»Nein, das wurde mir nicht angeboten. Vermutlich weiß der gegnerische Befehlshaber, dass ich unsere Präsidentin niemals verraten würde.«
Oder weil der Mann keine Veranlassung sieht, dir irgendwas anzubieten. Immerhin glaubt er, dass das Schlachtschiff nichts weiter als eine reife Frucht ist, die er nur noch pflücken muss. »Und was sagen die Ihnen?«, wollte Gaiene wissen.
»Sie verlangen, dass ich ihre Aufforderung zur Kapitulation bestätige.«
»Lehnen Sie ab, und sagen Sie ihnen, dass Sie dieses Schiff bis zum letzten Atemzug verteidigen werden.«
Kontos kniff verwundert die Augen zusammen. »Ich soll sie wissen lassen, dass sie mit erheblichem Widerstand rechnen müssen?«
»Was Sie damit machen«, erklärte Gaiene geduldig, »ist, sie glauben zu lassen, dass Sie sich dem Enterteam mit aller Macht widersetzen werden. Viel kann das natürlich nicht sein, schließlich sollte sich ja nur eine Minimalcrew an Bord befinden. Aber die Aussicht darauf, dass Sie entschlossen sind Widerstand zu leisten, wird sie veranlassen, ein großes Enterteam rüberzuschicken, um Ihre Gegenwehr so schnell wie möglich zu überrennen. Wenn dieses Enterteam an Bord kommt, werden meine Soldaten es eliminieren, und wenn wir dann an Bord des Schlachtkreuzers gehen, haben wir dort weniger Crewmitglieder, die ihrerseits uns Gegenwehr leisten können.«
»Ah, verstehe. Ich soll also verzweifelt und entschlossen wirken.«
»Ganz genau.« Gaiene brachte es fertig, den jungen Kapitan-Leytenant dabei anzulächeln.
»Das kriege ich hin«, gab Kontos etwas leiser zurück. »Ich weiß, wie sich das anfühlt. Bei Kane. Auf diesem Schlachtschiff, auf dieser Brücke, während wir Tag für Tag damit rechnen mussten, dass die Schlangen durchkommen.«
Mit einem Mal sah er Kontos mit ganz anderen Augen. Der Junge hat schon einiges durchgemacht. Das will man gar nicht glauben. Er zeigt seine Narben nicht, aber sie sind da, nicht wahr, Junge? Manchmal verblassen sie mit der Zeit. Wenn man Glück hat. »Was Sie bei Kane geleistet haben, war außergewöhnlich, Kapitan-Leytenant Kontos. Danach dürfte diese kleine Operation hier eine Leichtigkeit werden. Entweder funktioniert unser Plan, dann können wir schon in Kürze unseren Sieg feiern, oder es wird ein völliger Fehlschlag, und wir sind in Kürze alle tot.«
Kontos lächelte und nickte, ohne Gaiene aus den Augen zu lassen. »Das ist wahr. Ich werde den Kommandanten dieses Schlachtkreuzers unterhalten und ihn ablenken, so gut es geht. Geben Sie mir Bescheid, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann.«
»Sorgen Sie nur dafür, dass die Zitadellen fest verschlossen bleiben. Den Rest erledigen diesmal wir.«
Kontos salutierte förmlich, dann wechselte das Bild und zeigte, was sich draußen im All abspielte.
»Weniger als eine Stunde«, wandte sich Gaiene über den Komm-Kanal an die Soldaten seiner Brigade. »Ich erwarte in einer halben Stunde volle Gefechtsbereitschaft.«
Im Verlauf der nächsten fünfundvierzig Minuten beobachtete Gaiene, wie der Schlachtkreuzer herangeschossen kam. Zunächst nur als Punkt in dem flammenden Licht der mit Höchstleistung abbremsenden Antriebseinheiten, bis es sich in einer relativen Position zum Schlachtschiff befand und den Eindruck erweckte, als wäre es zum Stillstand gekommen. Als es dann nur noch deutlich langsamer näher kam, entstand die optische Täuschung, dass das riesige Kriegsschiff sich immer weiter aufblähte.
»Ich habe Enteroperationen noch nie leiden können«, ließ Lieutenant Colonel Safir von ihrem Posten irgendwo auf dem Schiff verlauten. Die fast tausend Soldaten, die sie mitgebracht hatte, waren auf vier große Verladehangars verteilt. Jeder Hangar beherbergte damit rund zweihundertfünfzig Soldaten, die so positioniert waren, dass fast jeder von ihnen freie Schussbahn auf die Angreifer haben würde, ohne seine Kameraden zu gefährden. Angesichts des verfügbaren Raums war eine sorgfältige Planung erforderlich gewesen, um dieses Resultat zu erzielen. »Ich habe nur eine mitgemacht, und damit verbinde ich keine guten Erinnerungen.«
»Wir werden an dieser Operation mehr Spaß haben als die Gegenseite«, erwiderte Gaiene. Das Universum war für ihn lange Zeit nur ein düsteres, trübes Etwas gewesen, in dem nur Gefechte, Alkohol oder Frauen für ein wenig Licht sorgen konnten. Erinnerungen hätten etwas mehr Licht und Farbe reinbringen können, doch damit wäre auch der Schmerz zurückgekehrt, also gab er sein Bestes, um alles von sich fernzuhalten.
