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Warum ist Malin nicht auf die Idee gekommen, mich auf die Möglichkeit hinzuweisen, ich könnte doch nach getaner Arbeit den Schlachtkreuzer behalten? Vielleicht hatte er diese Idee ja sogar gehabt und war nur zu dem Schluss gekommen, ich müsste längst darüber nachgedacht und mich dagegen entschieden haben. Allerdings erklärt das nicht, wieso Morgan nicht ausgerastet ist, dass ich den Schlachtkreuzer an Iceni übergeben würde. Morgan hatte gegen diese gesamte Operation überhaupt nichts einzuwenden gehabt.

Weil Morgan gar nicht erst davon ausgegangen war, dass Iceni den Schlachtkreuzer bekommen würde, wie ihm in diesem Moment bewusst wurde. Sie hat angenommen, ich würde das Schiff behalten. Wenn sie herausfindet, dass ich das nicht getan habe …

Vielleicht wird Morgan ja endlich lernen, anderen Leuten wieder zu vertrauen und sie zu akzeptieren, wenn ich ihr zeige, dass jeder Einzelne von uns profitiert, weil diese Art von Strategie und Kooperation uns alle stärkt. Ich habe die letzten zehn Jahre lang versucht, sie zu der Einsicht zu bringen, dass Zynismus und Manipulation einen auf Dauer nicht ans Ziel bringen. Und ganz gleich, wohin es einen bringt, es ist letztlich nie den Preis wert, den man dafür bezahlt. Außerdem ist das eine Denkweise des Syndikats, und sie verabscheut noch viel mehr als ich alles, was mit den Syndiks zusammenhängt.

Aber während ich ihr das alles darlege, wird sie mir am liebsten den Kopf abreißen wollen.

»General?«, ertönte es aus dem Komm. »Colonel Morgan ist hier. Sie sagt, sie muss sofort mit Ihnen reden.«

Und es geht los. »Schicken Sie sie rein.«

Auf der Brücke des Schweren Kreuzers Manticore wartete Kommodor Marphissa auf die unmittelbar bevorstehende Ankunft ihrer Flotte im Indras-Sternensystem. Sie war soeben von einem Gespräch mit Captain Bradamont zurückgekehrt, die seit der Abreise aus Midway die meiste Zeit in ihrem Quartier verbracht hatte, damit sich die Crew möglichst wenig an ihrer Anwesenheit störte. Als Admiral Gearys Flotte vor Monaten auf dem Weg nach Midway Indras durchquert hat, war das Sternensystem noch fest in der Hand der Syndikatwelten, hatte Bradamont ihr berichtet. Sie haben nicht versucht, uns aufzuhalten, allerdings verfügten sie auch nicht über die Mittel, sich uns in den Weg zu stellen.

Was erwartete sie nun bei Indras? Hatte man sich dort mehr Kriegsschiffe angeeignet, um sich besser verteidigen zu können? Stand Indras immer noch loyal zum Syndikat, oder hatten die Menschen sich von der Zentralregierung losgesagt, um ihr Glück auf eigenen Beinen zu versuchen? Sie und der Rest der Heimkehrerflotte würden die Antworten auf diese Fragen in wenigen Minuten erfahren.

Auf ihrem Display war eine Reihe von grünen Lichtern zu sehen, die die volle Gefechtsbereitschaft der Manticore anzeigten. Die anderen Kriegsschiffe der Flotte sollten in diesem Moment ebenfalls auf alles gefasst sein, während die Frachter nicht mehr tun konnten als darauf zu hoffen, dass sie von den Kriegsschiffen beschützt wurden.

»Eine Minute«, verkündete der Senior-Wachspezialist an Kapitan Diaz gerichtet.

»Wir sind bereit«, sagte Diaz zu Marphissa.

»Wollen wir’s hoffen«, murmelte sie. Einen Moment lang fragte sie sich, wo sich der vormalige Kapitan Toirac jetzt wohl befand. Auf Befehl von Präsidentin Iceni hatte sie Toirac mitsamt Bewachung zur Primärwelt von Midway geschickt. Eigentlich war sie entschlossen gewesen, nicht noch einmal mit ihm zusammenzutreffen, doch ein seltsames Pflichtgefühl hatte Marphissa dazu getrieben, an der Luftschleuse zu stehen, als er von Bord gebracht wurde. Das Letzte, was sie von ihm sah, waren sein schlaffes, regloses Gesicht und ein vorwurfsvoller Ausdruck in seinen Augen.

Sie schüttelte flüchtig den Kopf, um dieses Bild zu vertreiben, da die Flotte in dieser Sekunde das Hypernet auf die gewohnt unspektakuläre Weise verließ. Eben noch waren die Schiffe in ihrer Blase aus irgendetwas im Nichts unterwegs gewesen, und jetzt war diese Blase verschwunden, die Sterne strahlten ihnen entgegen, und die Flotte entfernte sich kontinuierlich vom Portal bei Indras.

