»Haben wir den Frachter aufgefordert im Orbit zu bleiben?«, wollte Iceni von Togo wissen.
»Ja, Madam Präsidentin.« Togo war wie üblich nicht anzumerken, was er von dem soeben entschiedenen Plan hielt. »Der Frachter sollte eigentlich innerhalb der nächsten Stunde nach Kahiki abreisen, aber er wurde angewiesen, den Orbit nicht zu verlassen. Der Executive des Schiffes hat offiziell Protest eingelegt.«
»O nein, ein Protest?« Iceni musste lachen. »Sagen Sie diesem Executive, dass sein Frachter soeben angeheuert worden ist. Er kann das wahlweise mit der Aussicht auf eine Entlohnung akzeptieren, oder aber …«
Fast schien Togo zu lächeln. »Der Executive wird sicher verstehen, welche Konsequenzen zu erwarten sind, wenn er ein Angebot der Präsidentin ablehnt.«
»General«, sagte Malin und sah von seinem Datenpad auf. »Wenn wir den Frachter in weniger als acht Stunden beladen, könnte er den Gasriesen so zügig erreichen, dass er weniger als einen Tag dafür benötigt.«
»Dann wollen wir doch mal sehen, wie viele Truppen wir innerhalb von acht Stunden an Bord unterbringen können«, wies Drakon ihn an. »Und schaffen Sie alles und jeden von dem Schiff, den wir nicht unbedingt brauchen.«
Nachdem Malin gegangen war, um die Befehle weiterzuleiten, hob Drakon die Hand, damit Iceni nicht auch aus dem Raum eilte. »Können wir uns unter vier Augen unterhalten?«
Sie sah zu Togo und zeigte auf die Tür. Der Mann zögerte kurz, ließ sie beide dann aber allein. »Was gibt es denn?«
»Ich muss wissen, welches Problem es seit ein paar Tagen gibt. Hat Ihnen jemand erzählt, ich hätte die Bombe in Ihrem Büro platziert?«
Iceni lächelte ihn humorlos an. »Natürlich hat das jemand gemacht, aber ich habe keine Belege, die diese Behauptung stützen könnten.«
»Sie scheinen es trotzdem zu glauben«, sagte Drakon schroffer als eigentlich gewollt.
»Ich … wieso sagen Sie das?«
»Weil Sie sich entsprechend verhalten«, antwortete er geradeheraus. »Hören Sie, ich kann ja verstehen, dass Sie mich nicht mögen. Wenn Sie so empfinden, bitte. Aber ich dachte, wir könnten zivilisiert zusammenarbeiten.«
Iceni betrachtete ihn verdutzt. »Sie glauben, ich mag Sie nicht?«
»Ich bin kein Idiot.«
»In diesem Punkt scheinen wir völlig gegensätzlicher Meinung zu sein, General Drakon.«
»Was?«
Sie seufzte und sah nach oben, als flehe sie eine höhere Macht um Beistand an, an die sie nach der Lehre des Syndikats gar nicht glauben durfte. Dann schaute sie wieder Drakon an. »Es ist nicht so, dass ich Sie nicht mag.«
»Was? Es ist nicht so, dass Sie mich nicht mögen?«
»Das habe ich doch gerade gesagt.«
»Könnten Sie mir auch erklären, wie ich das verstehen soll?«
»Sie sollen es so verstehen, dass wir zusammenarbeiten können«, sagte sie und schaute aufgebracht drein. »Artur, Sie können kein so völliger Idiot sein!«
Will sie mich wütend machen? Plötzlich kam ihm etwas in den Sinn. »Augenblick mal, wenn es nicht so ist, dass Sie mich nicht mögen …«
»Vorfahren!«, rief sie an die Zimmerdecke gerichtet. »Rettet mich!« Dann warf sie Drakon einen giftigen Blick zu. »Von uns beiden muss ich wohl der völlige Idiot sein!«
Ihr Tonfall ärgerte ihn nur noch mehr. »Was zum Teufel reden Sie denn da?«
»Vielleicht werden Sie ja dahinterkommen, solange wir beide noch leben! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, wir müssen ein Schlachtschiff retten!«
Mit diesen Worten stürmte Iceni aus dem Raum, während Drakon noch immer rätselte, was das Ganze nun sollte.
»Ich sollte das erledigen«, beklagte sich Morgan.
»Gaiene kriegt das schon hin«, erwiderte Drakon.
»Er und dieses Bübchen auf dem Schlachtschiff?«
Drakon stützte das Kinn auf seiner Faust auf, während er Morgan ansah. »Sie mögen Kontos nicht? Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie ihm lange, geschwätzige Mitteilungen geschickt haben.«
Anstatt sich schuldbewusst zu zeigen, grinste Morgan bloß. »Ich flirte wie verrückt mit ihm.«
»›Flirten‹ ist eine ziemlich harmlose Bezeichnung«, stellte er fest.