Der Ring an seiner linken Hand war unter dem Schutzhandschuh verborgen, aber er vergaß nie, dass er sich dort befand. Auch wenn sonst nichts blieb, der Ring war stets da.
Seine Laune besserte sich dank der Aussicht auf den bevorstehenden Kampf, und für den Augenblick vermochte er die Leere und die Erinnerungen zu vergessen, gegen die er Tag für Tag ankämpfte.
Die Verbindung zu den externen Sensoren des Schlachtschiffs bildete den Schlachtkreuzer ab, der jetzt ganz nahe herangekommen war. »Fünf Minuten«, warnte Kapitan-Leytenant Kontos über die Bordlautsprecher. »Die Gryphon und die Basilisk haben die Nachricht übermittelt, dass sie Haris’ Angebot annehmen. Sie ändern die Vektoren, um sich dem Schlachtkreuzer anzuschließen!«
Elf
»Sie desertieren?«, fragte Lieutenant Colonel Safir an Gaiene gewandt.
»Das bezweifle ich.« Gaiene konnte nur hoffen, dass er damit und mit seiner Einschätzung von Kapitan Stein richtig lag. Wenn es darum ging, Frauen richtig zu beurteilen, hatte er dabei nicht immer richtig gelegen. Nicht, dass er Männer besser hätte einschätzen können.
Fünf Minuten und vier Sekunden später war der Schlachtkreuzer neben ihnen relativ zum Stillstand gekommen, wobei ihn nur gut fünfzig Meter vom Schlachtschiff trennten. Plötzlich bildeten sich Öffnungen in der Hülle des gegnerischen Schiffs, als alle vier Frachtluken auf der dem Schlachtschiff zugewandten Seite geöffnet wurden. Jede Luke war fünf Meter hoch und zehn Meter breit, aber schon nach Sekunden war von ihnen kaum noch etwas zu erkennen, da ein Gewirr aus Menschen in Schutzanzügen aus den Luken zum Vorschein kam, die alle zielstrebig auf die immer noch verschlossenen Zugänge des Schlachtschiffs zuhielten.
Gaiene und ein Teil seiner Brigade warteten geduldig hinter einem dieser Zugänge; zusammen mit den übrigen Gruppen an den anderen Frachtluken waren sie fast tausend Soldaten in kompletter Gefechtsrüstung, die ihre Waffen feuerbereit im Anschlag hielten. Er hätte lieber mehr Truppen mitgebracht, aber der Frachter war so schon an seine Grenzen gestoßen (die Lebenserhaltungssysteme an Bord hätten auch so auf dem Weg zum Gasriesen beinahe wegen Überlastung versagt), außerdem sollten tausend Soldaten genügen.
»Alle Späher starten«, befahl Gaiene.
Späher in Tarnanzügen, die vor einer halben Stunde das Schlachtschiff verlassen hatten, um sich an der Außenhülle festzuklammern, waren für die Angreifer unsichtbar. Auf Gaienes Befehl stießen sie sich von der Hülle ab und bahnten sich unbemerkt ihren Weg zwischen den Leuten des Ulindi-Enterteams hindurch, um sich den großen Frachtluken des Schlachtkreuzers zu nähern.
Objekte zu entdecken und zu zählen war eine Aufgabe, die von automatischen Sensoren sehr gut erledigt werden konnte. Innerhalb von Sekunden lieferten die Sensoren des Schlachtschiffs dann auch das Ergebnis. Siebenhundertzwanzig. »Fast die halbe Besatzung«, stellte Safir fest.
»Hervorragend«, erwiderte Gaiene.
Das Auftreffen von etwas mehr als siebenhundert Angreifern auf der Hülle des Schlachtschiffs konnte von den auf sie wartenden Soldaten in ihren Rüstungen nicht wahrgenommen werden, doch die Sensoren meldeten exakt die Positionen aller gegnerischen Einheiten und leiteten diese Informationen an die Gefechtssysteme in den Rüstungen der Verteidiger weiter. Gaiene beobachtete die Anzeigen und spürte, wie seine Begeisterung erwachte. Er genoss dieses Gefühl, lebendig zu sein, auch wenn es nur von kurzer Dauer sein würde.