»Vor sechs Stunden.« Safir deutete auf einen Teil des Displays. »Er fliegt gemütlich zurück, so als wäre er auf dem Rückweg von einem routinemäßigen Versorgungsflug. Der letzte Soldat und der letzte Rest Ausrüstung sind vor fünf Stunden an Bord geholt worden.
»Gut gemacht!« Gaiene unterstrich sein Lob mit einer extravaganten Geste. »Unsere neuen Freunde aus Ulindi werden hier nichts Ungewöhnliches entdecken.«
»Nur ein funktionsunfähiges Schlachtschiff mit minimaler Besatzung, das man sich einverleiben kann.« Safir wurde ernst und sah Gaiene skeptisch an. »Was meinen Sie, wie unsere Chancen stehen?«
»Wenn unsere Gegner siegessicher sind? Dann gar nicht so schlecht. Und sie haben allen Grund siegessicher zu sein, denn wenn wir nicht mal einen Tag Vorwarnung gehabt hätten, dann wäre ihre Haltung sogar gerechtfertigt. Und dieses Schlachtschiff wäre für uns verloren.« Gaiene schürzte nachdenklich die Lippen. »Wir müssen überlegt vorgehen und dafür sorgen, dass unsere Leute richtig aufgeteilt werden, damit sie unsere Gäste angemessen empfangen können. Wie schnell sind die überhaupt?«
»0,1 Licht. Die mobilen Streitkräfte haben das korrekt eingeschätzt.«
»Immerhin ist das ja auch ihr Schlachtfeld.« Gaiene betrachtete die weit entfernten Hai-Konturen und die darunter angezeigten Vektordaten. »Wenn sie die Geschwindigkeit beibehalten, haben wir mehr als einen Standardtag Zeit, um uns auf ihren Empfang vorzubereiten.«
Wieder musste Safir lächeln. »Irgendwie eigenartig, dass wir jetzt zusehen können, wie unser Gegner fünfundzwanzig Stunden lang auf uns zurast. Es sieht aus, als würden sie in irgendeiner Masse feststecken und könnten sich kaum von der Stelle rühren.«
»Und in Wahrheit befinden sie sich mitten im Nichts und bewegen sich rasend schnell.« Gaiene sah Safir an. »Sie haben doch schon mal Enteroperationen mitgemacht, nicht wahr?«
»Nur einmal. Als Junior Executive. Das ist schon eine Weile her.«
»So geht es uns allen«, sagte Gaiene mit gespielter Traurigkeit und entlockte ihr mit seiner kaum verhüllten Anspielung erneut ein Lächeln. »Aber wir reden hier von Enteroperationen, nicht von persönlichen Problemen. Wir von den Bodenstreitkräften sind hier im All nicht in unserem Element. Das All ist zu groß, zu schnell, zu fremdartig; ganz im Gegensatz zu einem Planeten, einem Asteroiden oder einer Orbitalstation. Begrenzen wir also die Zeit, die wir während dieser Operation im All verbringen müssen, auf ein Minimum. Wir kämpfen hier auf dem Schiff, anschließend kämpfen wir auf dem anderen Schiff weiter. So einfach ist das.«
»Nur mit dem Problem, dass alles Einfache eigentlich sehr schwierig ist.«
Gaiene nickte anerkennend. »Sie haben die Klassiker gelesen. Sehr gut. Haben Sie vor, diese Brigade zu befehligen?«
Safir lächelte diesmal viel verhaltener. »Ich bin damit zufrieden, Stellvertreterin zu sein.«
»Das war ich auch.« Der damalige Brigadekommandant war im gleichen Gefecht gefallen wie … Gaiene spürte, wie sich die Finsternis auf ihn legte, und er versuchte das Thema zu wechseln. »Gehen wir noch einmal durch, wo jeder Einzelne in dieser großen mobilen Einheit seine Position einnehmen wird. Ich will, dass die gesamte Brigade eine Stunde vor Eintreffen unserer Gäste einsatzbereit ist.«
»Jawohl, Sir.« Safir rief einen Deckplan des Schlachtschiffs auf, dann machten sie sich an die Arbeit.
Schlachtschiffe hatten normalerweise mehrere tausend Besatzungsmitglieder an Bord. Bis vor Kurzem hatten sich auf der Midway aber nur ein paar hundert aufgehalten, und der größte Teil davon war auf die Ausrüster entfallen, also Spezialisten, die sich um die Einrichtung eines Schiffs kümmerten, die nicht zu den mobilen Streitkräften gehörten. Sie hätten zwar versuchen können, sich gegen die Art von Enterteams zu wehren, die sehr wahrscheinlich vom Schlachtkreuzer an Bord übersetzen würden, aber sie hätten letztlich nichts gegen sie ausrichten können.