»Gut, dann will ich ein bisschen mehr als nur flirten. Ich will den Jungen auf mich aufmerksam machen. Ich will, dass er mit seinem Schlachtschiff tut, was ich und was Sie wollen.«
»Sie versuchen, Kontos gegen Icenis Willen aufzuwiegeln?« Die Seite an ihm, die nur die nackte Realität und die mit ihr einhergehenden Anforderungen wahrnahm, konnte den Nutzen einer solchen Taktik erkennen. Die andere Seite dagegen, nämlich die, die Gwen Iceni kannte, sträubte sich gegen den Gedanken, auf dem Umweg über einen Offizier der mobilen Streitkräfte ihre Autorität zu unterhöhlen.
Wenn Morgan aber Kontos umdrehen kann, dann muss Gwen das erfahren. Auch wenn sie sich so verhält, als ärgert sie sich den ganzen Tag lang über mich, verdient sie weiterhin meinen Rückhalt. Schließlich bin ich auch auf sie angewiesen.
»Und wie kommt Ihr Plan voran?«, erkundigte sich Drakon.
Morgan winkte ab. »Der ist noch in Arbeit. Wenn ich es schaffe, mit ihm allein zu sein, dann kann ich den unschuldigen Jungen bestimmt dazu bringen, ihre königliche Majestät die Präsidentin völlig zu vergessen.«
Drakon schüttelte den Kopf und versuchte, seine Reaktion auf ihre Worte zu überspielen. »Mir behagen solche Taktiken nicht.«
»Ich werde Kontos ja gar nicht an mich ranlassen«, fuhr Morgan amüsiert fort. »Männer lassen sich vor allem dann zu allen möglichen Dummheiten verleiten, wenn man ihnen in Aussicht stellt, dass man sie später zum Zug kommen lassen könnte.« Als hätte sie gemerkt, dass Drakon das als eine herabwürdigende Anspielung auf das auslegen könnte, was zwischen ihnen bei Taroa vorgefallen war, wurde sie mit einem Mal ernst. »Außerdem gehe ich nicht mit jedem erstbesten Mann ins Bett, auch wenn dieser Wurm Malin vermutlich was anderes über mich verbreitet.«
»Colonel Malin ist nicht Gegenstand unserer Unterhaltung, und er hat auch keine derartigen Anschuldigungen gemacht.« Wenn man überlegt, wie groß Malins Abneigung gegenüber Morgan ist, dann ist es schon etwas eigenartig, dass er noch nie auf Morgans Eskapaden zu sprechen gekommen ist. Aber er ist auch eigentlich nicht der Typ, der solchen Tratsch als Waffe gegen eine Frau einsetzte. Mag sein, dass er Morgan bei diesem Zwischenfall im Orbit versucht hat zu töten. Aber es kann auch sein, dass er sie davor bewahrt hat, getötet zu werden; worauf er ja auch beharrt, obwohl diese Version sehr unwahrscheinlich ist. Aber zumindest hat er Morgan noch nie als Schlampe bezeichnet. Ich schätze, seine Mutter hat ihn gut erzogen. »Selbst wenn Sie nichts weiter tun, als ihm etwas in Aussicht zu stellen, was Sie ihm nie geben werden, erinnert mich das Ganze viel zu sehr an eine Hinterlist, zu der die Schlangen greifen würden, um jemanden in eine Falle zu locken.«
Morgan zuckte gelassen mit den Schultern. »Wenn der Feind etwas Geschicktes tut, weigern Sie sich dann, das Gleiche zu tun, nur weil der Feind vor Ihnen auf diese Idee gekommen ist? General, es wäre extrem nützlich für uns, wenn wir die eigentliche Kontrolle über dieses Schlachtschiff hätten. Sie wissen immer noch nicht, wer Ihnen und vielleicht ja auch mir diese Attentäter auf den Hals gehetzt hat. Aber Sie können die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die Präsidentin unliebsame Konkurrenz aus dem Weg räumen will. Wenn Sie wollen, dass Gaiene diese Operation leitet — von mir aus. Aber lassen Sie mich mitgehen, damit ich Kontos etwas … näher kommen kann. Um sein Interesse zu verstärken, damit er tut, was wir wollen.«
»Nichts für ungut, Roh, aber mit der Taktik sind Sie schon bei Black Jack nicht sehr weit gekommen.«
Sie schnaubte verächtlich. »Malins Anwesenheit hat gestört. Und die Anwesenheit dieser Frau, mit der Black Jack offenbar schläft. Ich hätte Black Jack schon rumgekriegt, wenn Malin nicht da gewesen wäre. Dieses Allianz-Mauerblümchen war nicht der Rede wert.«