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»Das tut mir leid«, sagte Bradamont. »Niemand sollte so leben müssen.«

»Mit ›leben müssen‹ hat das nichts zu tun. Das ist einfach die Realität. Es ist die Realität gewesen, aber nicht länger in Midway. Wir werden stark genug werden, um anderen Sternensystemen zu helfen, so wie wir es bei Taroa gemacht haben. Eines Tages wird das Syndikat nur noch eine düstere Erinnerung sein.«

»Bis jemand eine neue Version ins Leben ruft«, merkte Bradamont finster an. »In der Allianz wurde oft darüber spekuliert, dass die Syndik-Führer den Krieg nicht beendeten, weil er ihnen dabei half, die Syndikatwelten zusammenzuhalten und die Unterdrückung der Bevölkerung zu rechtfertigen.«

»Um die Unterdrückung zu rechtfertigen, hatten sie den Krieg nicht nötig«, erwiderte Marphissa mit einem verächt lichen Schnauben. »Sie hatten schon vor sehr langer Zeit damit aufgehört, irgendetwas zu rechtfertigen. Aber es stimmt, dass wir nicht rebellieren würden, wenn die Menschen sich fragten, was die Allianz ihnen dann antun würde. Warum sollte man die einen Tyrannen durch andere Tyrannen ersetzen?«

»Die Allianz wird nicht von Tyrannen geführt«, widersprach Bradamont erschrocken. »Die momentan herrschende instabile Lage wird ja gerade dadurch verursacht, dass wir unsere Führer abwählen können. Das machen die Leute im Augenblick; leider nicht immer aus den richtigen Gründen.«

»Sie reden darüber, wie es in der Allianz zugeht«, machte Marphissa deutlich. »Ich rede von dem, was man uns über die Allianz erzählt hat. Wir wussten, dass man uns sehr wahrscheinlich Lügen auftischte, aber wie die Wahrheit aussah, war uns noch weniger bekannt. Wir wussten nur, dass Leute mit Macht korrupt waren und sich nicht um diejenigen kümmerten, die ihnen unterstanden. Warum sollten wir annehmen, dass Ihre Führer anders sein könnten als unsere.«

Bradamont schüttelte den Kopf. »Wie sind Sie zu dem Menschen geworden, der Sie heute sind, Asima? Sie sind kein schlechter Mensch, nicht mal ein ganz klein wenig.«

»Ich wusste, dass ich entweder so sein konnte wie die Leute, die ich verabscheute, oder eben nicht. Also beschloss ich anders zu sein.« Marphissa hielt kurz inne. »Der CEO hier hat eine spöttische Bemerkung gemacht: Wir sollen unseren Flug durch Kalixa genießen. Ich weiß, dass da das Hypernet-Portal kollabiert ist und viel Schaden angerichtet hat. Wie schlimm sieht es da aus?«

»Schlimm«, antwortete Bradamont. »Sehr schlimm.«

Sie waren noch zwölf Stunden vom Sprungpunkt entfernt, als Marphissa in ihrem Quartier von einem dringenden Ruf aus dem Schlaf gerissen wurde. »Wir haben eine Nachricht von den Schlangen erhalten«, meldete Diaz. »Wir können sie nicht lesen, aber sie ist von höchster Priorität und an die gefälschte Hüllenidentifikation gerichtet, die wir aussenden.«

Marphissa starrte ihn an, und langsam wich ihre Verwunderung blankem Entsetzen. »Die wollen, dass die Schlangen auf unseren Schiffen mit ihnen Kontakt aufnehmen! Unsere Schiffe haben keine Statusberichte der Schlangen gesendet!«

»Verdammt, daran hätte ich …«

»Daran hätten wir alle denken sollen. Schnell. Bauen Sie eine Mitteilung aus Bestandteilen der Nachrichten zusammen, auf die wir gestoßen sind, nachdem wir sie getötet hatten. Benutzen Sie die Schlangen-Verschlüsselungen, die wir aus Midway mitgebracht haben. Die sind zwar veraltet, aber etwas Besseres können wir ihnen nicht bieten. Sagen Sie … sagen Sie den Schlangen hier bei Indras, dass es neue Abläufe und Vorschriften gibt. ISD-Agenten auf Schiffen sollen nach Möglichkeit Funkstille wahren, damit Rebellen nicht herausfinden können, welche Schiffe nach wie vor loyal sind.«

»Kommodor, das ist eine schwache Ausrede«, sagte Diaz, »aber sie ist immer noch viel stärker als alles, was mir in den Sinn hätte kommen können. Ich bereite die Nachricht vor und schicke sie Ihnen zur Abnahme.«

Marphissa saß auf der Bettkante und starrte in die Schwärze ihres Quartiers. So dicht davor. Wir haben Indras so gut wie verlassen, ohne enttarnt zu werden. Aber jetzt sieht es so aus, dass sie uns noch in letzter Sekunde durchschauen. Das könnte unsere Rückreise zu einem wahren Albtraum werden lassen.