Doch ein Kriegsschiff, das Tausenden von Besatzungsmitgliedern Platz bot, konnte mühelos auch tausend Soldaten Platz bieten.
»Die letzten Ausrüster haben die Midway verlassen und auf der Orbitalstation Schutz gesucht«, meldete der tatsächlich sehr junge Kapitan-Leytenant Kontos. »Wenn der Schlachtkreuzer das von mir erwartete Manöver ausführt und mit hoher Geschwindigkeit näher kommt, um dann massiv abzubremsen, werden sie in weniger als einer Stunde hier eintreffen.«
Wie seine Soldaten trug auch Colonel Gaiene Gefechtsrüstung und wartete an der Stelle im Schlachtschiff, von wo aus er den Kampf beginnen würde. Er musterte den jugendlichen Kapitan-Leytenant Kontos mit einem wohlwollenden Blick, der jeden Anflug von Melancholie oder Wehmut überdeckte. So jung und enthusiastisch war er auch einmal gewesen; doch das war schon allzu lange her, wie es ihm heute schien. Aber hin und wieder gelang es jemandem wie Kontos, ihm dabei zu helfen, sich zu erinnern. »Haben die Ausrüster auch ein überzeugendes Maß an Panik zur Schau gestellt?«, fragte er.
»Wenn ich nicht wüsste, dass es nur gespielt war, hätte ich ihnen ihre Eile tatsächlich abgenommen«, erwiderte Kontos erfreut. »Unter uns gesagt vermute ich, dass ein paar Ausrüster tatsächlich in Panik waren.«
»Das denke ich auch.«
»Die Gryphon und die Basilisk sind zwei Lichtminuten von uns entfernt. Sie erwecken tatsächlich den Eindruck, als würden sie nur auf einen Vorwand warten, um ganz schnell auf noch größeren Abstand zu gehen. Die Streitkräfte von Supreme CEO Haris haben beiden Kreuzern das Angebot unterbreitet, zu ihnen überzulaufen. Man bietet ihnen Reichtum, schnelle Beförderung und mehr Glück, als sich irgendein Mensch vorstellen kann.«
Gaiene konnte darüber nur spöttisch lächeln. »Klingt ja verführerisch.«
»Ich glaube nicht, dass die Gryphon und die Basilisk sich in Versuchung führen lassen werden«, erwiderte Kontos völlig ernst. »Das Personal der mobilen Streitkräfte, das sich noch an Bord der Midway befindet, hat sich komplett in die Zitadellen zurückgezogen. Wir werden die Zugänge versiegeln, wenn sich der Schlachtkreuzer nähert.« Kontos machte einen unzufriedenen Eindruck. »Ich wünschte, ich könnte Sie bei Ihrer Operation stärker unterstützen, aber wenn wir eine von unseren wenigen verfügbaren Waffen abfeuern, treffen wir möglicherweise Ihre eigenen Soldaten.«
»Und der Schlachtkreuzer würde das Feuer erwidern«, machte Gaiene dem Mann klar. »Wir wollen nicht, dass Ihr hübsches neues Schiff irgendwelche Schrammen abbekommt. Das würde Ihrer Präsidentin gar nicht passen, und ich möchte nicht bei ihr in Ungnade fallen.«
»Präsidentin Iceni ist eine großartige Führerin«, gab Kontos zurück.
Er glaubt, was er da sagt. Und vielleicht hat er damit auch recht. Aber ihm fehlt die nötige Erfahrung um zu erkennen, dass auch der großartigste Führer sein Volk in verheerende Katastrophen führen kann. Hoffentlich ist das hier nicht der Fall. Iceni ist schon eine verdammt tolle Frau. Zu schade, dass sie nie versucht hat, mich zu verführen. Ich würde es bei ihr nicht wagen. Wenn sie mich dafür nicht umbrächte — General Drakon würde es tun. »Sie ist beeindruckend«, kommentierte Gaiene.
»Ja.« Kontos klang fast ehrfürchtig.
Er betet diese Frau an. Armer Junge. Ich hoffe, es reißt ihm kein allzu großes Loch ins Herz, wenn er irgendwann mit der Wirklichkeit konfrontiert wird.
»Ich habe eine weitere Nachricht vom Schlachtkreuzer erhalten«, sagte Kontos und klang wieder etwas sachlicher.
»Ihr persönliches Angebot für Reichtum, Beförderung und alles andere?«