Выбрать главу

Zu ihrem Erstaunen ließ die Anspannung auf der Brücke sofort deutlich nach. Sie sah Diaz fragend an.

»Es ist die Ungewissheit«, sagte er leise zu ihr. »Die macht uns alle wahnsinnig. Aber Sie haben gerade für ein wenig Gewissheit gesorgt. Wir fliegen weiter, und jetzt weiß jeder, was hier noch passiert.«

»Was hier noch innerhalb der nächsten Stunde passiert«, korrigierte Marphissa ihn. »Danach weiß ich so wenig wie jeder andere, was kommen wird.«

»Es könnte schlimmer sein«, gab Diaz zu bedenken. »Wir könnten immer noch Syndikatsanzüge tragen, und hinten auf der Brücke könnte eine Schlange stehen und jedes Wort mithören, das wir reden.« Sein Gesichtsausdruck wurde etwas ernster. »Das wäre richtig übel.«

»Haben Sie zu viele Medikamente eingenommen?«, wollte Marphissa wissen.

»Könnte sein.« Er lehnte sich nach hinten und sah zur Decke. »Ich glaube nicht, dass mir Indras gefällt. Wäre es nicht toll, wenn wir ein großes Display über uns hätten, das uns die Sterne zeigt, die sich jetzt gerade da oben befinden? Das wäre so, als befände sich die Brücke außen an der Schiffshülle, und wir hätten über uns ein großes Fenster.«

»Kapitan Diaz, wenn wir zum Sprung nach Atalia angesetzt haben, gebe ich Ihnen eine Minute Zeit, um die Brücke an einen anderen Offizier zu übergeben, und dann gehen Sie in Ihr Quartier, pappen sich ein Schlafpflaster auf und schlafen mindestens acht Stunden lang. Haben Sie verstanden?«

»Äh … ja, Kommodor.«

»Ich weiß, Sie wollen Ihrer Verantwortung nachkommen, als befehlshabender Offizier auf der Brücke zu sein. Aber es ist nicht der Sinn der Sache, so lange Dienst zu schieben, bis Sie unter Halluzinationen zu leiden beginnen. Sinn der Sache ist, sich von Zeit zu Zeit auszuruhen, damit Sie vernünftige Entscheidungen treffen und dann hellwach sind, wenn es wirklich darauf ankommt. Und ich weiß, ich war in den letzten Stunden ein ziemlich schlechtes Vorbild. Wenn wir im Sprungraum sind, werde ich mich ebenfalls aufs Ohr hauen.«

»Eine Nachricht geht ein«, warnte die Komm-Spezialistin. »Schlangen-Code. Der gleiche, den wir auch benutzt haben.«

Marphissa kniff die Augen zu und atmete ruhig und gleichmäßig durch, dann antwortete sie der Spezialistin. »Was sagen die Schlangen?«

»Nur … ›Wir verstehen.‹«

»Was? Was sagen sie?«

»Das ist alles, Kommodor. Das ist die gesamte Nachricht. ›Wir verstehen.‹«

Diaz setzte sich gerader hin und sah die Frau eindringlich an. »Können wir davon ausgehen, dass kein Wurm oder Virus oder Trojaner an diese Nachricht angehängt wurde?«

»Da ist nichts, Kapitan. Diese Nachricht ist viel zu klein, als dass da noch irgendetwas angehängt worden sein könnte. Sie besteht nur aus der Adresse und diesen zwei Worten.«

Marphissa atmete schwer seufzend aus. »Sie wissen Bescheid. Und jetzt spielen sie mit uns. Die Schlangen haben zwar rausgekriegt, dass wir nicht die sind, für die wir uns ausgeben, aber wahrscheinlich haben sie noch keine Ahnung, wer wir denn wirklich sind. Vielleicht hoffen sie, uns durch diese kurze Mitteilung zu einer Reaktion zu veranlassen, mit der wir mehr über uns verraten, weil wir glauben, sie wüssten mehr über uns, als es tatsächlich der Fall ist.«

»Das ist ein alter Schlangentrick«, stimmte Diaz ihr zu.

»Und sie wissen auch nicht, warum wir nach Atalia wollen. Ich würde mein Leben verwetten, dass die Schlangen auch keine Ahnung von unserem Plan haben, von dort zur Allianz weiterzufliegen. Wahrscheinlich haben sie in Atalia Agenten sitzen, und sie werden einen Weg finden, von ihnen zu erfahren, was wir dort im System machen.« Sie warf Diaz einen triumphierenden Blick zu. »Aber wir verfügen über mehr Feuerkraft als jeder andere in Atalia, wenn Captain Bradamonts Informationen immer noch zutreffen. Wir werden bei Atalia jeden daran hindern, Indras anzufliegen, bis unsere Frachter aus Varandal zurückgekehrt sind und wir selbst den Sprung zurück nach Indras unternehmen können. Die Schlangen werden erst wissen, was wir vorhaben, wenn wir da schon wieder eingetroffen sind, und dann ist es zu spät, um noch einzugreifen.«

Hoffentlich.