Zwölf

»Die Schlangen hier in Indras werden auf keinen Fall ein Schweigen als Antwort auf ihre Übermittlung akzeptieren«, sagte Marphissa zu Bradamont, die die Kommodor ihrem Wunsch entsprechend zusammen mit Kapitan Diaz in deren Quartier aufgesucht hatte.

»Das klingt so, als ob Ihnen keine andere Wahl bliebe, als es mit Ihrem Bluff zu versuchen«, stimmte Bradamont ihr missmutig zu.

»Wüssten Sie irgendetwas Plausibleres?«

»Etwas Plausibleres? Was man einer Schlange auftischen kann?« Die Allianz-Offizierin lachte kurz auf. »Nach allem zu urteilen, das ich über sie und über andere Bürokraten weiß, wird ihnen eine Anweisung umso echter vorkommen, je dümmer sie klingt. Wie viele dumme Anweisungen haben Sie über den Zeitraum von einem Jahr erhalten, bevor Sie gegen die Syndikatwelten rebellierten?«

»Sie sollten nicht in Jahren, sondern in Tagen rechnen, sonst wird die Zahl zu groß«, gab Diaz ironisch zurück.

»Sie meinen, die könnten die Antwort für echt halten, weil sie keinen richtigen Sinn ergibt?«, fragte Marphissa Bradamont. »Wissen Sie, das ist durchaus möglich. Das ist wirklich möglich. Also gut, ich gebe die Antwort zur Übermittlung frei«, wandte sie sich an Diaz. »Senden Sie sie, und falls Sie immer noch an irgendwelche Gottheiten glauben, dann beten Sie zu ihnen, damit sie die Schlangen dazu bringen, das zu glauben, was wir Ihnen da erzählen.«

An weiteren Schlaf war danach nicht zu denken. Marphissa versuchte in ihrem Quartier zu arbeiten, aber das regte sie nur auf, also machte sie sich auf den Weg zur Brücke, wo sie beinahe einem Wachspezialisten den Kopf abriss. Dabei hatte der nichts Schlimmeres getan, als sich nur ein bisschen lauter mit einem Kollegen zu unterhalten. Daraufhin kehrte sie in ihr Quartier zurück und suchte schließlich Bradamont auf, um mit ihr zu reden.

Eine Stunde vor dem Erreichen des Sprungpunkts nach Atalia begab sich Marphissa erneut auf die Brücke der Manticore. Sie wusste, dass sie hundsmiserabel aussah, und dementsprechend fühlte sie sich auch. »Keine Antwort von den Schlangen?«, wollte sie von Diaz wissen.

»Nein, Kommodor.« Diaz rieb sich die Augen, dann drückte er eines der stimulierenden Objekte auf seinen Arm, die alle nur als ›Aufputscher‹ bezeichneten. »Keine Antwort.«

Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal auf die Brücke gekommen war und Diaz nicht dort angetroffen hatte. Wie es schien, hatte er den Dienst für die gesamte Transitdauer übernommen. »Keine Hinweise darauf, dass irgendwer im Sternensystem einen Alarm ausgelöst hat?«, hakte Marphissa nach. »Immer noch kein Anzeichen für irgendeine Art von Reaktion? Keine schnellen Schiffe, die Kurs auf das Hypernet-Portal nehmen und den Eindruck erwecken, dass sie eine eilige Nachricht irgendwo abliefern müssen?«

»Nein, Kommodor.«

Was machen die bloß? Marphissa musterte finster ihr Display. Die Schlangen müssen doch zumindest etwas vermuten. Lassen sie uns in irgendeine Falle laufen? Warten sie auf die Zustimmung von irgendeinem hochrangigen CEO, der die Anweisung erteilt hat, nur dann aus dem Schlaf geholt zu werden, wenn Black Jack persönlich ins Sternensystem geflogen kommt? »Wir fliegen weiter. Wir halten weiter auf den Sprungpunkt zu und nehmen Kurs auf Atalia, ganz egal, was ab jetzt noch geschieht.«