»Also sieben- oder achthundert Angreifer maximal?«, fragte Drakon.
»Vorausgesetzt, Haris’ Schiffskommandant hält sich an die Doktrin.«
Malin hatte unterdessen erkannt, worauf Drakons Fragen abzielten, und begann flüchtig zu lächeln. »Siebenhundert Mann in Schutzanzügen und mit Handfeuerwaffen?«
»Ja«, stimmte Drakon ihm zu. »Vielleicht noch ein paar Leute von einer Spezialeinheit dazwischen, aber höchstens ein paar Züge.«
»Höchstens ein Zug«, korrigierte ihn Iceni. »Und statt einer Spezialeinheit wohl eher Haris’ Schlangen. Woran denken Sie, General?«
»Ich denke, Madam Präsidentin, wenn das auf eine Enteroperation hinausläuft, dann haben wir es mit einer Situation zu tun, in der Bodenstreitkräfte die Chancen deutlich verbessern dürften.« Drakon beugte sich zu ihr vor. »Wäre das Schlachtschiff mit Personal der mobilen Streitkräfte komplett bemannt, dann könnten wir es nicht mit gepanzerten Bodenstreitkräften vollstopfen. Aber es ist sogar so gut wie leer, also gibt es da Platz genug für Soldaten. Und wenn das Enterteam dieses Schlachtkreuzers die Lücke zwischen zwei Schiffen mit einem großen Sprung überwinden kann, dann können meine Soldaten auch die Lücke zum Schlachtkreuzer mit einem solchen Sprung bewältigen.«
»Ganz so einfach ist das nicht.« Iceni biss sich auf die Lippe, und ihre Augen ließen erkennen, dass sie etwas durchrechnete. »Aber es könnte zu schaffen sein. Die Spezialisten meiner mobilen Streitkräfte können Ihren Leuten sagen, welche Verteidigungsmittel der Schlachtkreuzer zum Einsatz bringen kann, um seinerseits Enterversuche abzuwehren. Das müsste aber völlig überraschend geschehen. Die dürfen nicht erfahren, dass es auf dem Schlachtschiff von Soldaten wimmelt.«
»Sechs Tage.« Drakon sah Malin an. »Kriegen wir das hin? Können wir genügend Soldaten zum Schlachtschiff bringen, bevor Haris’ Flotte im System eintrifft und auf unsere Vorbereitungen aufmerksam werden kann?«
Malin kniff ein wenig die Augen zusammen, während er im Geiste den Ablauf durchging. Schließlich nickte er. »Ich werde meine Schätzung noch überprüfen müssen, Sir, aber wir sollten es schaffen können, wenn wir unsere Leute schnellstens in den Orbit bringen. Im Orbit befindet sich ein Frachter, der zum Passagiertransporter umgebaut worden ist und der in Kürze abreisen wird. Wenn die Kriegsschiffe der Präsidentin diesen Frachter auffordern zu warten, können wir ihn für unsere Leute benutzen.«
Iceni wandte sich zu Togo um. »Informieren Sie die Orbitalüberwachung, dass der Frachter den Orbit nicht verlassen soll.« Sie sah wieder zu Drakon. »Sie haben mit Enteroperationen keine Erfahrung, oder?«
»Nein, aber ich finde, wir sollten es so versuchen, und ich sollte die Operation befehligen.«
Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und ließ die Stirn auf ihre verschränkten Hände sinken. »Sagen Sie, wir sollen es versuchen, weil es unsere einzige Option ist, General?«, fragte sie ihn schließlich. »Oder sagen Sie es, weil es funktionieren könnte?«
»Es ist nicht unsere einzige Option. Wie Colonel Malin bereits erwähnt hat, können wir das Schlachtschiff sprengen und damit auch den Schlachtkreuzer zerstören. Aber ich bin der Meinung, dass eine Enteroperation von unserer Seite machbar sein könnte. Wenn es zutrifft, was Sie mir über die Vorgehensweise des Schlachtkreuzers gesagt haben, dann ist es einen Versuch wert.«
»Und wenn es Haris nur darum geht, unser Schlachtschiff zu zerstören?«
Drakon dachte kurz darüber nach, dann verzog er missmutig die Mundwinkel. »Dann wären wir angeschmiert.«
»Wir würden das Schlachtschiff verlieren«, sagte Iceni, »außerdem jeden, der sich an Bord befindet. Crew, Soldaten und deren Befehlshaber, wer immer das in dem Moment auch sein wird. General, wir können es uns nicht leisten, diese Leute zu verlieren.«
Drakon zog die Brauen hoch und lehnte sich nach hinten. »War das gerade eben ein imperiales ›wir‹?«
»Das können Sie halten, wie Sie wollen.« Iceni reagierte mit einem finsteren Blick. »Wer wird Ihr Nachfolger als Befehlshaber der Bodenstreitkräfte, wenn Sie auf dem Schlachtschiff umkommen? Wer wird Ihr Nachfolger als Mitherrscher über diese Welt? Ich bin nicht dumm. Ich weiß, es gibt Leute, die Ihnen folgen, die mir aber nicht folgen würden. Diese Operation muss von jemand anders befehligt werden.«
»Es freut mich zwar, dass Sie nicht wollen, dass mir etwas zustößt, aber das Erteilen von Befehlen …«
»Ich kann Sie nicht zwingen, Vernunft anzunehmen, und ich kann Sie auch nicht zwingen, meine Befehle auszuführen, aber ich weiß, das muss ich auch gar nicht.« Iceni nickte ihm zu. »Sie sind klug genug, um zu wissen, dass ich recht habe.«
Drakon schaute zur Seite. Sie ist wirklich gut. Sie lobt mich, klug genug zu sein, um zu wissen, dass sie recht hat. Wenn ich jetzt widerspreche, benehme ich mich so, als wäre ich doch nicht klug genug.