Vierzig Minuten später erreichten sie den Sprungpunkt. »An alle Einheiten der Heimkehrerflotte: Wir springen jetzt«, wies Marphissa ihre Schiffe an. Sie nahm kaum das geistige Zucken wahr, als sie in den Sprungraum überwechselten, und ebenso bemerkte sie fast nichts davon, wie die Sterne und die Schwärze des normalen Alls dem unendlichen Grau des Sprungraums wichen. Nur beiläufig sah sie eines der seltsamen, unerklärlichen Lichter auftauchen, die hier von Zeit zu Zeit vorbeizuckten. »Ich lege mich jetzt schlafen, und Sie werden das ebenfalls machen, Kapitan Diaz. Achten Sie darauf, dass Sie mich sofort rufen, wenn es irgendeinen Notfall gibt«, sagte sie dann an die Wachspezialisten gewandt, dann verließ sie die Brücke und zog sich in ihr Quartier zurück.

Sie mussten Kalixa durchqueren, um Atalia zu erreichen. Kalixa war ein wichtiges Sternensystem gewesen, das gut verteidigt war und vielen Millionen Menschen ein Zuhause bot.

Dann hatten die Enigmas das Hypernet-Portal Kalixas in der Hoffnung kollabieren lassen, damit eine Welle von Vergeltungsschlägen zwischen den Syndikatwelten und der Allianz auszulösen.

»Da ist nichts mehr übrig«, keuchte Kapitan Diaz entsetzt, als er die Überreste des Sternensystems betrachtete. »Selbst der Stern ist instabil geworden.«

»Auf dem vormals bewohnten Planeten kann man noch Ruinen erkennen«, stellte Marphissa mit düsterer Miene fest. »Es ist nicht mehr viel Atmosphäre übrig, die uns die Sicht nehmen könnte. Wäre der Plan der Enigmas aufgegangen, dann würde es jetzt in etlichen Sternensystemen der Allianz und des Syndikats genauso aussehen.«

Sie konnten Kalixa nicht so schnell durchqueren, wie es ihnen recht gewesen wäre, da die Frachter sie aufhielten. Dennoch erreichten sie relativ zügig den Sprungpunkt nach Atalia, und jeder atmete erleichtert auf, als das Grau des Sprungraums den Anblick des toten Sternensystems ersetzte.

Captain Bradamonts Informationen über Atalia trafen immer noch zu.

Marphissas Anspannung legte sich, als sich ihr Display aktualisierte und dabei einen einzigen Jäger im Orbit um die primäre bewohnte Welt des Sternensystems sowie ein einzelnes Allianz-Kurierschiff nahe dem Sprungpunkt nach Varandal anzeigte. Die unheimliche graue Isolation des Sprungraums zu verlassen und in den Normalraum zurückzukehren, wo einen überall ringsum funkelnde Sterne vor pechschwarzem Hintergrund umgaben, hatte jedes Mal etwas Erleichterndes. Aber oft ging damit auch eine extreme Anspannung einher, denn man wusste nie, was einen beim Austritt aus dem Sprungpunkt erwartete.

»Das wär’s dann«, sagte sie zu Bradamont, die auf die Brücke gekommen war, um die Ankunft im Atalia-System für den Fall zu beobachten, dass sich dort andere Allianz-Schiffe aufhalten sollten. »Wir bringen Sie jetzt rüber zu diesem Frachter. Ich werde mit der Manticore und der Kraken hier in der Nähe des Sprungpunkts nach Kalixa auf Sie warten und jeden daran hindern, nach Indras zu gelangen und dort den Schlangen zu erzählen, was hier los ist. Die Leichten Kreuzer und unsere Jäger werden Ihre Frachter bis zum Sprungpunkt nach Varandal begleiten und da auf Ihre Rückkehr warten.«

»Auf meine Rückkehr und die Ihrer Kameraden der Reserveflotte«, korrigierte Bradamont sie.

»Wenn das jemand hinkriegen kann, dann Sie«, sagte Marphissa. Als sie aufstand, um die Allianz-Offizierin zum Shuttle zu begleiten, hörte sie erstaunt, wie der Senior-Wachspezialist sich zu Wort meldete.

»Viel Glück, Kapitan«, rief er.

»Ja«, stimmte ein anderer Spezialist ein. »Einer von den Kerlen aus der Reserveflotte schuldet mir noch Geld. Ich hoffe, Sie bringen ihn mit.«

Bradamont grinste, winkte in die Runde und folgte Marphissa von der Brücke.

»Das kam jetzt überraschend«, meinte Marphissa, als sie beide zur Luftschleuse gingen.