission. Außerdem weiß ich, Sie beide können zusammenarbeiten, um diese Mission erfolgreich zu Ende zu bringen.«
Iceni nickte. »Das ist General Drakons Ansicht, der ich mich angeschlossen habe. Die Tatsache, dass Sie bewiesen haben, mit Kommodor Marphissa zusammenarbeiten zu können, ist ein weiterer Faktor bei meiner Entscheidung gewesen. Haben Sie noch Fragen? Nicht? Wenn Sie der Meinung sind, dass noch irgendetwas nötig ist, um diese Mission zu einem erfolgreichen Ende zu führen, dann lassen Sie es mich oder General Drakon persönlich wissen. So, dann hätte ich jetzt noch eine Frage an Sie, die mit der Mission nichts zu tun hat. Als Black Jack zum ersten Mal in dieses Sternensystem kam, gab er seinen Dienstgrad mit Flottenadmiral an. Ich wurde allerdings darauf hingewiesen«, fuhr sie fort und warf dabei Drakon einen Seitenblick zu, »dass er sich die ganze Zeit über als Admiral bezeichnet hat und dass er bei seinen letzten beiden Besuchen die Abzeichen eines Admirals der Allianz trug. Ist Ihnen etwas über die Umstände bekannt, dass Black Jack einen niedrigeren Dienstgrad benutzt?«
»Das weiß jeder in der Flotte, Madam Präsidentin«, antwortete Bradamont. »Während des letzten Feldzugs im Krieg gegen die Syndikatwelten war er Flottenadmiral, aber sein aktueller Dienstgrad ist Admiral.«
»Was doch unter dem Flottenadmiral steht, nicht wahr?«, hakte Iceni nach. »Captain Bradamont, warum benutzt Black Jack einen niedrigeren Dienstgrad als damals, als seine Flotte zum ersten Mal die Enigmas aus diesem Sternensystem vertrieben hatte?«
»Er ließ sich sogar zum Captain zurückstufen, als wir nach diesem Kampf ins Allianz-Gebiet zurückgekehrt waren, danach wurde er wieder zum Admiral befördert.«
»Warum?«, fragte Iceni, die keinen Hehl aus ihrer Ratlosigkeit machte.
»Mir sind nicht sämtliche Gründe bekannt, aber ich weiß, zum Teil spielte eine persönliche Angelegenheit eine Rolle.«
»Eine persönliche Angelegenheit?«
»Captain Desjani«, antwortete Bradamont, als wäre damit alles erklärt.
»Wer ist das?«, wollte Iceni wissen.
»Gearys Ehefrau, Captain Tanya Desjani.« Bradamont sah zwischen Iceni und Drakon hin und her. »Davon haben Sie nichts gehört? Ich nahm an, Ihr Geheimdienst hätte davon erfahren? In der Allianz ist das gar kein Geheimnis, jeder weiß darüber Bescheid.«
Iceni sah Bradamont eindringlich an. »Wir sind hier von der Allianz weit entfernt, Captain Bradamont, und der Geheimdienst des Syndikats gibt keine Informationen an rebellierende Sternensysteme heraus. Admiral Geary war also an einer Untergebenen interessiert? Und anstatt einfach mit ihr zu schlafen, hat er sich zum Captain zurückstufen lassen, um die Beziehung eingehen zu können?«
Bradamonts Miene blieb unverändert, aber ihre Haltung hatte sich ein wenig versteift. »Die Vorschriften der Allianz-Flotte verbieten Beziehungen zwischen Offizieren und ihren Untergebenen in der Befehlskette.«
»Bei uns gibt es ähnliche Vorschriften«, gab Iceni amüsiert zurück. »Und wer bei uns die Macht hat, muss sich um diese Vorschriften nicht kümmern.«
Ihr entging nicht, wie Drakon ungewollt leicht zusammenzuckte. Schlechtes Gewissen wegen Ihrer betrunkenen Nummer mit dieser völlig durchgedrehten Morgan, General? Das sollte Ihnen auch ein schlechtes Gewissen bereiten. Oder haben Sie Angst davor, ich könnte davon erfahren, weil ich Ihrer Meinung nach noch nichts davon weiß?
»Admiral Geary hat sich stets korrekt verhalten«, erklärte Bradamont. »Er ist ein Mann der Ehre ganz im Sinne unserer Vorfahren. Admiral Geary und Captain Desjani haben alle Regeln und Vorschriften der Flotte beachtet und sich vorbildlich verhalten.«
»Ich verstehe. Vielen Dank, Captain. Wenn man Sie zurück zu Ihrem Quartier in General Drakons Hauptquartier eskortiert hat, nehmen Sie Kontakt mit Colonel Rogero auf. Er wird Ihnen einen Platz bei den Truppentransportern besorgen, um Sie nach oben auf die Frachter zu bringen.«
Iceni sah Bradamont hinterher, wie sie den Raum verließ. »Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Allianz-Offizierin so entspannt sein kann wie sie will, und trotzdem existiert da eine Barriere zwischen ihr und uns.«
»Das überrascht mich gar nicht«, erwiderte Drakon. »Für sie sehen wir immer noch aus wie der Feind.«
»Ich glaube, das ist nicht der einzige Grund. Kommodor Marphissa und Kapitan-Leytenant Kontos haben mir in ihren Berichten übereinstimmend gesagt, dass sie nicht das Gefühl hatten, Bradamont halte sich in irgendeiner Weise zurück. Und trotzdem kommt sie mir immer dann reserviert vor, wenn sie mit uns zu tun hat.«
Drakon schnaubte gereizt. »Kommodor Marphissa war eine Executive im unteren Mittelrang, sie hat keine Entscheidungen getroffen, aber sie musste die Entscheidungen ausbaden, die von ihren Vorgesetzten getroffen wurden. Das trifft auf Kontos sogar noch deutlicher zu. Wir beide dagegen waren CEOs, ein Teil der Hierarchie der Syndikatwelten. Wir hatten das Sagen.«
»Aber nicht in dem Maß, das uns lieb gewesen wäre« wandte Iceni leise ein.
»Stimmt, und deshalb sitzen wir jetzt hier. Aber es wundert mich nicht, dass wir für eine Allianz-Offizierin eine andere Kategorie darstellen als das jüngere Personal. Wir sind CEOs, wir haben Dinge verbrochen.«
Eine Zeitlang sah sie ihn nur schweigend an, während sie versuchte, Klarheit in ihre Gefühle zu bringen. »Ich habe getan, was ich tun musste. Sie genauso.«
»O ja«, erwiderte Drakon.
Es war nur eine kurze Antwort, aber die damit verbundenen Empfindungen waren für Iceni deutlich zu erkennen. »Ich habe getan, was ich tun musste« ist nicht die Art von Text, die man später einmal auf seinem Grabstein lesen will. Unglücklich über die Richtung, die die Unterhaltung eingeschlagen hatte, deutete sie nach oben. »Das Syndikat ist uns bei den Tricks mit dem Hypernet einen Schritt voraus. Ich habe so ein Gefühl, dass die Allianz sogar noch weiter hinterherhinkt als wir.«