Marphissa zögerte und spürte die übermächtige Versuchung zuzustimmen. Es kostete sie große Anstrengung, sich dagegen zu wehren. »Das geht nicht. Wir haben eine Mission, eine vorrangige Verantwortung.«
»Aber …«, begann Diaz und sah sie enttäuscht an.
»Nein. Hören Sie zu. Sie befehligen jetzt ein Kriegsschiff, Sie müssen in größeren Dimensionen denken. Dazu gehört auch, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir nach Hause kommen sollen, wenn uns hier etwas bei dem Versuch zustößt, die mobilen Streitkräfte unschädlich zu machen. Oder für den Fall, dass unser Angriff genügend Aufmerksamkeit erregt, dass die Syndikatsregierung das Hypernet erneut blockiert? Wer holt dann die Überlebenden der Reserveflotte ab? Wir sind ihre einzige Hoffnung auf Rettung aus den Lagern der Allianz, in denen sie festgehalten werden.«
»Das stimmt, Kommodor, aber …«
»Und selbst wenn wir es schaffen und zerstören alle vier Kriegsschiffe des Syndikats — können die Bürger hier im System daraufhin eine Revolte anzetteln? Was ist mit den Bodenstreitkräften? Und mit den Schlangen? Sie wissen, dass die Schlangen als letzte Verteidigungslinie Massenvernichtungswaffen in den Großstädten versteckt haben, um jede Rebellion niederzuschlagen.«
»Davon habe ich gehört«, gab Diaz zu.
»Und es stimmt. Präsidentin Iceni ist in vollem Umfang von General Drakon darüber informiert worden, was seine Soldaten gefunden haben, als sie das Hauptquartier der Schlangen einnahmen. Die Schlangen hatten in jeder Stadt auf der Primärwelt von Midway Atombomben versteckt, und sie waren bereits im Begriff sie zu zünden, als sie von General Drakon und seinen Bodenstreitkräften noch so eben daran gehindert werden konnten.«
»Das könnte hier auch passieren«, sagte Diaz nachdenklich. »Wenn die Bürger nicht bereit sind und sie die Bodenstreitkräfte nicht auf ihrer Seite haben …«
»Und wenn wir den Stein ins Rollen bringen, dann könnte es sein, dass ihre Städte von Kernexplosionen in Schutt und Asche verwandelt werden«, führte Marphissa seinen Satz zu Ende. »Präsidentin Iceni und General Drakon hatten ihre Rebellion gründlich geplant und abgestimmt, deshalb hat auch alles geklappt. Wir können hier nicht einfach so eine Rebellion vom Zaun brechen.«
Diaz betrachtete sie voller Bewunderung. »Sie haben in kurzer Zeit sehr viel dazugelernt. Es kommt mir vor, als wären Sie erst gestern noch eine Executive gewesen.«
»In gewisser Weise war das auch erst gestern«, sagte Marphissa. »Und jetzt sehen Sie mich an, wie ich einen CEO-Anzug trage! Ich kann es nicht erwarten, dieses Ding endlich wieder loszuwerden, aber ich muss abwarten, bis eine Antwort eingeht. Wollen Sie wissen, von wem ich diese Dinge lerne?«
»Aber sicher.«
»Von der Allianz-Offizierin.« Marphissa ignorierte Diaz’ entsetzte Miene. »Captain Bradamont ist schon länger dabei als wir beide, und sie ist auch viel länger eine Senior-Offizierin. Sie musste sich lange vor mir mit all diesen Dingen beschäftigen, und sie erzählt mir jetzt davon.«
»Wenn sie Ihnen sagt, was Sie tun sollen …«, begann Diaz.
»Nein! Sie zeigt mir, über welche Dinge ich mir Gedanken machen sollte. Das Gesamtbild. Das, was geschehen wird, im Gegensatz zu dem, was ich mir vorstelle, was geschehen soll. Die Folgen meines Handelns. Ich wusste schon einiges davon, auch wenn ich nicht in diesen Dimensionen gedacht habe, aber sie hilft mir es zu verstehen. Sie will, dass wir siegen, Kapitan Diaz. Nicht etwa, weil die Allianz irgendwelche Pläne für Midway hat, sondern weil … na, weil es für sie persönliche Gründe gibt, weshalb wir frei und stark sein sollen.«
Diaz sah sich um, setzte versuchsweise zum Reden an und drehte sich wieder zu Marphissa um. »Und weil so das Syndikat geschwächt wird?«
»Das sicher auch. Sehen Sie, Chintan, sie hasst das Syndikat, wir hassen das Syndikat. Sie hat in einem Arbeitslager des Syndikats gesessen. Wir müssen uns nicht mögen, aber wir können uns gegenseitig helfen.«
»Stimmt.« Diaz lächelte flüchtig. »Aber Sie mögen sie.«
Marphissa hob sie die Hände in einer hilflosen Geste. »Wir kommen miteinander aus.«
»Wird sie sich mit mir unterhalten?«
»Selbstverständlich wird sie das. Darum hat Black Jack sie zu uns geschickt.«
Diaz nickte bedächtig, sein Blick ruhte dabei wieder auf dem Display.