»Was verrät uns die Kommunikation?«, fragte sie die Komm-Spezialistin.

Die Frau schaute auf ihre Schirme und lauschte intensiv. »Sie gehören immer noch zum Syndikat, Kommodor. Aller Nachrichtenverkehr, den ich beobachten und belauschen kann, bestätigt das. Für einige Übermittlungen wird ein Code der Schlangen verwendet. Wir können sie nicht lesen, was bedeutet, dass die Codes, die wir bei Midway erbeutet hatten, inzwischen veraltet sind.«

Damit war diese Frage schon mal geklärt, da die aufgefangenen Nachrichten schon Stunden vor Eintreffen der Flotte gesendet worden waren und folglich nicht als Täuschungsmanöver gedacht sein konnten, um den soeben eingetroffenen Schiffen etwas vorzumachen. Marphissa zog ihren Anzug zurecht. So sehr sie auch die Uniformen des Syndikats verabscheute, war sie für diesen einen Auftritt ein unverzichtbares Utensil, obwohl der Anzug für einen deutlich höheren Dienstgrad bestimmt war als für den, den sie innehatte.

Sie setzte jene herablassende Miene auf, die sie schon so oft bei Syndikat-CEOs zu sehen bekommen hatte, dann betätigte sie ihre Komm-Kontrollen. »An die Behörden im Indras-System, hier spricht CEO Manetas, Befehlshaberin einer Flotte auf dem Weg zu einer ISD-Mission im Atalia-System. Ich benötige diesmal keine Unterstützung Ihrerseits«, brachte sie mit so viel Arroganz über die Lippen, wie sie nur konnte. Präsidentin Iceni hatte betont, wie wichtig ein solches Auftreten war. Syndikat-CEOs bitten nie um etwas, und Sie lassen nie auch nur einen Hauch von Demut oder Schwäche erkennen.

»Für das Volk. Manetas, Ende.« Es kostete sie besondere Mühe, diese Formel so schludrig auszusprechen, wie es im Syndikat üblich war, weil sie für die Führer der Syndikatwelten keine Bedeutung besaß.

Sie beendete die Übertragung und atmete tief durch. »Wir werden sehen, wie das ankommt.«

Diaz sah sie amüsiert an. »Ich möchte wetten, Sie haben nie erwartet, einen CEO-Anzug tragen zu müssen.«

»Nie erwartet und nie gewollt«, antwortete Marphissa. »Ich fühle mich in dem Ding regelrecht dreckig. Aber dieser Auftritt ist notwendig. Wir müssen die hiesigen Behörden davon überzeugen, dass wir eine echte Syndikat-Flotte auf dem Weg nach Atalia sind, um dort für Ordnung zu sorgen. Wenn uns das gelingt, können sie anschließend sogar herausfinden, wer wir wirklich sind, trotzdem werden sie bei unserer Rückkehr nicht genug Zeit haben, um diese Hypernet-Blockade zu aktivieren, ganz gleich, wie die auch funktionieren mag.«

»Sie könnten in der Lage sein, das von hier aus zu erledigen«, wandte Diaz ein.

»Aber das werden sie nicht ohne die Erlaubnis von Prime machen«, beharrte Marphissa. »Glauben Sie, Prime wird irgendjemandem die Macht in die Hand legen, das Hypernet abzuschalten und jeden Handels- und Militärverkehr zu unterbinden? Indras wird sich erst eine Erlaubnis einholen müssen, und wenn die vorliegt, sind wir längst zurück in Midway.«

»Ich verstehe, was Sie meinen«, räumte Diaz ein. »Aber was ist, wenn sie uns durchschauen, noch bevor wir nach Atalia weiterfliegen können?«

»Dann fliegen wir einfach weiter und hoffen darauf, dass das Portal noch offen ist, wenn wir zurückkommen.« Marphissa deutete auf ihr Display. »In Sachen mobile Streitkräfte haben die hier zwei Leichte Kreuzer und zwei Jäger, die alle im Abstand von dreißig Lichtminuten um den Stern kreisen. Das reicht zweifellos aus, um die Bevölkerung hier im System in Schach zu halten, es ist aber bei Weitem nicht genug, um uns den Weg zu versperren, und sie sind auch sonst in keiner Position, aus der heraus sie uns drohen könnten.«

Diaz fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, während der Blick auf seinem Display ruhte. »Sollen wir sie zerstören? Sollen wir die Leichten Kreuzer und die Jäger zu uns locken und dann vernichten, damit die Bürger eine Chance bekommen, sich gegen das Syndikat zu erheben?«