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Der Kommandantensessel des Schlachtkreuzers stand leer und verlassen da. Gaiene ging hin und setzte sich. Dabei befassten sich seine Gedanken zum einen damit, seine Soldaten im Auge zu behalten, während sie das soeben eroberte Kriegsschiff sicherten, zum anderen fragte er sich jedoch, wie lange er wohl noch würde warten müssen, ehe er sich endlich wieder betrinken konnte. Es galt, das Schiff zu sichern, es an die Leute von den mobilen Streitkräften zu übergeben, dann herauszufinden, wo die Werftarbeiter den Schnaps versteckt hatten.

Es war nie verkehrt, vorausschauend zu denken.

Mit Blick auf die Umstände, unter denen ihre letzte persönliche Unterhaltung geendet hatte, war Drakon umso erstaunter, von einer lächelnden Iceni begrüßt zu werden, als die sich über eine sichere Leitung bei ihm meldete.

»Ich wollte mich bei Ihnen für meinen reizenden neuen Schlachtkreuzer bedanken.«

»Für Ihren reizenden neuen Schlachtkreuzer?«, fragte er.

»Jetzt verderben Sie mir nicht mit irgendwelchen Haarspaltereien dieses Geschenk.« Sie lächelte ihn noch breiter an. »Ich mag ja manchmal eine Hexe sein, aber ich bin keine undankbare Hexe. Aber jetzt mal im Ernst: Ich weiß, ich verdanke das Ihren Soldaten und Ihrer Entscheidung, bei dieser Operation mitzumachen. Wenn wir den Schlachtkreuzer wieder auf Vordermann gebracht und das Schlachtschiff fertiggestellt haben, dann haben wir eine Verteidigung für dieses System, bei der es Boyens die Sprache verschlagen wird, wenn er noch mal herkommen sollte.«

»Colonel Gaiene sagte, am Schlachtkreuzer seien keine größeren Schäden entstanden«, bemerkte Drakon etwas verwundert.

Als sie daraufhin von Herzen lachte, musste er feststellen, dass er das nach der wochenlangen schwierigen Beziehung als sehr wohltuend empfand. »Das ist eine Einschätzung der Bodenstreitkräfte. Ihre Soldaten, von denen ich ja weiß, dass sie gar keine andere Wahl hatten, haben zum Teil wichtige Ausrüstungsgegenstände zertrümmert, dazu Luken heraus- und Löcher in Schotte gesprengt, die keine Löcher aufweisen sollten. Das muss alles behoben werden. Die meisten überlebenden Crewmitglieder scheinen sich uns anschließen zu wollen, aber es sind nicht so viele Überlebende, wenn man bedenkt, welche Crewstärke ein Schlachtkreuzer benötigt.«

»Wenn wir Glück haben, werden Colonel Rogero und Ihre Kommodor das Problem für uns lösen. Sie dürften genügend Veteranen mitbringen, mit denen wir die Midway und den neuen Schlachtkreuzer gleichermaßen bemannen können.«

»Ja. Wie sollen wir ihn nennen, Artur?« Sie sah ihn auf eine ausgelassene Weise fragend an. »Ich habe das Schlachtschiff getauft. Sie sollten dem neuen Schlachtkreuzer einen Namen geben.«

»Wirklich?« Gwen war ausgesprochen gut gelaunt. Aber natürlich konnte er nicht davon ausgehen, ihr immer dann einen neuen Schlachtkreuzer zu präsentieren, wenn sie unerklärliche schlechte Laune hatte. Andererseits war zu hoffen, dass es auch gar nicht so oft notwendig werden würde. »Wollen Sie Schlachtkreuzer auch nach Sternen benennen?«

»Ich finde, das wäre eine gute Idee. Aber …« Nachdenklich schürzte sie die Lippen. »Wenn wir das Schiff nach einem der umliegenden Sternensysteme benennen, könnte man dort glauben, uns schwebe eine Art Eigentumsrecht an diesem System vor, oder aber sie meinen fälschlicherweise, dass sie irgendwelche Rechte an unserem Schiff geltend machen können.«

»Das könnte allerdings ein Problem werden«, stimmte Drakon ihr zu. »Wie wäre es denn, wenn wir dem Schlachtkreuzer den Namen eines Systems geben, das von niemandem bewohnt wird? Pele.«

»Pele? Das System ist von den Enigmas besetzt!«

»Die Enigmas haben das Syndikat aus Pele vertrieben«, stellte Drakon klar, »aber nach dem zu urteilen, was Black Jacks Flotte dort vorgefunden hat, halten sich dort keine Enigmas auf.«

»Hmmm.« Iceni schaute nachdenklich zur Seite. »Wir stehen an vorderster Front zwischen Menschheit und Enigmas. Indem wir eine Verbindung zu Pele schaffen, unterstreichen wir diese Tatsache.«

»Könnte nur sein, dass es den Enigmas nicht gefällt«, warf Drakon ein.