Die Antwort der Behörden von Indras traf exakt eine Stunde und eine Minute später ein, als eine umgehende Reaktion für die lange Strecke durch den interstellaren Raum benötigt hätte. Diese Verzögerung ließ sofort Arroganz erkennen, was sich dann auch bestätigte, als Marphissa die Nachricht abspielte, die ihr CEO Yamada übermittelt hatte, ein schon etwas älterer Mann, der sich offensichtlich viele Jahre lang ein zu gutes Leben gegönnt hatte. »CEO Manetas«, begann er. »Ich habe noch nie von Ihnen gehört.«
»Er hat Ihr Täuschungsmanöver durchschaut!«, rief Diaz.
»Nein, hat er nicht«, widersprach sie ihm. »Von Präsidentin Iceni wusste ich, dass ich etwas in dieser Art zu hören bekommen würde. Das ist ein Versuch, mich runterzuputzen und kleinzureden. Er will damit sagen, wenn er noch nie von mir gehört hat, kann ich auch nicht so wichtig sein. Und das bedeutet, sie glauben mir.«
Yamada redete im gleichen Tonfall weiter. »Ich benötige Ihre Unterstützung nicht. Sie können Ihrem Auftrag entsprechend weiterfliegen. Wenn Sie hierher zurückkehren, erwarte ich, dass Sie Ihre beiden Schweren Kreuzer im System lassen, da ich Verwendung für sie habe. Genießen Sie Ihren Flug durch Kalixa. Für das Volk. Yamada, Ende.«
Diaz und Marphissa begannen beide zu lachen. »Er hat es Ihnen abgenommen«, sagte Diaz.
»Auf ihn wartet eine große Enttäuschung, wenn wir wieder herkommen«, erwiderte Marphissa, »und ihm und allen anderen CEOs in diesem System erzählen, was sie mit ihren Erwartungen an uns machen können.« Sie stand von ihrem Platz auf. »Ich muss jetzt erst mal diesen Anzug loswerden und diejenige Uniform anziehen, die ich mit Stolz trage«, verkündete sie an die diensthabenden Spezialisten auf der Brücke gewandt. »Halten Sie mich über alles auf dem Laufenden, was sich da draußen tut, Kapitan Diaz.«
»Jawohl, Kommodor Marphissa«, antwortete der grinsend.
Auf dem Weg zu ihrem Quartier legte sie einen Zwischenstopp bei Bradamont ein. »Unser Trick hat funktioniert. Können Sie sich vorstellen, dass die mich für eine echte CEO der Syndikatwelten gehalten haben?«
Bradamont nickte anerkennend. »Gute Arbeit. Ich habe mir eben mein Display angesehen und an das letzte Mal zurückdenken müssen, als ich dieses System durchquert habe. Da hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich ausgerechnet an Bord eines ehemaligen Syndik-Kreuzers noch mal herkommen würde.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf ihr Display. »Indras ist weit genug von der Grenze zur Allianz entfernt, dass das System während des Krieges nicht oft das Ziel von Angriffen gewesen ist. Nur schade, dass ein so gut erhaltenes Sternensystem immer noch zu den Syndikatwelten gehört.«
Marphissa stand gegen den Türrahmen gelehnt da. »Das ist alles gelogen, müssen Sie wissen. Alles, was Sie da sehen, ist frei erfunden. Diese riesigen Fabrikationszentren und Transportrouten — das ist alles von Ineffizienz durchsetzt. Da wird schludrig gearbeitet, da wird geklaut und Ware auf den Schwarzmarkt umgeleitet. Diese Arbeiter wissen, dass das System zu ihrem Nachteil funktioniert, und darum ist ihnen alles egal. Das ist auch den Supervisoren zuzuschreiben, die ihre Beförderung irgendwelchen Vorgesetzten verdanken, für die nur wichtig ist, dass die Supervisoren ihnen genau das erzählen, was sie hören wollen. Die Schulen und Universitäten vermitteln technisches Wissen einigermaßen gut, aber ansonsten lehren sie nichts als Lügen. Die Einfamilienhäuser und die Apartmentkomplexe sehen sauber und sicher aus, klar, aber in ihnen leben Menschen in der ständigen Angst, der ISD könnte anklopfen, weil die Schlangen einen Verdacht haben oder weil man den Leuten etwas vorwirft oder einfach nur, weil irgendein Supervisor der Schlangen eine Verhaftungsquote erfüllen muss. So sieht das wahre System der Syndikatwelten aus.«