Colonel Malin räusperte sich. »Sir, Colonel Gaiene hat mindestens eine Enteroperation durchgeführt.«
»Tatsächlich?«, gab Drakon zurück, froh darüber, dass Malin ihm mit seinem Vorschlag einen Ausweg aus dieser Situation ermöglichte. »Er wäre der richtige Mann für diese Operation. Die verlangt nach jemandem mit seinen Talenten.«
»Colonel Gaiene?«, fragte Iceni frostig. »Seine Talente? Heißt das, die Operation erfordert den Konsum großer Mengen Alkohol und die Verführung jedes weiblichen Wesens, das in Begrapschreichweite von Gaiene gerät?«
Drakon schüttelte den Kopf. »Conner Gaiene weiß, wann Schluss ist. Und er ist genau in den Dingen gut, die diese Operation erfordert.«
»Das kann ich wirklich nur schwer glauben«, konterte sie.
»Sie wissen, warum er so ist, wie er ist. Und Sie haben auch gesehen, wie er sich auf Taroa geschlagen hat.« Drakon legte die Faust zwischen ihnen auf den Tisch. »Ich werde Colonel Gaiene nicht aufs Abstellgleis schieben.«
Einen Moment lang sah sie ihn nur an. »Sie meinen, weil er nicht lange durchhalten wird, wenn er keine Verantwortung mehr hat, die ihn mit dem Mann verbindet, der er mal gewesen ist?«
Drakon zögerte, dann reagierte er mit einer absichtlich vagen Geste. »Ich meine das, weil er seine Aufgaben erledigt; besonders diese hier. Weil er der beste Offizier für diese Mission ist.«
»Wäre Colonel Rogero noch hier, würde ich Ihnen vermutlich weiterhin widersprechen. Was ist mit Colonel Kai?«
»Colonel Kai«, antwortete Malin, »hat keinerlei Erfahrung mit Weltraumeinsätzen.«
Für ein paar Sekunden schaute Iceni vor sich auf den Boden, schließlich nickte sie. »Also gut, Gaiene kann das Kommando führen.« Sie beugte sich vor und sagte sehr leise zu Drakon: »Sie haben zu viele wandelnde Kranke in Ihrem Stab, General.«
»So etwas bringt ein Krieg mit sich«, erwiderte er im gleichen Tonfall.
»Trifft das auf Sie auch zu?«
»Aber natürlich.«
Sie lehnte sich wieder nach hinten. »Ich muss die Entscheidung treffen.«
»Wieso?«
»Es geht um mobile Streitkräfte. Wenn wir das so machen, dann sind zwar etliche von Ihren Leuten daran beteiligt, aber letztlich ist es eine Operation der mobilen Streitkräfte. Es fällt in meine Verantwortung, diesen Befehl zu geben.«
Drakon lächelte sie schief an. »Das haben Sie aber nicht gelernt, als Sie eine CEO für das Syndikat wurden.«
»Sie meinen, Verantwortung für meine Entscheidungen zu übernehmen? Nein, das habe ich beim Syndikat in der Tat nicht gelernt«, bestätigte sie und seufzte leise. »Ich sage, wir machen es so.«
Drakon drehte sich zu Malin um. »Nehmen Sie Kontakt mit Colonel Gaiene auf. Sagen Sie ihm, der größte Teil seiner Brigade soll am besten vorgestern bereit für einen Flug in den Orbit sein. Volle Gefechtsausrüstung und Verpflegung für zwei Wochen. Wie viele Truppentransporter haben wir?«
»Wir haben genügend Shuttles«, sagte Malin.