»Wen kümmert, was den Enigmas gefällt? Wer weiß überhaupt, was den Enigmas gefällt und was nicht? Nicht mal Black Jack konnte darauf eine Antwort finden. Die Enigmas greifen uns einfach immer wieder an und wollen, dass wir ihnen den Planeten überlassen.« Iceni nickte. »Ich bin mit Pele einverstanden. Und ich gebe ohne Vorbehalte zu, dass Sie mit Ihrer Einschätzung von Colonel Gaiene richtig gelegen haben. Kapitan-Leytenant Kontos war sehr skeptisch, was Ihren Colonel anging, aber er war zutiefst beeindruckt, wie gut er und seine Einheit die Eroberung dieses Schlachtkreuzers ausgeführt haben.« Ihr Lächeln nahm einen zögerlichen Zug an. »Ich werde lernen müssen, Ihren … Einschätzungen … zu vertrauen.«

»Vertrauen?« Und das hatte sie nicht mal in einem spöttischen Unterton gesagt. »Sind Sie sich auch wirklich sicher?«

Mit einem Mal wurde sie völlig ernst. »Nein, und möglicherweise werde ich mir auch nie sicher sein. Können Sie damit leben?«

»Bislang bin ich damit zurechtgekommen.«

»Sie sind schon mit Schlimmerem zurechtgekommen, das von mir kam, General Drakon, selbst wenn Sie aus einem unerfindlichen Grund nicht in der Lage zu sein scheinen, solche Dinge zu bemerken. Aber Sie haben mich dazu gedrängt, einer Operation zuzustimmen, die mich in eine viel mächtigere Position gebracht hat. Entweder wollen Sie tatsächlich mit mir zusammenarbeiten, ohne mich zu verraten, oder Sie sind der größte Narr der Menschheitsgeschichte. Oder aber Sie sind noch viel verschlagener und listiger als Black Jack.«

Drakon reagierte mit einem sarkastischen Grinsen. »Ich glaube nicht, dass ich ein Narr bin. Jedenfalls nicht normalerweise. Und ich weiß, ich bin nicht Black Jack.«

»Ein Mann muss nicht Black Jack sein, um von Bedeutung zu sein für … für dieses Sternensystem«, führte Iceni ihren Satz zu Ende. »Nochmals danke, Artur.«

Erst als sie die Verbindung beendet hatte, wurde Drakon bewusst, dass Iceni in Sorge gewesen war. War das der Grund, warum sie sich bei der letzten Besprechung so aufgebracht verhalten hatte? Weil sie gewusst hatte, wenn die Attacke auf den Schlachtkreuzer erfolgreich verlaufen sollte, dann würden Drakons Soldaten die Kontrolle über das mächtigste Kriegsschiff im gesamten System erlangen? Sie war sich nicht sicher gewesen, ob er sich an ihre Vereinbarung, an ihre Partnerschaft halten und den Schlachtkreuzer tatsächlich ihren mobilen Streitkräfte übergeben würde, sobald das Schiff gesichert war.

Warum ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich sie hätte hintergehen können, indem ich die schlagkräftigsten mobilen Streitkräfte und die Bodenstreitkräfte gemeinsam meinem Kommando unterstellt hätte? Aber ich habe es nicht gemacht. Wir haben eine Abmachung getroffen, und ich breche keine Abmachungen. Selbst wenn jemand so unangenehm und kaltherzig ist wie …

Sie wird mich nicht hintergehen. Wenn Iceni mir einen Dolch in den Rücken hätte bohren wollen, dann wäre sie in den letzten Wochen und vor allem in der vergangenen Woche freundlich und zuvorkommend gewesen, um mich dazu zu überreden, dass ich tue, was sie will. Die typische CEO-Taktik. »Aber natürlich bin ich Ihre gute Freundin … Sie Schwachkopf.« Und wenn sie dann im Besitz des Schlachtkreuzers wäre, würde sie sich mir gegenüber frostig und abweisend verhalten. Aber sie hat genau das Gegenteil davon gemacht.